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Renata Gienal-Tuor: «Ich habe jetzt Zeit»

Renata Gienal-Tuor ist Präsidentin vom Katholischen Frauenbund Landquart-Herrschaft.Fotos: Sara Smidt
Renata Gienal-Tuor ist Präsidentin vom Katholischen Frauenbund Landquart-Herrschaft.Fotos: Sara Smidt Bild: Sara Smidt
Der Katholische Frauenbund Landquart-Herrschaft feiert sein 100-jähriges Bestehen. Ein Gespräch mit der Präsidentin Renata Gienal-Tuor reicht von der Gründung über Essen am gleichen Tisch bis zur Zukunft mit vielleicht anderem Namen.

«Mögen unserem Frauenbund immer neue Mitglieder geschenkt werden, die wach und sensibel sind für all das, was Frauen und Mütter beschäftigt, und die auch bereit sind, gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Solange unser Frauenbund eine Gemeinschaft bleibt, die mit und für Frauen unterwegs ist, so lange wird er auch in Zukunft Jubiläen feiern dürfen», so schreibt Pater Hildegar Höfliger vor 20 Jahren. Nun ist es wieder so weit: Der Katholische Frauenbund Landquart- Herrschaft feiert sein 100-jähriges Bestehen, oder genauer, um ein Jahr verzögert seinen 101. Geburtstag. Warum verspätet, bedarf ja keiner Erklärung. Wird es denn auch in 50 Jahren den Frauenbund noch geben, frage ich Renata Gienal-Tuor, die seit 2019 Präsidentin ist. «Ich wünsche es mir und ich glaube daran, wenn es gelingt, sich den Veränderungen in der Gesellschaft zu stellen wie bisher auch. Wahrscheinlich trägt der Frauenbund dann einen anderen Namen.»

Das Kreuz an der Wand

Schauen wir zunächst in die aufschlussreiche Geschichte, nachdem 1921 zunächst der Katholische Mütterverein gegründet wurde. Weiterbildung wurde da­mals zum Beispiel durch einen Vortrag geleistet mit dem Titel «Wie schützen wir unsere Töchter vor den Gefahren der Welt,» (1930), und 1949 waren noch alle Mitglieder verpflichtet, an der religiösen Woche teilzunehmen. Immer wieder tritt der jeweils aktuelle Herr Pfarrer in Erscheinung, wie die Jubiläumsschrift von 2001 aufzeigt. Nachdem bei der jährlichen Kirchenreinigung mangels Freiwilliger die Herren Pfarrer und Vikar auch mitputzen mussten, wurde die Bezahlung der Reinigungskräfte (Frauen) eingeführt (1953). 1961 gibt der Pfarrer Ratschläge zur Erziehungsarbeit: «Zwei wichtige Dinge gehören zum kath. Hausrat – das Kreuz an der Wand und die Rute, beide haben den Zweck, Sünde zu verhüten.». Ein Jahr später wurde die Generalversammlung für eine Meinungsumfrage zum Frauenstimmrecht genutzt: 47 Ja- versus 28 Nein-Stimmen. Auf den Feminismus angesprochen, versichert Gienal, dass der Frauenbund offen sei, sich allerdings politisch neutral verhalte. Der Landquarter Frauenbund ist an den Schweizerischen Katholischen Frauenbund angegliedert, der sich auch politisch für die Gleichstellung einsetzt.

Der Katholische Frauenbund Landquart-Herrschaft feiert dieses Jahr 100-jähriges Bestehen. Bild: Sara Smidt

Mich hat diese Begegnung geprägt

Was ist der Unterschied einer Welt mit oder ohne den Frauenbund? Darauf meint die Präsidentin, man könne den Verein nicht auflösen, denn die sozialen Kontakte, die Begegnungen könnten nicht ersetzt werden, wenn es den Frauenbund nicht gäbe. Gerne erinnert sich Gienal an besondere Momente, so beispielsweise an den letzten 8. März, den Internationalen Tag der Frauen. An diesem Tag entfaltete eine organisierte Lesung ihre Wirkung, nicht ein Frauenstreik. Die 38-jährige Autorin Ladina Bordoli las nicht nur aus ihrer Trilogie der Mandelli-Saga, sondern gab Einblick in ihr Leben. Gienal beeindruckte, wie die Prättigauerin neben Job und Familie Autorin wurde und sieht in solchen Persönlichkeiten Vorbilder für jüngere Leute heute. «Mich hat diese Begegnung geprägt.» So kann der Frauenbund Impulse geben und nimmt sie auch gerne auf. Die Präsidentin ist eine Person, die gern im Team schafft, gern organisiert, gern Verantwortung übernimmt, und dies alles so pflichtbewusst wie möglich. Nach sieben Jahren Vorstandsarbeit gab sie dem Wunsch anderer nach, sie als Präsidentin zu gewinnen. Denn «Ich habe jetzt Zeit», so die frisch pensionierte aktive Frau 2019, nachdem sie 100 % als diplomierte Ernährungsberaterin gearbeitet hatte.

Am gleichen Tisch und vieles mehr

Sie wird nachdenklich, wenn es darum geht, wer die Vorstandsarbeit in Zukunft übernehmen wird und wie die rund 200 Mitglieder gehalten werden können, die immer älter werden. Sie nennt hoffnungsfroh die junge Aktuarin Sonja Felber-Schöni, die in den letzten Jahren als «Schreiberling» wichtige Akzente gesetzt hat. Diese wiederum schwärmt im Jahresbericht 2021: «...die Vorstandsfrauen waren grandios! Sie haben meine Ideen unterstützt und mich schalten und walten lassen.» Renata Gienal beobachtet, wie immer weniger Leute Freiwilligenarbeit machen wollen und wie die Solidarität schwindet. Heute werde die Suche nach Gemeinschaft auch an anderen Orten befriedigt, unter anderem durch die neuen Medien. Doch für sie gilt: «Freiwilligenarbeit bedeutet für mich Herzenssache und ist eine echte Bereicherung im Leben.» Das Katholische Pfarrzentrum sei Gold wert, denn der Frauenbund ist dort mietfrei aktiv. So kocht sie in der gut ausgestatteten Küche mit anderen Frauen für den monatlichen Treff «Am gleichen Tisch»; sie kümmert sich um die Liturgiegruppe und freut sich auf besondere Ausflüge. Besonders geschätzt hat sie neue Gesichter beim «Fraua-Zmorge» im Mai, die teilweise auch Geflüchtete mitnahmen. Sie selbst ist auch als Zugezogene aus Sumvitg zum Frauenbund gekommen, als sie Gemeinschaft suchte. Auch wenn ihr persönlich der katholische Glauben viel bedeutet, so betont sie die Aussage auf der Website: «Wir sind eine Gemeinschaft von Frauen jeden Alters, verschiedener Nationalitäten und Konfessionen. Viele unterschiedliche Veranstaltungen bieten Möglichkeiten, sich kennenzulernen und sich auszutauschen. In der Gemeinschaft findet die Frau Zeit für sich und ihre Interessen.»

Eine gute Gelegenheit zum Kennenlernen bietet die Jubiläumsfeier am 3. September mit Festgottesdienst, die auch für Nichtmitglieder offen ist. Es locken ausserdem Schneider vs. Schreiber. Für den Vorverkauf gilt: «Es het solangs het.» (www.frauenbund-landquart.ch)

Sara Smidt