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«Wir fühlen uns im Prättigau sehr willkommen»

Der Panyer Peter Müller hilft der Familie Tekin sich in der Schweiz zu integrieren.
Der Panyer Peter Müller hilft der Familie Tekin sich in der Schweiz zu integrieren. Bild: Christian Imhof
Seit neun Monaten leben Kuayibe Boz Tekin und ihr Mann Emrah Tekin in Grüsch. Die junge Familie, die in den nächsten Wochen zum ersten Mal Nachwuchs erwartet, stammt ursprünglich aus der Türkei. Dort gelten die ausgebildete Mathematiklehrerin und der gelernte Elektroingenieur als Terroristen, da sie als Intellektuelle nicht immer der gleichen Meinung sind wie Recep Tayyip Erdoğan und seine Gefolgschaft.

Ganz in der Nähe des Grüscher Bahnhofs wohnen Kuayibe und Emrah Tekin. Sie stammen aus der Türkei und sind sehr dankbar, nach der Flucht über Athen und Neuchâtel, im Vorderprättigau ihr neues Zuhause gefunden zu haben. Emrah sagt, dass es ihnen sehr gefalle in Grüsch. «Wir sind sehr herzlich aufgenommen worden. Die Menschen hier sind sehr aufrichtig und begegnen uns mit lächelnden Gesichtern.» Aus diesem Grund sei es ihnen zwei enorm wichtig, sich möglichst gut und schnell in der Gemeinde zu integrieren und die Sprache zu erlernen.

Das Terrorregime von Erdoğan

Es sei für sie nicht einfach gewesen, alles in der Türkei zurück zu lassen, sagt Kuayibe. «Doch da wir als Intellektuelle nicht ganz auf der Linie vom Präsidenten Erdoğan gewesen sind, wurden wir kurzerhand ins Gefängnis gesteckt. Ohne einen triftigen Grund und ohne Prozess wurden wir beide als Terroristen abgestempelt. Wenn wir nicht geflüchtet wären, wäre ich heute noch inhaftiert.» Die aktuelle Lage in der Türkei erinnere sie an die Geschichten «1984» oder «Animal Farm» von George Orwell. Seit dem 15. Juli 2016 sei nichts mehr so, wie es zuvor gewesen sei in der Türkei. Das freie Denken sei längst nicht mehr erlaubt und jegliche Menschenrechte würden täglich mit Füssen getreten. «Ich wurde bei meiner Inhaftierung sogar noch gefoltert», erzählt Emrah, der mit gemischten Gefühlen zurückschaut und trotz zwei Verhaftungen und acht Monaten Gefängnis unter prekären Verhältnissen die positive Lebenseinstellung nicht verloren hat. «Auch wenn wir unsere Familie vermissen, ist uns die Freiheit und Sicherheit doch viel mehr wert, weshalb wir unheimlich dankbar sind, dass wir in Grüsch so willkommen geheissen worden sind.»

Peter Müller ist zu einem richtigen Freund für Kuayibe und Emrah Tekin geworden. Bild: Christian Imhof

Sprachbarrieren abbauen

Knapp 30 Familien aus der Türkei sind aktuell in Graubünden aus ähnlichen Gründen wie das seit 2020 verheiratete Paar. Die Tekins sind sehr dankbar für die neue Chance, die ihnen das Prättigau bietet und unternehmen viel um sich richtig zu integrieren. So macht beispielsweise Emrah bei der Schauspielgruppe Global Players von der Klibühni Chur mit und obwohl er noch nicht wirklich lange Unterricht nimmt, klingt sein Hochdeutsch schon sehr flüssig. Ein wichtiger Bestandteil des Integrationsprozesses sind die zwei Mal pro Woche stattfindenden Deutschlektionen mit dem in Pany wohnhaften Peter Müller. Er ist einer der Freiwilligen, die im Namen des Roten Kreuzes Alltagsintegration für Flüchtlinge mit dem Projekt «Eins zu eins» anbietet. «Oftmals scheitert ein Einstieg in die Berufswelt an den richtigen Sprachkenntnissen und genau da wollen wir ansetzen. Wenn die Teilnehmenden so motiviert sind, wie Kuayibe und Emrah dann macht es gleich doppelt so viel Spass.» Bei ihren gemeinsamen Deutschlektionen werden aber nicht nur stier Wörter gebüffelt, sondern es wird auch ausprobiert, wie die neuen Erkenntnisse im Alltag funktionieren. «Beim ersten Termin lernen wir hier in Grüsch viel über die Theorie, Wortspielereien und spezielle Ausdrücke. Am zweiten Tag gehen wir jeweils raus. Vor wenigen Wochen beispielsweise waren wir im Bünder Kunstmuseum und im Rätischen Museum und haben zusammen ein paar sehr unterhaltsame Stunden erlebt.»

Peter Müller gibt den Tekins Deutschunterricht. Bild: Christian Imhof

«Gwundrig» wie kleine Kinder

Hin und wieder sei der Kulturschock schon da bei ihnen, denn beispielsweise eine Kirche wie die in Chur gebe es in der Türkei nicht. Darum habe Peter Müller sie mitgenommen und ihnen alles gezeigt. Kuayibe freut sich sehr darüber, immer wieder Neues zu lernen. «Wir sind hier fast ein wenig wie kleine Kinder, die bei allem fragen, was das ist.» Es ist ein Privileg einen Peter Müller zu haben, der ihnen erkläre, was denn beispielsweise Feiertage wie Auffahrt oder Pfingsten bedeuten, sagt Emrah. «Peter ist extrem geduldig und erklärt uns alles, was wir sehr schätzen. Er ist eine grosse Hilfe für uns. Am Anfang hatten wir hier niemanden, doch inzwischen dürfen wir ihn als unseren besten Freund bezeichnen, was überhaupt nicht selbstverständlich ist.» Die Tekins haben sich zum Ziel gesetzt, dass ihre Diplome auch in der Schweiz anerkannt werden und sie schnell durch ihre Arbeit der Gesellschaft etwas zurückgeben können. Schön, dass sie hier im Tal ein neues Zuhause in Sicherheit gefunden haben und alles dafür tun, ein Teil der Gesellschaft zu werden. So zuvorkommend und nett habe ich mir «Terroristen» nicht vorgestellt.

Christian Imhof