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« Für mich war’s nie ein Zurückstecken »

Annik Kälin tritt am 17. und 18. August bei der EM in München an.
Annik Kälin tritt am 17. und 18. August bei der EM in München an. Bild: Marco Kälin
Die beste Schweizer Siebenkämpferin aller Zeiten ist eine Prättigauerin. Annik Kälin erreicht in ihrer Disziplin Punkte, die so noch nie dagewesen sind. Anfang Mai stellte sie in Italien einen Schweizer Rekord auf, den sie an der WM in Eugene im Juli gleich selber wegpulverisiert hat. Diese Leistungen lassen es zu, dass das Prättigau von Medaillen träumen darf, vor allem im Hinblick auf die Leichtathletik-Europameisterschaft in München, bei der Kälin am 17. und 18. August im Einsatz steht.

Eine Prognose über einen Rang an der EM will Annik Kälin momentan noch keine aufstellen, da eine Leistung abzurufen auch immer sehr stark von der Tagesform abhänge. Zudem schlafe auch die Konkurrenz nicht, wie die Grüscherin sagt. «Bei den technischen Sportarten sind die Europäer immer weit vorne und man kann sagen, dass das Niveau auch in München hoch sein wird. Von den besten zehn Athletinnen an der WM ist nur gerade eine aus der USA bei diesem Wettkampf nicht dabei.»

Von der Jugi bis zur Weltklasse

Obwohl sich Kälin bescheiden gibt, ist die 22-Jährige in der Form ihres Lebens, was nicht nur der sechste Platz an der WM zeigt, sondern auch ihre Punktzahlen für die Geschichtsbücher. «Ich glaube, so richtig verarbeitet habe ich es noch nicht, dass ich im Siebenkampf inzwischen die erfolgreichste Schweizer Athletin aller Zeiten bin. Aber ich denke, das kommt jetzt dann Schritt für Schritt.» Zum Siebenkampf ist Annik Kälin eher zufällig gekommen, wobei man sagen darf, dass ihre sehr sportliche Familie schon auch einen gewissen Einfluss gehabt haben könnte. «Wir haben als Familie immer schon sehr viel Sport getrieben und hatten schon als Kinder viel Freude an der Bewegung. Wir wurden aber nie zu etwas gedrängt von unseren Eltern.» Angefangen habe sie wie viele andere wohl auch in der Jugi in Grüsch. Eine Kollegin habe sie dann mal in die Leichtathletik mitgenommen, was sie sofort begeistert habe. Erstmals als Siebenkämpferin sei sie mit zehn angetreten. Auf dem Podest gelandet sei sie zum ersten Mal als Elfjährige an einem UBS Kids Cup. Das habe schon geholfen. «Ich glaube, dadurch dass ich schon als junges Mädchen erste Erfolge feiern durfte, bin ich auch drangeblieben und habe bemerkt, dass da noch einiges möglich sein könnte. Da wusste ich, dass ich mehr investieren will.»

Annik Kälin bei der WM in Eugene. Bild: Athletix.ch

Schnell switchen ist alles

Ab diesem Zeitpunkt sei für sie klar gewesen, dass sie versuchen wolle, das Maximum aus dem Sport herauszuholen. Darum hat sich die WM-Sechste auch für das Lernen eines Berufs entschieden, der ihr auch auf dem Sportplatz gewisse Vorteile bringt. «Es ist schon gut, dass ich die Basics der Arbeit als Physiotherapeutin inzwischen beherrsche und weiss, was mein Körper mir für Zeichen gibt.» Auch wenn es momentan ein wenig streng sei neben den sechs bis neun Trainingseinheiten pro Woche ein Praktikum zu absolvieren, sei sie doch froh, dass sie noch ein zweites Standbein habe. «Ich bin dankbar, dass Sport und Arbeit bei mir so gut nebeneinander funktionieren. Das ist nicht selbstverständlich, denn ein Arbeitgeber muss in der Regel bei Sportlern mit sehr viel Abwesenheit rechnen. Oft braucht es nämlich Zeit zur Regeneration oder auch, um mit dem Jetlag klar zu kommen.» Zudem könne es mit dem Sport auch schnell zu Ende sein, darum sei es wichtig, sich auch neben dem Sport ein Leben aufzubauen. «Gleich wichtig, wie das rasche Switchen zwischen den Disziplinen auf dem Sportplatz ist es auch, zwischen Privatleben, Arbeit und Sport hin und her switchen zu können. Ich gehe auch mal in den Ausgang oder mit Kollegen was trinken, vielleicht einfach nicht gleich am Abend vor einem Wettkampf. Aber sonst sehe ich das nicht so eng.»

Die emotionale Seite des Sports

Die Siebenkämpferin, deren Königsdisziplin der Weitsprung ist, liebt ihren Sport immer noch wie am Anfang. Auf die Frage, ob sie für Wettkämpfe nie auf Ausgang, Freunde und Partys verzichten musste, winkt sie entschieden ab. «Für mich war’s nie ein Zurückstecken. Dank dem Sport darf ich mit vielen spannenden Leuten um die Welt reisen und Dinge erleben, zu denen ich vielleicht nie gekommen wäre. All diese emotionalen Erlebnisse geben mir unheimlich viel, so dass sich das gar nie wie ein Verzicht auf anderes angefühlt hat. Ich bin zufrieden und dankbar, dass ich das alles erleben darf, denn man weiss nie, wann das Ganze zu Ende ist.» Hoffentlich darf Annik Kälin noch viele weitere Anekdoten sammeln und muss sich noch lange keine Gedanken, um einen Plan B machen. Für die EM in München drückt dir nicht nur die Region, sondern inzwischen wohl sogar die ganze Schweiz kräftig die Daumen. Hopp Annik!

Christian Imhof