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Trimmis
27.06.2022

Gefängnisseelsorge heute

"Den Menschen helfen, die Vergangenheit in die eigene Biografie zu integrieren" - Pfr. Andreas Rade und Werner Burkhard (v. r.) in Says.
"Den Menschen helfen, die Vergangenheit in die eigene Biografie zu integrieren" - Pfr. Andreas Rade und Werner Burkhard (v. r.) in Says. Bild: zVg
Es war ein Einblick der besonderen Art, den Pfarrer Andreas Rade am Samstagmorgen den Synodalen und interessierten Gästen in der hoch über dem Rheintal gelegenen Kirche Says bot. In seiner Präposition zum Thema „Gefängnisseelsorge im Kontext von Freiheit, Strafe und Sicherheit“, liess sich der für die Landeskirche in der Strafvollzugsanstalt Cazis Tignez tätige Pfarrer und Seelsorger in die Karten blicken.

Seelsorge öffne einen „Freiraum hinter Gittern“, sagte Rade, was durch viele Gespräche, aber auch durch Interventionen in Krisensituationen oder durch Gestaltung von Gebeten, gottesdienstlichen Feiern und Ritualen in grosser Offenheit und interreligiöser Haltung geschehe. Der Seelsorger und Pfarrer aus Chur machte kein Geheimnis daraus, dass er bisweilen unter der Widersprüchlichkeit des Strafvollzugs leide. "Durch Freiheitsentzug sollen Menschen auf die neue Freiheit vorbereitet werden", so Rade, "das ist paradox“. Er sprach von der Tragik, dass ein "bedeutender Teil" der Gefangenen gar nicht resozialisiert werden könne. Rade zeigt ein Balkendiagramm mit Nationalitäten. Zwei von drei aus dem Strafvollzug Entlassene müssten die Schweiz nach dem Absitzen der Strafe verlassen.

In einem Überblick über theologische Konzepte zeigte Rade auf, wie sehr sich das Verständnis der Seelsorge im Strafvollzug seit den 1970er Jahren verändert hat. Waren zuvor Begriffe wie „Schuld“, „Strafe“, „Vergebung“ oder „Versöhnung“ leitend, wurden nun neue Fragen gestellt: "Erfüllt Strafe ihren Zweck?", oder: "kann mit Strafe wirklich geheilt, ja versöhnt werden?" Statt von einer „Straflogik“ will sich Andreas Rade in seiner Arbeit lieber von „Tat-Folge-Zusammenhang“, wie dieser schon in der hebräischen Bibel zu finden ist, leiten lassen. Oder von der neutestamentlichen Geschichte der Emmausjünger. Klar ist für ihn eines: Seelsorge im Strafvollzug ist Zuhören und Dasein - und es ist Beziehungsarbeit. Denn Beziehungsbrüche würden nur durch Beziehung geheilt.

Die Würde der Person schützen. „Es geht um die Würde des einzelnen Menschen“, legte Rade weiter dar. Sie sei, so die theologische Vorstellung, „gottgegeben“ und darum unbedingt zu schützen. Das decke sich mit seiner Erfahrung, wonach ein Delikt immer nur einen Teil einer Person ausmache, nie aber den ganzen Menschen. Als Seelsorger lässt er sein Gegenüber zu Wort kommen und um Worte ringen, er sorgt für Konfrontation und Beistand, leistet Empowerment und unterstützt bei der Suche nach verfügbaren Ressourcen. Manchmal ergäben sich in Seelsorgegesprächen Veränderungsperspektiven, manchmal müssten Ausweglosigkeit und Sprachlosigkeit ausgehalten werden, immer aber seien die Gespräche durch das Seelsorgegeheimnis geschützt. „Ich versuche zu verstehen“, sagte Rade vor Synode und Gästen. Wo gewünscht, könne ein Gebet helfen, die Situation der Perspektivenlosigkeit auszuhalten oder eine Wort der Bibel die Sprachlosigkeit.

Das Korreferat zu Rades Proposition hielt Werner Burkhard vom Swiss Restorative Justice Forum. Der Verein bietet in verschiedenen Schweizer Strafvollzugsanstalten Kurse an mit dem Ziel, insbesondere auch den Opfern eine Stimme zu geben. Durch das Zusammenführen von Opfern und Täterinnen und Tätern wollen die Kurse das Bewusstsein herbeiführen für das, „was auf der anderen Seite passiert“ ist. Das helfe, die Sicht auf das Geschehene zu verändern, sagt Burkhard. Bisweilen sei in solchen Kursen auch die Bitte um Vergebung möglich oder es werde deutlich, dass Täterinnen und Tater selber Opfer waren oder sind. Die Arbeit des Vereins habe eine grosse Nähe zur Seelsorge, an deren Erfolg und Notwendigkeit Burkard keine Sekunde zweifelt. Zwar habe auch die "restaurative Justiz" strafrechtlich keine Bedeutung und sei lediglich eine Ergänzung zu Massnahmen im Strafvollzug. Doch der Erfolg sei offensichtlich: Sie helfe allen Beteiligten, stärke die öffentliche Sicherheit und reduziere die Rückfälligkeit. Bereits in über 40 Ländern fänden entsprechende Angebote statt.

Am Nachmittag bot die gastgebende Gemeinde Trimmis/Says den Synodalen drei Ausflüge an: eine Rebberg- und Torkelführung mit Degustation, eine Bilderpräsentation zu Trimmis mit Exkursion durch die Heckenlandschaft und eine Museumsbesichtigung mit Dorfführung in Says. Zum Tagesausklang lud die politische Gemeinde Trimmis die Synodalen zum Apéro beim Rathaus ein – mit Grusswort von Gemeindepräsident Roman Hug.

Pressedienst