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Untervaz
05.03.2022

Endlich wieder «Schiibaschlaha»

Der Brauch des «Schiibaschlaha» wird kommendes Wochenende zelebriert.
Der Brauch des «Schiibaschlaha» wird kommendes Wochenende zelebriert. Bild: Christian Ludwig
Am 6. März ist es endlich wieder mal so weit: In Untervaz findet der Brauch «Schiibaschlaha» statt. Wegen der Pandemie musste im 2021 pausiert werden, doch nun sind nicht nur für die Vazer Fasnacht jegliche Massnahmen vom BAG aufgehoben worden, auch das Scheibenschlagen kann wieder völlig unbeschwert durchgeführt werden.

Gemeindepräsident René Vogel freut sich, dass in Untervaz wieder das Leben tobt. Einen ersten Eindruck erhielten wir beim
1. Hallenschwingen in der neuen Schwinghalle. Das OK wurde mit dem grossen Zuschauerauflauf zwei Tage nachdem die Masken- und Zertifikatspflicht gefallen ist, überrumpelt. Dass die Zertifikatspflicht so kurz vor der Fasnacht fällt, passt natürlich perfekt. Das lange Warten geht in diesen Wochen zu Ende und ich glaube, dass die Untervazer Bevölkerung nun diese Anlässe speziell geniessen wird.»

Ganz oder gar nicht

Nicht nur die traditionelle Fasnacht, die sich in Untervaz grosser Beliebtheit erfreut, sondern auch der Brauch «Schiibaschlaha» findet am kommenden Sonntag wieder statt. Zum Glück, sagt René Vogel. «Bei solchen Traditionen ist es immer schwierig, wenn es eine zweijährige Pause gibt. Denn, nach so einer Durststrecke werden Stimmen laut, die behaupten, dass es vielleicht auch ganz gut ohne den Brauch geht. Diese gilt es vom Gegenteil zu überzeugen, denn es ist uns als Gemeinde eine Herzensangelegenheit, dass Bräuche und Traditionen erhalten werden.» Ohne die Unterstützung der Schule wäre es schwierig, auch wenn Vogel immer wieder betont, dass der Brauch kein expliziter Schulanlass und auch freiwillig ist. «Es gibt da treibende Kräfte wie der Lehrer Luzi Wolf oder auch Lorenz ‹Stäubli› Joos, die sich sehr für die Tradition ins Zeug legen und die Begeisterung für den Brauch an die nächste Generation weitergeben.» Auch wenn das blosse Schlagen der selbstproduzierten Scheiben im vergangenen Jahr wohl schon funktioniert hätte, sei es ihnen ein Anliegen gewesen, dass die Veranstaltung abgesagt werde. «Beim ‹Schiibaschlaha› werden glühende Scheiben vor dem Schleudern den ledigen Mädchen und Frauen im Tal gewidmet. Diese werden anschliessend zu Hause besucht. Da dies aber wegen Corona nicht möglich war, haben wir das Ganze abgesagt. Denn der Brauch wird nur durchgeführt, wenn alle Teile davon gewährleistet werden können.»

Ein verbindender Brauch

Zum ganzen Brauch gehört eben einiges dazu, sagt René Vogel. «Es ist schon aufwändig die ganze Geschichte. Die Buben machen in ihrer Freizeit nicht nur zwei bis drei Dutzend eigene Scheiben, auch die Fackeln, die sie bei der Rückkehr ins Tal tragen, sind selbst hergestellt.» Zudem gelte es die vier Abschlagplätze «Bi da Chriesibäum», «Schiibastab», «Liesibüel» und «Oberes Laubries» in Schuss zu halten. Dies vor und nach dem ersten Fastensonntag, der dieses Jahr auf den 6. März fällt. Doch auch die Untervazerinnen haben anlässlich des Brauches einiges zu tun. «Zu Hause bei den ledigen Damen werden Orangen, Getränke und Fasnachtsküachli und Gebäck serviert.» Es gehöre zum guten Ton, nicht nur jeder ledigen Dame im näheren Umfeld eine Scheibe zu widmen, sondern auch dass man als junger Untervazer jedem Mädchen aus der gleichen Klasse einen Besuch abstatte. Diese sogenannten «Bettelrouten» werden von der Schule organisiert. «Wichtig ist dabei vor allem auch, dass niemand sich ausgeschlossen fühlt oder gar vergessen wird. Zudem lernen die Jungen das Dorf und ihre Bewohner besser kennen, was zusätzlich für ein Zusammengehörigkeitsgefühl sorgt.» Die Vazer sind stolz auf ihren alten heidnischen Brauch, der dem Funkenfeuern in anderen Regionen nicht unähnlich ist und den Winter vertreiben soll. Auch Gemeindepräsident René Vogel war schon als Kind begeistert vom Brauchtum und gibt es inzwischen seinem Sohn weiter. So bleibt das «Schiibaschlaha» ein Brauch, der das Dorfleben bereichert, Leute einander näherbringt und hoffentlich noch viele Generationen weiter bestehen bleibt.

Gemeindepräsident René Vogel ist froh, dass in diesem Jahr wieder das «Schiibaschlaha» stattfindet. Bild: C. Imhof

chiibaschlaha» – Info-Böxli

Beim «Schiibaschlaha» in Untervaz am ersten Fastensonntag schleudern Knaben und Burschen glühende Holzscheiben von einer Anhöhe ins Tal. Sobald es dunkelt, wandert die männliche Jugend zu den verschiedenen Scheibenplätzen oberhalb des Dorfes. Mit sich trägt jeder eine Fackel, eine lange Haselrute und Holzscheiben aus Buchenholz, die nach Neujahr hergestellt, getrocknet und an einer Schnur aufgereiht worden sind. Am Scheibenplatz angelangt, stecken die Schläger die Scheiben einzeln auf die Rute, bringen sie im Feuer zum Glühen und schleudern sie anschliessend mit Schwung von der hölzernen Abschussrampe ins Tal hinunter. Begleitet wird jede Scheibe von einem lauten Ruf, einer Widmung für ein Mädchen oder eine ledige Frau: «Höut un dära sei si, dia Schiiba, dia Schiiba ghört dr Anna». Auf dem Dorfplatz unten spielt die Musikgesellschaft für die versammelte Gemeinde, und diese singt das Scheibenschlagerlied. Nach dem Flug der letzten Scheibe ins Tal machen sich die Burschen mit den brennenden Fackeln auf den Heimweg. Im Dorf besuchen sie die Mädchen, für die die Scheiben bestimmt waren, und werden mit «Fasnachtschüechli» bewirtet: «Au a Schiiba gschlaga, au a Chüechli». In Danis Tavanasa und Dardin (Breil) in der Surselva heisst das Scheibenschlagen «Trer schibettas» und findet am Samstag vor dem Fastensonntag statt.

Author: Silvia Conzett/Lebendige Traditionen)

 

Christian Imhof