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Fideris
07.08.2022

Wenigstens ein Tropfen auf den richtigen Stein

Pascal Manetsch setzt sich für die Ärmsten der Armen ein.
Pascal Manetsch setzt sich für die Ärmsten der Armen ein. Bild: Christian Imhof
Seit zehn Jahren bietet der Fideriser Pascal Manetsch mit dem Verein Höhenbergsteigen.com Berg-, Ski- und Trekkingtouren auf der ganzen Welt an. Da er mit lokalen Partnern rund um den Globus zusammenarbeitet, schafft er es, nachhaltig karitativ tätig zu sein und vor Ort wirklich etwas zu bewegen.

Die Leidenschaft für die Berge habe ihn das erste Mal mit 13 gepackt, sagt der heute 41-jährige Pascal Manetsch. «Als ich damals mit meinem Nachbarn erstmals in der Kletterhalle war, wusste ich, dass Bergsteigen genau mein Ding ist.» Obwohl er in den Bergen über die Jahre hinweg mehrere nahestehende Freunde verloren habe und auch seine familiäre Situation sich verändert habe, sei das Feuer für die Berge beim zweifachen Vater nie erloschen. «Die Berge geben einem so viel zurück. Das ist echt schwierig in Worte zu fassen. Meine Frau Johanna lässt mich zwar nicht gerne gehen, aber sie sagt, dass ich jeweils wie ein neuer Mensch zurückkomme. Dies im positiven Sinn, und ich muss es echt auch sagen, dass ich sehr viel Energie aus der unberührten Natur in der Höhe ziehen kann. In den Bergen zu sein, ist wie ein zweites Zuhause, immer ein Abenteuer, bei dem Zeit oft keine Rolle spielt. Man lebt genau im Hier und Jetzt: Der nächste Griff, der nächste Tritt, der nächste Schwung. So ist man fokussiert und innerlich ganz bei sich, wogegen der heutige Alltag im Geschäftsleben sehr oft von Hektik geprägt ist.»

Die Zusammenarbeit mit Lokalen ist dem Fideriser wichtig. Bild: zVg

Den Ärmsten Struktur geben

Besonders viel Freude hat Pascal Manetsch am Land Nepal, dessen Bewohnerinnen und Bewohner und deren Bergwelt. Seit zehn Jahren zieht es den Oberstufenlehrer nämlich regelmässig dort hin, war es auch der Beweggrund für die Gründung seines Vereins. Die Armut vor Ort hat ihn dazu bewogen, etwas zurückgeben zu wollen. «Das kann man sich fast nicht vorstellen. Wir hier machen uns Gedanken über eigentlich belanglose Dinge, z. B. ob wir auf eine bestimmte Arbeit gerade keine Lust haben, ob wir uns das nächste materielle Etwas kaufen sollen, ob wir lieber eine Wähe oder einen Kuchen möchten, und die Menschen dort besitzen gerade mal, was sie am Leib tragen. Sie spüren die volle Härte des Lebens und der Natur. Un­terversorgung, Mangelernährung und Armut sind allgegenwärtig.» Dies habe bei ihm ein Doppelgefühl ausgelöst. «Auf der einen Seite hatte ich Mitleid mit ihnen, auf der anderen Seite besitzen sie etwas, was uns allen fehlt, nämlich die absolute Freiheit.» Doch die Armut, die abgeschiedene Lage und auch der politische Druck hätten ihn zum Nachdenken gebracht. «Als ich das erste Mal im Jahr 2012 in Nepal war, hat es mich fast erschlagen; die Schönheit der Berge zog mich magisch an, auf der anderen Seite stösst einen die enorme Armut auch ab. Ich war erleichtert, konnte ich damals wieder abreisen – kaum gelandet, wusste ich, ich muss wieder hin. Nepal darf wohl leider nie ein wohlhabendes Land werden: Es ist im Sandwich zwischen China und Indien, und beide Seiten können extrem viel Druck auf Nepal ausüben, indem sie die Ärmsten beschneiden.» So hat er sich entschlossen, zu helfen. Nur Geld in die Region schicken, sei überhaupt nicht sein Ding. «Die Menschen vor Ort kennen ihre Berge wie niemand sonst. So sind sie die ideale Besetzung als Bergführer, Träger, Expeditionsköche und Helfer. Ich habe über die letzten zehn Jahre ein Netzwerk aufgebaut, wo wir vor Ort den Menschen Arbeit und zugleich Struktur geben können. Wir engagieren sie auf den Trekkings und Expeditionen von mir selber und unseren Gästen und unterstützen so auch ihre Familien, weil die Väter ein dringend benötigtes Einkommen und eine Perspektive in dieser Zeit haben.» Er arbeitet im Verein ehrenamtlich als Präsident und technischer Expeditionsleiter. Dafür bleibt am Ende einer durchgeführten Tour immer etwas Geld übrig, das er zusammen mit Spendengeldern karitativ einsetzt. «So sind wir im Schweizer Handelsregister einge-tragen und genau so wird das auch gemacht.» Ihm sei es wichtig, dass die eingesetzten Gelder nicht irgendwo versickern, sondern direkt ankommen. «Wenn ich in die Region fliege, zahle ich meinen Flug natürlich selber, und auch sonst möchte ich alles an Kleidern, Spielsachen, Farbstiften, Wasserkochern, Medizinpaketen, Wasserbüffeln oder auch Geld direkt vor Ort abliefern, da das Land leider auch sehr zerfressen von Korruption ist. Ich unterstütze keine vor Ort ansässigen Hilfswerke. Nach dem Erdbeben im April 2015 haben wir u. a. 4,5 Tonnen Reis, 450 Kilo Linsen und 150 Kilo Salz in ein einziges Dorf gebracht. Der Staat Nepal wollte dieses Dorf, dort wohnten zur damaligen Zeit 150 Familien, mit einer Essensnotration für 30 Tage ausstatten, liess aber mit dem Helikopter die Essenspakete im falschen Tal abwerfen. Da konnte ich nicht zusehen, sondern musste handeln. Das Geld für die Nahrungsmittel sollte an die nepalesische Bevölkerung gehen. Darum haben wir den zwar etwas teureren, aber inländischen Reis gekauft. Die Planung der Lastwagen und deren Fahrt in das zerstörte Gebiet war sehr anspruchsvoll. Da damals auch Benzin und Diesel von Indien stark rationiert wurden, war es ein Wettlauf gegen die Zeit. Schlussendlich konnten wir aber jeder Familie in diesem Dorf am gleichen Tag ihre Notration übergeben. Mit einem inländischen Hilfswerk wäre dies unmöglich gewesen. Zu viel Geld wäre irgendwo versickert und irgendwelche angeblichen Probleme wären aufgetaucht. Aber bei solchen Aktionen müssen mein Team und ich die Kontrolle behalten können, denn die Leute vertrauen uns, wenn sie Geld spenden. Ebenso, wenn wir beispielsweise für Ausbildungskurse zum Trekkingguide oder Englischkurse bezahlen.»

Dank des Projekts sind schon viele Freundschaften entstanden. Bild: zVg

Zwei Hände voll Expeditionsanfragen jährlich

Viele behaupten, dass seine Arbeit wohl nur ein Tropfen auf einen heissen Stein sei, doch Manetsch geben die Dankbarkeit der Menschen vor Ort und die gemeinsamen Erlebnisse auf den Reisen mit ihnen viel zurück. «Vielleicht ist es schon nur ein Tropfen, aber es ist wenigstens ein Tropfen auf den richtigen Stein, wenn ich das Gespendete den Menschen direkt vor Ort in die Hand drücken kann. Ich kann so selber entscheiden, welchen Stein er trifft.» Zirka zwei Hände voll Trekking- und Expeditionsanfragen erhalte er im Schnitt im Jahr. «In Zeiten von Covid verspüren viele ein Fernweh und wollen ein neues Land und eine neue Kultur erleben; jedes Trekking und jede Expedition können wir bereits ab einer Person durchführen und auf die Gästewünsche eingehen – unsere Strukturen sind enorm direkt und schlank, das können andere Firmen nicht anbieten. Aber auch Spezialprogramme wie unser Express Ascent, die Besteigung eines beliebigen 8000ers in 30 bis 35 statt wie üblich in 50 Tagen, oder die Doppelexpedition Everest-Lhotse in 31 Tagen sind bei uns möglich. So geschehen diesen April, als unser kanadischer Gast die Doppelexpedition erfolgreich absolvierte. Theoretisch wäre sogar ein 8000er in zehn Tagen Schweiz – Nepal/Pakistan – Schweiz möglich. Wir wissen, wie. Eigentlich kann man bei uns jeden erdenklichen Gipfel auf allen sieben Kontinenten buchen.» Vielleicht wird dank Berggängern, die in der weiten Welt das grosse Abenteuer suchen, irgendwann aus dem Tropfen ein reissender Fluss der Solidarität mit Ursprung im Prättigau. Mehr Informa­tionen zum Verein gibt’s unter www.hohenbergsteigen.com

Bereits ein Reiskocher kann viel bewegen. Bild: zVg
Christian Imhof