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25.06.2022

Geputzt und gestrählt: Bündner Burgenverein wird 50!

Anlässlich seines 50-Jahr-Jubiläums wartete der Burgenverein Graubünden mit einem Programm rund um die Burg Neu-Aspermont in Jenins auf.
Anlässlich seines 50-Jahr-Jubiläums wartete der Burgenverein Graubünden mit einem Programm rund um die Burg Neu-Aspermont in Jenins auf. Bild: Sara Smidt
Der Burgenverein Graubünden feierte am Samstag, 18. Juni 2022, sein 50-Jahr-Jubiläum mit einem spannenden Programm rund um die Burg Neu-Aspermont in Jenins. Neben Vorträgen, gutem Essen mit Jeninser Wein und einem Mittelalterlager war der Höhepunkt im wahrsten Sinne des Wortes die Besichtigung der Burg. Ein Shuttledienst sorgte für die schweissfreie Bewältigung der Höhenmeter.

Graubünden ist der burgenreichste Kanton. Über 250 Burgstellen gibt es, die vor allem als Ruinen sichtbar sind, so Christoph Walser vom Archäologischen Dienst Graubünden. Heute ist es Ziel, den Zustand der Ruinen zu erhalten, so dass die historischen Strukturen nicht noch mehr zerfallen. Also wird nicht mehr rekonstruiert oder gegraben. Diesen Wunsch die Spuren der Vergangenheit zu erhalten, haben auch einige Unermüdliche, die sich 1971 als Burgenverein Graubünden zusammenschlossen. Seither setzten sich Vorstand und Mitglieder für bisher neun Burgen ein, unter anderem für die Burg Strahlegg im Prättigau von 2005 bis 2013. Das jüngste Projekt ist das bisher aufwändigste: die Burg Neu-Aspermont. Seit 2014 werden die jährlichen Frondienste in Jenins geleistet. Dabei finden sich jeweils rund 20 Personen zusammen, die eine Woche lang auf der Burg Schutt wegräumen, Pflanzen ausreissen und Mauern ausbessern, alles unter Aufsicht des Archäologischen Dienstes Graubünden. Sie kommen extra aus Zürich, St. Gallen, dem Aargau sowie Graubünden und geben dafür ihre Ferien. Anlässlich der Generalversammlung schildert der technische Leiter Jürg Rusch vom Vorstand, was letztes Jahr geleistet wurde. Besonders eindrücklich ist die Herstellung der Ziegel, die in Kooperation mit dem Ziegeleimuseum Cham und mit Hilfe der Ziegelei Gasser in Rapperswil BE nach alter Technik gebrannt wurden. 689 Ziegel wurden von Hand geformt, wobei einer sechs bis zehn Minuten braucht. Besonders stolz sind die Macher:innen, dass die Ziegel den Prägestempel des Burgenvereins zeigen. So wird auch in hunderten von Jahren sichtbar von wem die Ziegel kommen.

Die historische Gruppe «Seehaufen» gewährte einen Einblick in ein mittelalterliches Feldlager. Bild: Sara Smidt

Erhalt dank der Stiftung Neu-Aspermont

Im Anschluss an die Generalversammlung bekamen die rund 70 Interessierten spannende Vorträge zu hören. Zunächst steckte der Präsident der Stiftung Neu-Aspermont, Baseli Werth, mit seiner Begeisterung an, indem er aus der Geschichte der Burg erzählte. Er selbst war beeindruckt, als er vor 25 Jahren vor dem Turm stand und ihm klar wurde, dass dieser bereits seit Jahrhunderten steht. Aus Hochachtung übernahm er also das Präsidium und konnte einiges voranbringen, nicht zuletzt auch als Gemeindepräsident von Jenins. Mittlerweile gehört die Burg einer Stiftung, so dass sie auf lange Zeit gesichert ist. Doch die Arbeit geht nicht aus. Mörtelanalysen, Bauanalysen und sorgfältige Baueingaben für die Suche nach Finanzierung werden die Stiftung noch lange beschäftigen. Ziel ist es, die Besuche mit Führungen zu intensivieren, am liebsten zusammen mit anderen Burgen in der Bündner Herrschaft.

Bild: Sara Smidt

Spurenlesen in Steinen und verbranntem Holz

Während Baseli Werth vor allem in den Archiven grub, lasen Christoph Walder und Yolanda Alther vom Archäologischen Dienst Graubünden in den Spuren der Steine und Hölzer. In ihren Vorträgen konnten sie neueste Erkenntnisse präsentieren. Dabei sind speziell die Datierungen über die Dendrochronologie aufschlussreich. Mit dieser Technik kann das Alter von Holz sehr genau bestimmt werden. Dies ist möglich aufgrund der Jahresringe im Holz, die unterschiedliche Kurven ergeben, wenn die Abstände der Jahresringe gemessen werden. Der Vergleich dieser Kurven anhand mehrerer Hölzer ergibt die Datierung. So konnte mit Holzresten aus dem Turm das Baudatum 1232 ermittelt werden. Wie andernorts befand sich auch in Neu-Aspermont der Eingang in der Höhe von zwölf Metern, der mit einer Aussentreppe aus Holz erreicht wurde. Die Datierungen verweisen auch auf einen Brand, der sich vor 1466 ereignet haben muss. Es gibt verbranntes Holz sowie durch Hitze abgeplatzte Steinköpfe. Nach dem Wiederaufbau wurde die Mauer offensichtlich verputzt. Es wurde neu ein Abort eingebaut. Auch hier waren die Spurenleser erfolgreich. Offensichtlich war es schon damals üblich, sich schriftlich auf dem Lokus zu verewigen. Mit Rötel geschrieben, konnten einige Buchstaben entziffert werden. Im Vergleich mit den schriftlichen Quellen konnte der Historiker Fluri Hitz plausibel Namen rekonstruieren und den Text vervollständigen. Die Besitzer haben sich verewigt, zum Beispiel Ulrich von Schlandersberg, der von 1508 bis 1522 Burgherr war. Heute sind auch aktuelle Inschriften zu sehen, die Geschichte geht also weiter. Die Archäologin Yolanda Alther nimmt das Publikum auf weitere faszinierende Spurenrätsel mit. Sie entdeckten Reste von Holzdübeln in der Mauer, aus denen geschlossen werden kann, dass die Wände mit Täfer ausgekleidet waren. Ausserdem verweisen Fragmente grüner Ofenkeramik, die in den Mauern verbaut waren auf die Zeit der Aufstockung zwischen 1450 und 1500, da es diese Keramik nur zu dieser Zeit gab.

Bild: Sara Smidt

Der Höhepunkt mit dem Besuch der Burg

Später fuhr ein Shuttlebus Interessierte auf die Burg, wo das Publikum selbst auf Spurensuche ging. So konnte beispielsweise die Küche mit dem Rauchabzug entziffert werden. Doch neben der Entdeckung von Details war vor allem der Blick von der Burg über das Rheintal spektakulär. Auf dem Gerüst konnte man mit Helm bis ganz hinauf und sich einen Überblick verschaffen. An vielen Stellen erwarteten einen die Spezialisten, wiesen auf Details hin und beantworteten Fragen.

Bild: Sara Smidt

Die Zukunft

Zum 50-Jahr-Jubiläum hat sich der Burgenverein Graubünden also ein besonderes Programm einfallen lassen, gestärkt durch ein feines Mittagessen. Auf dem Gelände des Schulhauses wandelten auch noch historisch Gekleidete. Sie gehörten zum Mittelalterlager der historischen Gruppe «Seehaufen» vom Bodensee. Zwischendurch ertönte mittelalterliche Musik und Gesang. Den rund 250 Mitgliedern wird also viel geboten, und der für weitere zwei Jahre gewählte Präsident Roman Hepberger hofft auf neue Mitglieder. «Ich hoffe, dass wir möglichst viele junge Leute motivieren können, ihren Beitrag zu leisten.» Damit ist nicht nur der Jahresbeitrag für die Vereinskasse gemeint, sondern auch die Freiwilligenarbeit beim Unterhalt der Burgen. Dafür gibt es ein authentisches Gemeinschaftserlebnis und das Wissen, die historische Stätte für ein weiteres Jahrtausend zu stärken. Jährliche Reisen zu Burgen ergänzen das Jahresprogramm. So besteht die Hoffnung, dass die Ritterbegeisterung im Kinderzimmer zum Verein und zu den echten Burgen führt.

Bild: Sara Smidt
Sara Smidt