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Weltweit unbekannter Pilz im Prättigau entdeckt

Die vom Grüscher Urs Roffler neu entdeckte Pilzart «Fallacidiscus helveticus».
Die vom Grüscher Urs Roffler neu entdeckte Pilzart «Fallacidiscus helveticus». Bild: Urs Roffler
In Pilzlerkreisen ist es gang und gäbe, den Fundort der Pilze nicht an die grosse Glocke zu hängen. Nicht so bei ausgewiesenen Pilzexperten, auch Fachmykologen genannt. Einer von ihnen ist der heute pensionierte Grüscher Urs Roffler. Ihm ist etwas gelungen, wovon viele Expertenkollegen ein Leben lang träumen. Er hat eine neue Pilzart entdeckt – und das gleich zwei Mal.

Vielen Menschen aus der Region ist Urs Roffler aus Grüsch als ehemaliger Pilzkontrolleur bekannt. Von 1993 bis 2016 war er neben seinem Beruf als Kunststofftechnologe in dieser Funktion für das Vorderprättigau tätig. Genau wie Sie und ich wurde er in seiner Kindheit von seinen Eltern mit dem Pilzesammeln für den «Hausgebrauch» vertraut gemacht. «So richtig den Ärmel reingezogen hat es mir bei einem Diavortrag über Pilze, der von einem ehemaligen Berufskollegen und Mitglied des Bündnerischen Vereins für Pilzkunde Chur (pilzverein-gr.ch) gehalten wurde», erinnert sich Roffler, der sich ab diesem Zeitpunkt mit Leib und Seele dazu verschrieben hat, Pilze zu bestimmen und zu dokumentieren. Auch trat er dem Verein bei und war dort lange Mitglied. «Vor allem als Anfänger konnte ich vom enormen Wissen der Pilzexperten profitieren, die ausführlich und präzise erklären konnten und natürlich können, worauf es bei den einzelnen Arten und Gattungen ankommt.»

1000 Pilzarten bestimmt

Vom «Virus» infiziert, und um noch tiefer in die Materie eintauchen zu können, schaffte sich der Grüscher ein Mikroskop an. Von dem, was er dort sah, machte er Zeichnungen und später Makro- und Mikrofotografien. Alles wurde von ihm auf Papier festgehalten. Über die Jahre der Forschung mit Pilzen aus der Region Prättigau und Bündner Herrschaft konnte er sich ein grosses Wissen aneignen. Er begann Artikel für Fachzeitschriften wie beispielsweise der «Schweizerischen Zeitschrift für Pilzkunde» zu schreiben und tauschte sich über interessante Details mit in- und ausländischen Fachmykologen aus. Insgesamt hat er bis heute rund 1000 Pilzarten bestimmt und dokumentiert. Seine grosse Leidenschaft ist die Erforschung von Schlauchpilzen, die eine grosse Abteilung im Reich der Pilze bilden. Zu dieser Gruppe gehören auch begehrte Speisepilze wie Morcheln und Trüffel.

Keine Übereinstimmung

«Neue Pilzarten würde man eher im Amazonas vermuten als bei uns im Prättigau», sagt er fast schon so nebenbei. Bereits im Jahr 2000 sei er bei einem seiner Streifzüge durch die Auenwälder bei Grüsch auf eine neue, noch nicht beschriebene Pilzart gestossen. Eine Neubeschreibung dieser Art habe er dann 2006 in Zusammenarbeit mit einem Westschweizer Fachmykologen verfasst. Seither sei diese damals noch unbekannte Art schon mehrfach in der Schweiz gefunden worden.

«Es dauerte mehrere Jahre, bis ich dann erneut einen unbekannten Pilz entdecken durfte», lässt er die Katze aus dem Sack. Ereignet habe sich dies 2017 in Klosters. «Genauer gesagt habe ich am 7. Oktober 2017 im Gebiet Monbiel auf sandiger Erde und Moosen eine Gruppe kleiner, orange-gelber Pilze mit einem Durchmesser von einem bis fünf Millimeter gefunden.» Eine erste Recherche habe dann keine totale Übereinstimmung mit weiteren, ähnlichen Arten ergeben. «Ein Jahr später, das heisst am 13. November 2018 habe ich dann in Fanas, am Wegrand auf mit Moosen durchwachsener, lehmartiger Erde dieselbe, mir bis vor einem Jahr noch unbekannte Art entdeckt», führt Roffler aus. «Eine Riesensensation: derselbe Pilz an zwei Orten im Prättigau und sonst nirgends auf der Welt.»

Urs Roffler in seinem Büro zuhause: Um die Pilze genau zu bestimmen und zu dokumentieren, braucht er unter anderem auch ein Mikroskop. Bild: zVg

Schwierige Namensfindung

Um diese weltweit noch nicht bekannte Art neu zu beschreiben, habe es sehr viel Zeit und noch viel mehr Aufwand gebraucht. «Nach zwei- bis dreijähriger, intensiver Recherchen in Zusammenarbeit mit verschiedenen Fachmykologen aus ganz Europa konnten wir dem Pilz endlich im April dieses Jahres den Namen ‹Fallacidiscus helveticus› geben.» Er hätte den Pilz gern «Fallacidiscus roffleri» genannt, wie Roffler mit einem verschmitzten Lächeln erzählt. Doch solche Bezeichnungen würden oft nur zu Ehren von hochrangigen Pilzforschern, Mykologen genannt, vergeben. Auch sei der Vorschlag, den Pilz «Fallacidiscus prättigauinensis» zu nennen, mit der Begründung «viel zu kompliziert» abgelehnt worden.

Zufrieden sagt er abschliessend: «Ich denke bei ‹meinem› Pilz könnte es sich um eine äusserst seltene Art handeln.» Bis heute seien keine weiteren Funde dieser Art bekannt, weder in Europa noch sonst wo auf der Welt. So oder so: «Herzliche Gratulation zu Ihrem (fast) einmaligen Fund, Herr Roffler.»

Fallacidiscus helveticus

U. Lindemann, Roffler & Van Vooren, sp. nov. (neue Spezies)

Von lateinisch «fallax», was trügerisch bedeutet, wegen der möglichen Verwechslung mit anderen Gattungen, und «discus» für Scheibe, wegen der Form des Pilzes. Und schliesslich «helveticus», basierend auf der Schweiz als Land, in dem die Gattung beziehungsweise Art zum ersten Mal gesammelt wurde. 

Literatur: Elektronische Zeitschrift; Ascomycete org./Journal 14 (2): 34–50

Ladina Steinmann