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21.09.2022

Erlebnis auf einem Demeter-Bauernhof

Dreiwöchiger Aufenthalt auf dem Biohof als lehrreiches Experiment.
Dreiwöchiger Aufenthalt auf dem Biohof als lehrreiches Experiment. Bild: Lucas J. Fritz
Indem wir uns hinauswagen in die grosse, unbekannte, weite Welt, lassen wir den Kern in uns wachsen und gedeihen. Mit dieser Überzeugung nahm ich meinen Mut zusammen, trat aus meiner wohlig warmen und bequemen Komfortzone heraus und verbrachte den August überwiegend auf einem St.Galler Demeter-Bauernhof. Was ich dabei erlebt habe, erzähle ich nachfolgend.

Warum auf den Bauernhof? Das Büroleben war mir wieder zu öde geworden, sodass ich mich dazu entschloss, über eine globale Plattform (WWOOF) lokale Schweizer Bauernhöfe (Bio und Demeter) für einen längeren unbezahlten Aufenthalt anzuschreiben. Ich wollte etwas ausprobieren, das ich noch nie getan hatte, und da ich in meiner Jugendzeit nie längere Zeit auf einem Bauernhof verbracht hatte, war dies meine erste Wahl. Indem ich etwas völlig Neues ausprobierte, erlaubte ich mir selbst, mich besser kennenzulernen. Es ging mir in letzter Instanz ehrlicherweise auch darum, möglichst geldfrei zu leben, um das Reiseportemonnaie zu schonen. Doch geldfrei nicht nur des Geldes wegen, vielmehr um alles, was ich erleben würde, nicht des Geldes wegen zu erfahren, sondern um Wissen um Tiere, Pflanzen und das Land anzuhäufen und das eigene Wesen durch die neue Erfahrung besser zu verstehen.

Schlammschlacht und Hühnerkacke

An meinem allerersten Tag liess der Bauer durch ein Missgeschick den von einer eigenen Quelle gespiesenen Wassertank völlig auslaufen. Doch statt die Hände zu verwerfen, ergriffen wir Schaufel und Kessel und putzten gemeinsam den schlammigen Wassertankboden sauber. Das fehlende Wasser hatte uns in der Folge noch mehrere Wochen lang das Leben erschwert, da es trocken und heiss war und kaum Regen fiel. Ab dem zweiten Tag hatte ich morgens wie abends meine Routine, bei welcher ich die Hühner und Schafe fütterte und tränkte. Ein Teil meiner Arbeit bestand daraus, Hühnerkacke von den Brettern des Stalls täglich mit einem Schaber wegzukratzen. Meine allererste Aufgabe eines jeden Tages war, die Schnecken aus dem Garten einzusammeln und den Hennen zum Frass vorzuwerfen. Die Hühner frassen dann zu meinem Erstaunen tatsächlich die Schnecken.

Flucht des Hahns

Zu Ende der dritten Woche war es eines Abends wie an jedem Tag Zeit, die Hühner für die Nacht im Stall einzusperren. Normalerweise gingen die Hühner beim Eindunkeln von sich aus in den Stall und machten es sich irgendwo bequem. Doch an jenem Tag regnete es und die Hühner erfreuten sich der zahlreichen Regenwürmer. Ich war so müde wie selten zuvor und versuchte die Hennen und den Hahn mit weit ausgebreiteten Armen in den Stall hineinzutreiben. Dies gelang mir dann auch bei den meisten Tieren. Alle zehn Hennen brachte ich so durch die kleine Öffnung in den Stall
hinein, nur der Hahn wehrte sich standhaft meiner Forderung nach Schlaf. Alles, was ich wollte, war, diesen Hahn hineinzutreiben, das Törchen zu schliessen und mich nach einem 16-stündigen Arbeitstag nur noch ins Bett zu legen. Ich wurde immer wütender und schimpfte den Hahn ein blödes Drecksvieh, jagte ihn durchs Gehege im Versuch, ihn durch das Törchen in den Stall hineinzubringen, sodass er irgendwann – und dazu musste es scheinbar unweigerlich kommen – über den Zaun aus dem Gehege hinausflatterte. Fluchend probierte ich alsdann das elende Tier wieder in das Gehege hineinzubringen, wollte, dass er nochmals über den Zaun flatterte. Doch das tat er dann partout nicht. Er rannte wie ein Wilder auf der direkt angrenzenden Schafwiese hin und her und liess sich einfach nicht einfangen. Ich musste höllisch aufpassen, die neugierigen Schafe durch mein hektisches Getue und zorniges Gefluche nicht in den zweiten, äusseren Zaun zu treiben, was weitaus ärgeres Leid verursacht hätte. Irgendwann kam mir dann in den Sinn, dass ich einfach den Hühnerzaun öffnen und das Tier durch die Öffnung hineintreiben könnte. Nach einer geschlagenen halben Stunde seit meinem ersten Versuch, die Hühner in den Stall zu treiben, war der Hahn endlich im Gehege. Die eigentliche Ausgangslage war dadurch wiederhergestellt. Nun ging es darum, das Tier in den Stall zu locken. Doch dafür musste ich erstaunlicherweise nichts mehr leisten. Der Hahn ging von sich aus in den Stall, sodass ich geschwind das Törchen schloss, den Zaun zurückstellte und mich völlig erschöpft ins Haus schleppte, ins Bett plumpste und sofort einschlief.

Verzicht ist freiwillig

Während meines Aufenthalts auf dem Bauernhof arbeitete ich viel und hatte wenig Zeit für persönliche Bedürfnisse übrig. Wenn einmal ein halber Tag lang nichts los war, wurde ich unruhig, weil ich mir schon nach kurzer Zeit pausenloses Tun gewöhnt war. Doch es war mein Entschluss, Zeit bei Bauern zu verbringen, und so hielt ich mich dann daran und genoss die Unbequemlichkeit der neuen Erfahrung, denn ich wusste um die Vergänglichkeit dieser Zeit.

Lucas J. Fritz