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Schiers
19.07.2022
19.07.2022 09:37 Uhr

Im Biohof Valmära ist Biodiversität nicht nur ein Wort

Original Braunvieh vor der Traumkulisse in Schuders.
Original Braunvieh vor der Traumkulisse in Schuders. Bild: M. Müller
Er liegt im Prättigau, der Biohof von Maria Müller und Katja Ott. Von Schiers aus führt der Weg über das Weltmonument Salginatobel-Brücke, auf einer engen Strasse, zahlreiche Kurven entlang bis auf 1200 Metern über Meer. Beim sogenannten «Kreisel» teilt sich die Strasse, und wer da rechts abbiegt, gelangt nach Valmära einem Weiler von Schuders. Pure Idylle erwartet die Besucher. Von den sechs Einwohnern, die hier das ganze Jahr leben, sind zwei davon die Bewirtschafterinnen des Biohof Valmära.

Die erste Ausbildung, die Maria Müller abgeschlossen hat, ist Glasmalerin. Sicherlich hat sie das genaue und exakte Arbeiten in diesem Beruf erlernt. Aber, von der Glasmalerei allein leben zu können, ist nicht denkbar. So kam es das sie querbeet in verschiedenen Brachen arbeitete und alles Erdenkliche ausprobierte, um sich ein wenig die Hörner abzustossen. Bis sie eines Tages auf ein Inserat stiess, indem eine Alpstelle ausgeschrieben war, bei der auch das Handwerk des Käsens erlernt werden konnte. Schon als Schulmädchen sprang die Appenzellerin in der Schule vom Stuhl, wenn die Bauern ihr Vieh auf die Alp trieben. Mit platt gedrückter Nase am Fenster wäre sie am liebsten mit ihnen gegangen. Dabei stammte Maria aus einer Familie, die mit der Landwirtschaft so gar nichts am Hut hatte. Und so stürzte sie sich in das Abenteuer Alpleben. Nicht ganz zur Freude ihrer Eltern. Doch manchmal muss man einfach dem Herzen folgen, der Verstand bremst einen noch oft genug.

Anfänglich richteten sich ihre Tätigkeiten nach den Jahreszeiten. Im Sommer war sie auf einer Alp im Kanton Bern anzutreffen, wo sie zwischen 2010 und 2013 parallel zur Hirtschaft die Ausbildung als Landwirtin EFZ in Flawil/Salez absolvierte. Und im Winter arbeitete sie in der Gastronomie, wo sie so nebenbei auch noch die Wirteprüfung ablegte. Nach Bestehen des Patrouilleur-Kurses blieb sie nun auch im Winter in Grindelwald. Doch das Leben mit zwei Saisonstellen, die bloss den Sommer und den Winter abdeckten und auch nicht sonderlich gut bezahlt waren, wuchs der Wunsch nach einer Jahresstelle. Zurück in der Ostschweiz hatte Maria jahrelang die Küchenleitung in einem Geburtshaus. Und dann kam es wieder, das Heimweh nach den Alpen und den Tieren. Deshalb nahm sie in den Sommermonaten der letzten drei Jahre, in denen sie noch als Küchenleiterin tätig war, unbezahlten Urlaub und zog wieder auf die Alp. Irgendwo im Hinterkopf hatte sie den Wunsch nach etwas Eigenem für sie, aber auch für die Tiere. Und dann war da das Valmära ausgeschrieben.

Frauenpower im Doppelpack

Obwohl Maria Energie für zwei oder noch mehr hat, ist da noch Katja Ott. Sie ist gelernte Schreinerin und ihr Bruder ist kein geringerer als der Kranzschwinger Damian Ott. Sie hingegen ist auf einem grossen Landwirtschaftsbetrieb im Toggenburg aufgewachsen. Melken oder auch den Umgang mit Maschinen ist sie von Kindesbeinen an gewohnt. Nach ihrer Lehre als Schreinerin hat sie auf ihrem Beruf weitergearbeitet und Erfahrung gesammelt. Im Herbst wird sie die Nachholbildung am Plantahof in Landquart in Angriff nehmen. Gemeinsam haben die beiden Frauen den Hof mit allem Drum und Dran erworben. Was sich zwar bis zur ersehnten Unterzeichnung lange hinzog.

Seit 1. Januar 2022 sind die beiden nun die Eigentümerinnen des kleinen Hofs in Schuders. Dass sie vom Betrieb allein nicht werden leben können, war ihnen von Anfang an bewusst. Katja arbeitet heute in einem 80-Prozent-Pensum auf ihrem erlernten Beruf in einer Schreinerei in Schiers. Maria betreut in den Sommermonaten das Freibad in Schiers und im Winter rettet sie verletzte Wintersportler im Pistenrettungsdienst.

Der Skuddenbock mit seinen imposanten gedrehten Hörnern gehört zu den gefährdeten Rassen, für deren Rettung und Erhalt sich die Stiftung Pro Specie Rara einsetzt. Bild: M. Müller

Biodiversität auch im Tierbestand

Der Biohof Valmära setzt die Biodiversität nicht nur auf Wiesen und Feldern um. Auch das Züchten und Halten von Kupferhalsziegen, Skudden (Schafe), Diebholzer Gänsen und Appenzeller Spitzhauben (Hühner), welche allesamt auf der Liste der Pro Specie Rara stehen, sind ein Stück Biodiversität. Zudem ist das Original Braunvieh an die Gegebenheiten dieses Betriebs angepasst. Auf 1200 Metern über Meer, in der Bergzone 4 wächst nicht dasselbe Futter wie im Tal. Die Kombination der verschiedenen Tierarten, jedes mit seinen Vorzügen und Vorlieben, weidet oder verwertet das Futter anders. Durch die Vielfalt der Tiere ist auch das Risiko vor einem Parasitenbefall geringer. Ein weiterer cleverer Schachzug ist auch das Einsetzen von Weidegänsen, welche auch kleinere Stücke gut abweiden. Damit im Sommer der Stall nicht leer steht, können in dieser Zeit 30 Stück Bio-Truten aus Naturbrut den Schafauslauf ihr Zuhause nennen.

Auszeit, Ruhe und Entspannung

Neben der vielfältigen Landwirtschaft bietet der Biohof auch eine Ferienwohnung an. In dieser Wohnung stehen zwar bis zu zwölf Betten, ideal jedoch ist eine Belegung bis acht Personen. Wenn man dort vom Esstisch durchs Fenster schaut, kann man im Winter direkt die Skudden sehen und im Sommer die Truten. Obwohl sich die Wohnung inmitten des Biohofs befindet, ist sie ein idealer Rückzugsort für jemanden, der Ruhe und Erholung weit weg von Rummel und Lärm sucht. Einzig Vogelgezwitscher und das Läuten von Kuhglocken dringen durch die Stille. Für Naturliebhaber und auch Wanderer ist Schuders ein Paradies. Und für Gewillte ist der Zugang zu den Tieren offen. Die Besucher dürfen und sollen verstehen, wie die Landwirtschaft funktioniert, dass jeder Tag ein Arbeitstag ist, dass Tiere Lebewesen und keine Maschinen sind. Und wie wichtig es ist, der Natur Sorge zu tragen. Auch besteht dort die Möglichkeit, die vielen verschiedenen Produkte, die aus der Landwirtschaft stammen, kennenzulernen. Maria und Katja haben auf ihrem Hof auch einen kleinen Hofladen mit einer vielfältigen Auswahl an saisonalen Produkten wie verschiedene Teesorten, Käse, Salsiz, Eingemachtes oder Sirup. Dort können die Gäste auch frische Milch beziehen, aber nur solange die Kuh im Stall steht. Wenn diese auf der Alp ist, gibt es keine Milch. Von allem hat es nur, solange es eben hat.

Der Start auf ihrem eigenen Betrieb ist den beiden Bewirtschafterinnen gelungen, und nun wird nach und nach getestet, was zum Betrieb passt und optimiert werden kann. Die ausgebildete Gastronomin Maria liebäugelt schon mit einem Dinner auf dem Hof. Nur ein paar Mal im Jahr, denn die Landwirtschaft steht eindeutig im Vordergrund. Man darf gespannt sein, und wer mal Ruhe und Erholung sucht und dabei aber gerne die Idylle der Landwirtschaft geniessen möchte, ist hier genau richtig.

Die vielseitige Auswahl an selbsthergestellten Produkten im Hofladen. Bild: M. Müller
Erica Hartmann/ Ladina Steinmann)