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Fideris
26.07.2022

Endlich wieder eine Beiz im Dorf

Georg Auer ist verantwortlich für die «Bad Wirtschaft», die 365 Tage im Jahr offen hat.
Georg Auer ist verantwortlich für die «Bad Wirtschaft», die 365 Tage im Jahr offen hat. Bild: Christian Imhof
Seit Anfang Juli 2022 hat die Gemeinde Fideris wieder eine Dorfbeiz. Direkt hinter dem Ritterhof hat Georg Auer den ehemaligen Stall ausgebaut und in ein Selbstbedienungsrestaurant mit kleinem Museum umfunktioniert. Neben dem modernen und vorausschauenden Konzept, das dem von Hofläden gleicht, wird bei der «Bad Wirtschaft» aber auch zurück geblickt und das Archiv der Gemeinde erlebbar gemacht.

Die neue Selbstbedienungsbar sieht man anders als den Ritterhof selber nicht direkt, wenn man nach Fideris fährt. Man muss ein paar Schritte um das Gebäude gehen, um das Bijou zu entdecken. Eine Glastür führt in den Innenraum und Auge und Nase reagieren praktisch gleichzeitig auf den Anblick, respektive den in der Luft liegenden Geschmack vom Holz. Wenn man, wie ich in einem Holzhaus aufgewachsen ist, besteht die Chance, dass man hier ein wenig nostalgisch wird und sich gleichzeitig aber auch wunderbar heimelig willkommen fühlt. Dass hier mal ein «Gada» gewesen ist, fällt heute kaum mehr auf, denn Holzfachmann Georg Auer weiss natürlich aus dem Effeff, welche Bauelemente welche Wirkungen haben und wie man ein angenehmes Ambiente gestaltet.

Richtig heimelig eingerichtet ist der neue Treffpunkt für Touristen, Vereine und Einwohner. Bild: Christian Imhof

Aktiv gegen das Beizensterben

Dass man heute mit dem Betreiben einer Dorfbeiz nicht mehr reich wird, weiss auch Georg Auer. Zudem wolle er mit dem frisch eröffneten Lokal auf keinem Fall seinem Kollegen in der Au unten die Kundschaft abluchsen. Sein erklärtes Ziel sei es, ein Treffpunkt für Vereine, Bewohner und Touristen zu schaffen, die unbeschwert in der Nähe eins trinken gehen und sich dabei austauschen wollen. Einfachheitshalber hat er sich für das System Selbstbedienung entschieden, welches massiv Personalkosten einspart und zudem noch 365 Tage von 6 bis 24 Uhr im Jahr Öffnungszeiten garantieren kann. «Pro Tag ist es etwa ein bis zwei Stunden, die an Kosten für das Auffüllen und Putzen anfällt. Verglichen mit einer normalen Beiz haben wir hier so wenig Leerlauf.» Das Vertrauen in die Fideriser Bevölkerung sei laut Auer gross. «Mit dem Projekt wollte ich, dass Fideris wieder eine Beiz hat und ich glaube, dass die Leute den ruhigen Platz und die Anstrengungen schon wertschätzen und sich nicht ohne zu bezahlen hier bedienen.» Um den Alkohol herausholen zu können, brauche es ausserdem einen Code. Diesen erhalte, wer in Fideris wohne. Wenn jetzt Touristen in der «Bad Wirtschaft» vorbeischauen, stehe eine Telefonnummer für Auskünfte bereit. So könne man zudem den Jugendschutz garantieren.

Im hinteren Teil der Beiz entsteht ein kleines Museum. Bild: Christian Imhof

Das Archiv zugänglich machen

Freude am Namen Ritterhof hat Auer nicht wirklich. «Eigentlich hiess das geschichtsträchtige Gebäude bis vor 40 Jahren noch ‹Bad Wirtschaft› und ich glaube, wenn dann der Schriftzug mal von der Fassade bröckelt, werde ich wieder den ursprünglichen Namen übernehmen.» Dies sei so, weil Johann Luzi Donau, der das Fideriser Bad über 40 Jahre betrieb, dort gelebt hatte. Die Geschichte der Anlage, die erstmals 1464 erwähnt wurde, verstaubt heute in den Estrichen von alten Häusern im Dorf. Genau dies will Georg Auer nun aber ändern, in dem er hinter der Selbstbedienungsbar ein kleines Museum zum Bad Fideris errichtet hat. «Da heute leider keines der Badegebäude mehr steht und die doch prägende Geschichte immer mehr in Vergessenheit gerät, wollte ich dem Ganzen Gegensteuer geben und das Archiv erlebbar machen.» So finden sich jetzt schon Souvenirs wie alte Flaschen vom Fideriser Heilwasser, eine Holznachbildung der Gebäude, alte Postkarten und Schriftstücke und allerlei Weiteres im Museum im Kleinformat.

Gleich hinter dem Ritterhof findet sich dieses Bijou. Bild: Christian Imhof

Viele Pläne

Neben dieser ersten Etappe plant Georg Auer zudem noch den aktuell noch so beschrifteten «Ritterhof» zu sanieren. Die Heizungsverteilung wird neu gemacht und durch die letzten Dezember installierte Schnitzelheizung betrieben. Das Restaurant wird zur Zeit für Klassenzusammenkünfte oder sonstige Anlässe mit oder ohne Personal vermietet. Zusammenarbeiten mit anderen lokalen Betrieben schliesse Auer ebenfalls nicht aus, da er wisse, wie wichtig es ist, einander im Tal gegenseitig zu unterstützen. Auch wenn er selber ein getriebener Mann ist, der solche Geschichten gerne selber in die Hand nimmt, merkt man bei ihm immer, dass ihm das Dorfleben von Fideris wichtig ist. So wünschen wir vom Prättigauer & Herrschäftler einen guten Start, hoffen, dass sich die Idee des Selbstbedienungslokals auszahlt und finanzieren lässt. Spannend, wie jemand visionär etwas versucht und zugleich auch die prägende Geschichte des Dorfes im ganzen Konzept einen Platz findet. Das könnte wirklich ein Konzept sein, um gegen das Beizensterben anzutreten.

Christian Imhof