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Berry will es wissen

Joos Berry aus Überlandquart hat noch einiges vor als Sportler.
Joos Berry aus Überlandquart hat noch einiges vor als Sportler. Bild: Reto Voneschen
Skicrosser Joos Berry hat nach der Olympiapremiere Blut geleckt. Mit erhöhtem Trainingsumfang will der 32-jährige Grüscher sein ­Potenzial ausreizen.

Heiligkreuz soll, so heisst es, den Hauch des Besonderen umwehen. Allein die Postleitzahl 8888 führte am 8. August 1988 zu einem Massenauflauf auf der (damals noch vorhandenen) örtlichen Poststelle. Heute dürfte «Santa Cruz», wie es die Einheimischen nennen, eine der grössten Dichten an Teilnehmenden der Olympischen Spiele in diesem Winter vorweisen, die nicht verwandt oder verschwägert sind. In rund 500 Metern Luftlinie wohnen mit der Alpin-Snowboarderin Julie Zogg und Skicrosser Joos Berry gleich zwei diesjährige Olympioniken. Mitten im Dorf lebt die Familie Berry-Moser. Anfang Monat heiratete Joos Berry seine langjährige Freundin Michaela Moser. «Ich finde es schön, wenn alle jetzt gleich heissen», sagt der gebürtige Prättigauer. 13 Monate ist der gemeinsame Sohn alt, «und langsam muss ich einen Zaun aufstellen, damit er nicht dauernd zu den Nachbarn rennt», sagt der Vater schmunzelnd. Die Liebe führte den Grüscher ins Sarganserland, «mittlerweile fühle ich mich heimisch hier», sagt der 32-Jährige. Die zweite Liebe gehört dem Skicross. Das brauche viel Verständnis von seiner Familie, erzählt Berry, «ich bin froh, dass da mein Umfeld mitmacht».

Ein Spätberufener

Berry ist ein spätberufener Skicrosser. Mit 23 Jahren debütierte er im Weltcup, zwischenzeitlich bremste ihn ein Beckenbruch, sodass er erst mit 26 «richtig» im Weltcupteam Fuss fasste. Zehn Jahre vorher hatte er die Alpin-Karriere nach der JO-Zeit mangels Zukunftsaussichten beendet und eine Lehre als Landwirt begonnen. Erst mit 21 fand er zum Skicross. Und erst mit 32 Lenzen nahm Berry erstmals an Olympischen Spielen teil. Ein grosses Ziel sei das gewesen, «und ich bin froh, habe ich dies erreicht». Allein die Teilnahme war ein Erfolg – sechs Schweizer Skicrosser hatten die Limite erreicht. Als Nummer 3 der Schweizer im Weltcup (Schlussrang 14) bekam Berry eines
der vier Olympiatickets. Erstmals konnte er aus nächster Nähe den Riesenanlass erleben. Im Viertelfinal war aber bereits Schluss – erneut war er zwar drittbester Schweizer, die Schlagzeilen gehörten aber Olympia­sieger Ryan Regez und Silbermedaillengewinner Alex Fiva. Ein bekannter Moment für den Heiligkreuzer. Als schneller Starter und regelmässiger Top-Ten-Fahrer im Weltcup ist Berry bekannt – nur letzte Saison schaffte er es aber nicht aufs Podest. «Und bei Olympia zählt einfach nur eine Medaille», weiss der zweifache Weltcupsieger.

Mit mehr Masse zum Erfolg

«Das Potenzial ist da, aber es ist noch nicht ausgereizt», lautet sein Fazit nach der Olympiapremiere. Vor allem aus seinem Körper will er mehr rausholen. «Nur» 80 Kilo wiegt Berry mit seinen 1,80 Metern. Mit gezieltem Training will er nun an Muskeln zulegen. «Das Problem ist einfach, dass ich nur schwer zunehme», sagt Berry, «ich kämpfe um jedes Kilo». Etwas, um das ihn wohl ein Grossteil der Bevölkerung beneidet, das aber einen Leistungssportler vor einen Zusatzaufwand stellt. Mit zusätzlichen Einheiten im Konditionstraining will er nun an Muskelmasse zulegen. Dazu hat er auch seinen Arbeitsaufwand von gut 55 auf 40 Prozent reduziert. Denn Berry lebt zwar ein Profileben, vom Sport selber kann der junge Familienvater aber nicht leben. Das Preisgeld ist viel tiefer als bei den Alpinen, Sponsoren sind schwer zu finden. Auch Berry ist auf der Suche nach einem Kopfsponsor, der ihm mehr finanzielle Sicherheit garantiert. «Ich bin sehr froh über meine beiden jetzigen Sponsoren, aber mit den Summen wie bei den Alpinen kann ich das nicht vergleichen.» Als Zimmermann arbeitet er darum jeweils im Sommer. Ein super Ausgleich sei das, aber auch ein Nachteil in Sachen Regeneration. Am Dienstag den ganzen Tag sowie am Mittwoch und Donnerstag jeweils nachmittags arbeitet er auf dem Bau, die restlichen Tage schuftet er im Fitnesscenter des Rotor-Teams in Balzers. Dort, wo auch einige Teamkollegen und weitere Schneesportler trainieren.

«Ich will wissen, wie viel noch möglich ist», sagt Berry. Einen Sprung nach vorne will er im kommenden Winter machen. Mehr Muskelmasse braucht er auch, weil das Gleiten im Skicross immer wichtiger wird. Die Kurse mussten – zum Bedauern von Berry und seinen Teamkollegen – entschärft werden, da die Verletzungsgefahr zeitweise zu hoch war. Gerade bei den Frauen, welche die gleichen Kurse wie die Männer fahren. Immer weniger Skicrosserinnen nahmen an den Weltcuprennen teil. In der Schweiz beispielsweise stehen neben Aushängeschild Fanny Smith nur vier Fahrerinnen im A- und B-Kader. «In der Nachwuchsförderung muss etwas passieren», ist sich Berry bewusst. Viel Potenzial sieht er bei Alpin-Fahrerinnen, die nach der JO-Zeit aufhören. «Warum nicht auf Skicross umsatteln, statt aufhören», fragt er sich. Dass sich dieser Weg lohnt, hat er selber bewiesen.

Ziele gehen nicht aus

Dieser Weg soll weitergehen. Mit 32 Jahren will er jetzt zwar noch nicht an die nächsten Olympischen Spiele denken. «Aber im nächsten Jahr ist die WM, da will ich dabei sein», nennt er sein nächstes Ziel. 2021 wurde er überraschend nicht nominiert, etwas, das ihn noch heute wurmt. «Und 2025 ist die WM ja im Engadin», schaut er noch weiter voraus. Da wären die nächsten Olympischen Spiele nicht mehr weit, 2026 finden diese in Norditalien statt. Dass im «hohen» Alter noch Olympiamedaillen möglich sind, hat Berry hautnah erlebt – mit dem vier Jahre älteren Teamkollegen Fiva hat er das Zimmer in China geteilt. «Er musste lange darauf warten. Lange hiess es ja, dass er bei Grossanlässen keine Medaillen gewinnen könne», sagt Berry. Worte, die auch ein Anreiz sind, weiter hart an sich zu arbeiten.

Reto Voneschen