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Fideris
09.08.2022

Eine Institution der Zukunft (Teil 1)

Strahlegg um 1939: Das Haus Walli-Gujan wird erbaut, nur mit Lupe erkennbar.
Strahlegg um 1939: Das Haus Walli-Gujan wird erbaut, nur mit Lupe erkennbar. Bild: Archiv Elvira Walli-Heinz
Das Chinderhus Strahlegg hat während des letzten Jahres grosse bauliche Änderungen erfahren. Ein Neubau wurde anstelle des alten Saales ­erstellt, ein eigenes Zimmer für jedes der zehn Kinder geschaffen, die Ölheizung wich einer Erdwärmepumpe, und eine Solaranlage auf dem Dach sorgt für einen ökologischen Betrieb dieser Institu-tion. In zwei Teilen schaut der P&H zurück auf die Geschichte und in die nahe Zukunft.

Unseren Kindern gehört die Zukunft, ihnen wünschen wir doch nur das Beste. Was aber, wenn Kinder in ihrer Stammfamilie nicht die nötige Aufmerksamkeit erhalten, Eltern überfordert sind mit der Erziehung? Für solche, oft tragische, Schicksale gibt es das Chinderhus Strahlegg in Fideris. Seit 1956 schon ist dieses Haus mit kleineren Unterbrüchen ein Kinderheim. Ausnahmsweise erlaube ich mir, hier in diesem Bericht ein paar persönliche Bemerkungen einzustreuen. Einerseits wurde der älteste Teil vom Chinderhus auf Land meines Urgrossvaters gebaut, und andererseits bin ich zwei Häuser daneben aufgewachsen und lebe seit 1989 direkt unterhalb vom Chinderhus im Haus meiner Urgrosseltern.

Der Anfang vom Kinderheim «Daheim»

Der älteste, talseitige Teil vom heutigen Chinderhus wurde etwa 1939 in Strickbauweise erstellt als einfaches Wohnhaus mit bergseitigem kleinem Stall. Andres Walli-Gujan war der Bauherr, das Land erhielt er von seinem Vater, Christian Walli-Lemm, welcher gleich angrenzend wohnte und als Landwirt tätig war. Die Familie Walli-Gujan wohnte nach heutigem Wissen sicher bis 1941 dort. Der nächste Besitzer war Andrea Boner-Tavernaro. Dieser verkaufte das Haus 1951 an Ueli Majoleth-Rudin, welcher mit seiner Frau Luzia und den drei Kindern von Buchen hier herzügelte. Der hinten angebaute Stall wurde in den folgenden Jahren abgebrochen und an seiner Stelle 1955 ein grosser Anbau erstellt mit Schlafzimmern und einem Aufenthaltsraum. Im selben Jahr stellte Majoleth beim Kanton Graubünden ein Gesuch für den Betrieb des Kinderheims «Daheim». Dem Gesuch wurde im Frühjahr 1956 entsprochen, und fortan beherbergte das Haus Ferienkinder aus Berlin und Pflegekinder. 1965 erstellte Majoleth im Garten den grossen Saal, der letztes Jahr dem Neubau weichen musste.

Ein Bündner Dickschädel

Die älteste Tochter, Luzia Majoleth, übernahm ab Frühjahr 1967 die Führung des Kinderheims. Eine Auflage des Kantons dabei lautete: «Es dürfen keine Säuglinge, schwererziehbare und geistesschwache Kinder … aufgenommen werden.» 1970 gab es von Seiten des Sanitätsdepartementes deswegen Probleme. Im Kinderheim wurden behinderte und gesunde Kinder gemeinsam betreut. Aber auch Ferienkinder aus Basel waren oft in Strahlegg zur Erholung. Ich war zu dieser Zeit als Mägdchen dort behilflich, wobei die Hilfe sich wahrscheinlich in Grenzen hielt. Ich mag mich aber erinnern, dass wirklich sehr pflegebedürftige Kinder dort ein Zuhause hatten, ein liebevolles, wohlverstanden. Es gab einen Knaben im Rollstuhl, einen mit Wasserkopf, einen, der sich bei Aufregung ständig gegen den Kopf schlug und dem wir zur Verhinderung von Verletzungen lange, starre Plastikrohre über die Arme zogen. Kinder ohne Behinderung konnten in Fideris die Schule besuchen, auch daran mag ich mich erinnern. Mein Bruder hatte zum Beispiel eine gute freundschaftliche Beziehung noch Jahre später zu einem Knaben.

  • Ausschnitt vom Aufbau. Bild: Archiv Elvira Walli-Heinz
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  • Der talseitige älteste Teil vom heutigen Chinderhus, wahrscheinlich Ende der 1940er-Jahre. Damals noch in Besitz von Andrea Boner-Tavernaro. Bild: Archiv Elvira Walli-Heinz
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  • Kinderheim «Daheim» vom Garten aus, vor 1956. Bild: Archiv Marco Majoleth
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Die Schwester übernimmt das Heim

Folgende Aussage von Luzia Majoleth habe ich dem von ihrem Neffen verfassten Nachruf entnommen: «Es lief sehr gut, bis die Behörden fanden, Gesunde und Beeinträchtigte gehörten nicht zusammen. Ich konnte doch die Kinder nicht auseinanderreissen, schliesslich waren etliche Geschwister darunter. Also zog ich weg.» Der Verfasser vermerkt danach: «Eine Frau der Tat mit dem Durchsetzungsvermögen der Pionierin. Oder einfach ein guter, harter Bündner Dickschädel.» Luzia gab also dem Druck nach und zügelte im Sommer 1971 mit Sack und Pack und all «ihren» Kindern nach Walzenhausen, und kurze Zeit danach gründete sie im Appenzellischen Grub das Kinderheim «Blume», welches sie bis ins Jahr 2013 selber leitete.

Im Frühjahr 1976 erhielt die jüngere Schwester von Luzia, Hedy, die Bewilligung zur Führung des Kinderheims. Bis im Jahr 2006 hat sich Hedy Tag und Nacht, mit Leib und Seele für «ihre» Kinder eingesetzt, Kinder, die aus den verschiedensten Gründen ein neues Zuhause suchten. Ein Zuhause, in dem sie sich wohl fühlen konnten, und eine Umgebung, die sich bestens eignete, den Kindern eine normale Kindheit in familiärem Rahmen zu ermöglichen. Immer wieder konnten dank Spenden Zimmer saniert, die Wärmedämmung verbessert und vieles andere angepasst werden, ab 1991 unter dem Namen «Chinderhus Strahlegg».

Erika Jllien und die Stiftung

Im Jahr 2006 ging Hedy in den wohlverdienten Ruhestand und übergab den Stab an Erika Jllien. Bauliche Auflagen machten ab 2007 grosse Investitionen in Küche und Sanitäranlagen notwendig, notabene bei einem immer noch privat geführten Heim, welches für bauliche Verbesserungen nicht auf Beiträge der öffentlichen Hand hoffen konnte. Dieser Aufgabe nahm sich Erika an, neben dem «normalen» Betrieb. Weitere schwierige Aufgaben erwarteten sie, als im September 2012 der Kanton die neuen Richtlinien erliess, wonach keine Betriebsbewilligungen mehr erteilt werden an privat geführte sozialpädagogische Einrichtungen. Im Mai 2013 beschloss Erika Jllien die Gründung der Stiftung Chinderhus Strahlegg zusammen mit drei Personen, die sich für die Weiterführung vom Chinderhus engagierten.

Tag der offenen Tür  

Samstag, 20. August, 
von 10 bis 16 Uhr, 
Ober Strahlegg 3, Fideris

Besichtigung der neuen Räumlichkeiten mit buntem Programm.

Marietta Kobald-Walli