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Untervaz
22.12.2021

Radreisebericht#1: Auf der Reise zu mir selbst

Mit dieser Ausrüstung ist Lucas J. Fritz aktuell unterwegs in Richtung Spanien.
Mit dieser Ausrüstung ist Lucas J. Fritz aktuell unterwegs in Richtung Spanien. Bild: Lucas J. Fritz
Mit dem Fahrrad fahre ich von Untervaz aus über Frankreich nach Spanien. In den kommenden Wochen und Monaten werde ich einmal wöchentlich eine Radreise-Kolumne da-rüber veröffentlichen. Dieser erste Bericht soll das Warum und Wohin meiner Radreise beleuchten. Von Untervaz nach Tarifa in Spanien soll mich die Reise führen. Zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Berichts bin ich bereits sechs Tage unterwegs und werde bereits in Neuenburg oder Yverdon-Les-Bains sein.

Warum unternehme ich diese unbequeme winterliche Reise mit dem Fahrrad? Weshalb jetzt und nicht zu einem anderen Zeitpunkt? Wie komme ich auf die Idee eine solche Reise antreten zu wollen? Was ist das Ziel meiner Radreise in den Süden von Spanien? Ich fahre im Dezember mit dem Fahrrad in Richtung Spanien, weil ich bis vor rund einem Monat als Durchdiener bei der Infanterie im Schweizer Militär eingeteilt war. Wäre ich früher entlassen worden, als erst Mitte November, wäre ich bestimmt schon früher losgereist. Ich will dieses Abenteuer jetzt unternehmen, weil das Hier und Jetzt immer die beste und einzige Möglichkeit birgt, ein Leben zu verändern. Während meines Militärdienstes hatte ich viel Zeit mir Gedanken darüber zu machen, was ich danach tun wollte. Viele Pläne entstanden und genauso viele verwarf ich wieder. Es reifte in mir die Erkenntnis, dass ich gar keinen Plan und gar kein Ziel zu haben brauchte. Dennoch behaupte ich hier in diesem Beitrag, ich wolle mit dem Fahrrad nach Spanien bis zur Küstenstadt Tarifa nahe Afrika fahren. Es ist durchaus meine Absicht in den folgenden Monaten mit dem Fahrrad unterwegs zu sein und die Bestimmung eines möglichen Zielortes gibt meinem Unternehmen eine Richtung. Ob ich nun dorthin fahre oder auf halbem Weg eine andere Richtung einschlage, ist und bleibt offen. Ohne Zwang, ohne Hast und Eile will ich fahren und leben in den kommenden Wochen und Monaten. Da es Winter ist, werden meine grössten Probleme in Kälte, Wind, Schnee, Regen und eisigen Strassen liegen. Damit rechne ich und damit will ich lernen umzugehen. Es ist eine Geduldsprobe im Winter auf eisigen Strassen manchmal stundenlang zu gehen, weil Fahren unmöglich ist.

Ab in die Wärme

In Richtung Spanien fahre ich auch um dem Winter zu entgehen und die Zeit im wärmeren Süden zu verbringen. Es ist jedoch keine Flucht, vielmehr war mir der vergangene Sommer aufgrund des Militärdienstes einfach zu kurz. Noch ist es kalt, doch je weiter ich in den Süden fahre, desto wärmer wird es. Mit Zelt, Schlafsack und einer dicken Isomatte ausgerüstet, überstand ich schon so manche Probenacht vor der eigentlichen Velotour. Auch bin ich mit einem Brennsprittkocher unterwegs.

Dies ist eine Reise zu mir selbst und eine Reise an die Wärme des Mittelmeers. Ich möchte viel Zeit alleine verbringen, um meine Fragen ans Leben zu beantworten. Ich will mich selbst erfahren. Zuhause bin ich der Enkel, Sohn, Bruder, Freund und Mitglied der Gesellschaft. Auf der Reise bin ich einfach nur Mensch, ich habe keine Rollen zu spielen, weil ich kaum intensive soziale Kontakte pflegen werde. Ich wage dieses Abenteuer weil ich meinem Leben von Grund auf neue Richtung geben möchte. Wohin und durch welche Landschaften Europas mich die Reise letztlich führt, verrate ich euch in den folgenden Kolumnen.

Schlafen im Zelt

Jetzt bin ich allein, nur mit mir selbst. Seit Stunden bin ich unterwegs. Die ersten Stunden der Reise waren bisher die härtesten. Einsamkeit machte sich breit. Beinahe schon wehmütig kehrte ich allem und jedem Menschen, den ich kannte den Rücken zu und ging ganz alleine fort. Doch die Last der Einsamkeit verflüchtigte sich bald, ich wurde mir der Intensität und Schönheit der Welt und meines Unternehmens bewusst. Mich selbst wollte ich finden. Jedoch nicht an einem fernen Ort, sondern auf der Reise, währenddessen ich etwas tat, nämlich Fahrrad zu fahren, was ich über alles liebe. Dieser erste Tag führt mich durch schattige Landschaften. Um neun Uhr in der Früh fahre ich los. Ich trage eine lange Hose, einen leichten Pullover, Handschuhe, einen Schlauchschal und eine Mütze. An Rücken und Nacken ist mir kalt, weil ich zeitweise zu langsam fahre. Am Kopf hingegen schwitze ich ständig, ganz egal wie sehr ich in die Pedale trete oder einfach nur so dahinrolle. Vielleicht sollte ich statt einer Mütze einen Ohrenwärmer tragen. So hätte ich trotzdem warme Ohren und schwitzte nicht. Meine allererste Reiseetappe führt mich von meiner Haustüre aus in Untervaz nach Walenstadt dem See entlang weiter in Richtung Rapperswil. Rund 80 Kilometer will ich am ersten Tag bewältigen. Ich kenne die Strecke gut, denn in den vergangenen Jahren bin ich schon oft mit dem Fahrrad, allerdings mit wenig Gepäck von Zuhause aus nach Zürich zu Verwandten gefahren. An jenem ersten Tag habe ich nichts ausser einer Banane gefrühstückt und bin ohne jegliche Essensreserven losgefahren. Dies tat ich in vollem Bewusstsein mit der Absicht bei Hunger im nächstbesten Laden mich mit Nahrung zu versorgen. Nach drei Stunden Fahrtzeit mache ich in Ziegelbrücke eine erste Pause. Einige Äpfel und Brötchen später stieg ich erneut in den Sattel und fuhr bis nach Bolligen nahe Rapperswil. Um drei Uhr nachmittags errichtete ich mein Zelt auf einem Rastplatz und richtete mich für die Nacht ein. Ich befand mich mit meinem Zelt direkt am See. Und nur wenige Meter hinter mir verlief eine Strasse und ein Zuggleis. Ich kroch mit der Annahme in den Schlafsack kaum zu schlafen, doch in jener ersten Nacht verbrachte ich gute zwölf Stunden im Zelt und schlief über neun Stunden. Einige Male erwachte ich, denn die hinter mir hindurchfahrenden Züge machten jede halbe Stunde einige Sekunden lang einen ohrenbetäubenden Lärm. Eigentlich schlief ich selten im Zelt, lange Zeit besass ich nicht einmal eines, doch für diese Velotour liess ich mich davon überzeugen ein Zelt mitzunehmen. Für alle Interessierten: Es ist das Hubba Hubba NX Zwei-Personen-Zelt von MSR. Ein Zelt mitzunehmen ist die einzig vernünftige Tat bei einer winterlichen Fahrradtour. Ohne Zelt würde ich die rauen, windigen Nächte draussen unter einem Tarp, einer Blache, den Bäumen vielleicht nicht überstehen.

Der frühe Vogel fängt den Wurm oder zumindest hier solch ein Panorama. Bild: Lucas J. Fritz

Erste Erkenntnisse

Am Morgen des zweiten Tages war der See und alles um mich herum in tiefem Nebel versunken. Ich liess mir Zeit und frühstückte gelassen im Stehen und Herumgehen. Nach zwölf Stunden im Schlafsack wollte ich mich nicht erneut hinsetzen. Vor Beginn der Fahrradtour habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, jeden Morgen Dehnübungen durchzuführen. In der Kälte des Morgens waren diese schlichten Übungen für Beine und Oberkörper eine Wohltat. Als die Kälte an mir zu nagen begann, beendete ich meine Übungen, packte meine Sachen zusammen und fuhr weiter. Die Strasse führte mich nach Rapperswil und beinahe wäre ich im dichtesten Nebel über den See nach Pfäffikon gefahren. Über Küsnacht, Meilen und Zollikon fuhr ich nach Zürich. Und weil ich bisher keine Ersatzschläuche, nur Schlauchflickzeug dabei hatte, kaufte ich mir noch welche in einem örtlichen Veloladen. Später ging die Reise weiter über Wollishofen nach Leimbach wo ich meine Familie besuchte. Ich verweilte einen Tag, um mich von der gesamten Familie zu verabschieden. Eine frühe Erkenntnis der Reise ist folgende: Halte dein Toilettenpapier immer griffbereit. Du weisst nie, wann du es brauchen wirst. In diesen ersten Tagen lernte ich die zahlreichen Trinkwasser-Brunnen zu schätzen und war und bin weiterhin unendlich dankbar, dass ich die Möglichkeit habe, diese Reise zu unternehmen.

ljf