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Schiers
02.10.2022
30.09.2022 09:42 Uhr

Umgang mit Verschiedenheiten in Graubünden 2022

Erinnerungsstätte in Seewis. Pater Fidelis wurde am 24. April 1622 ermordet.
Erinnerungsstätte in Seewis. Pater Fidelis wurde am 24. April 1622 ermordet. Bild: E. Bardill
Landtagung der Pro Raetia in Seewis, auf der Basis des Historienspiels über den Prättigauer Aufstand und Tod des Kapuzinerpaters Fidelis im Jahr 1622.

Bei der Erinnerungsstätte «Fidelis Brünneli» empfing der geschichtskundige Gemeindepfarrer Andreas Anderfuhren mehrere Mitglieder der Organisation Pro Raetia. Mit der Einführung ins Geschehen von damals und dem szenischen Rundgang erhielt man Einblick in die Auseinandersetzungen, wie sie sich zwischen den österreichischen Machthabern und den Prättigauer Untertanen vor 400 Jahren zugetragen hatten. Mit dem Eindringen der Reformation im 16. Jahrhundert hatte sich deren Verhältnis zu den katholischen Habsburgern verschlechtert. Politische und religiöse Unterdrückung seitens der Machthaber stachelte den Unmut der Bevölkerung an. Die aufgestaute Wut kam am Sonntag, 24. April 1622, zum Ausbruch. Der katholische Pater Fidelis von Sigmaringen wurde aus der Kirche gezerrt und ermordet. – Die Erinnerung an das dunkle Geschehnis ist für die Nachkommenden bis heute unterschiedlich. Für die einen war Pater Fidelis ein Märtyrer. Er wurde 1746 heiliggesprochen. Für die andern bleibt er als wichtige Figur im Freiheitskampf der Prättigauer in Erinnerung. – Genaueres über die Zeit der Gegenreformation ist im Band 3 «Bündner Kirchengeschichte» von Albert Frigg nachzulesen.

Strenge Regeln oder Offenheit 

Das Nachmittagsprogramm im Hotel Scesaplana war auf die Gegenwart zugeschnitten. Der Präsident Johannes Flury stellte den herausfordernden Satz an den Anfang: «Damit ein Staat bestehen kann, muss alles gleich sein.» Sogleich kam man in der Gegenwart an. Wie gehen andere Staaten mit der Ungleichheit um? Was haben wir für Möglichkeiten und Freiheiten in Familie, Dorf und Staat? Sind streng kontrollierte Regeln das Richtige? Den Umgang mit anderen Kulturen zeigte Anna Thöny mit ihrer persönlichen Geschichte auf. Durch Zufall kam sie als Beraterin und Helferin in nahe Beziehung mit einer tamilischen Familie, die im selben Haus wohnt. Sie wurde zur unentbehrlichen Vermittlerin bei der Kommunikation in Gebärdensprache und zugleich wuchs sie in die Rolle einer liebenden Grossmutter für Julia hinein. Sie sagt: «Es ist nicht alles machbar, auch durch bewusste Steuerung nicht.» – Fabio Cantoni ist beruflich bei der Geschäftsleitung der Stadtschule Chur tätig. Er wies auf die unzähligen Ungleichheiten im schulischen Bereich hin. Als Kindergärtler mit Wurzeln im Veltlin erlebte er Fremdheit in Chur. Doch das sei weit entfernt von Fremdgefühlen vieler Kinder von heute gewesen. In der Stadtschule hat es zurzeit Kinder aus 40 Nationen. Die gesellschaftlichen Veränderungen sind spürbar. Viele Sprachen und Religionen haben einen Einfluss auf den Stundenplan. Bei Elternkontakten ist eine einfach verständliche Sprache der Lehrkräfte erforderlich. Die Kinder haben einen bildungsnahen oder bildungsfremden Hintergrund. Die Schulsprache ist der Schlüssel für Vieles. Es gibt Sprachintegrationsklassen. Auch Sozialwerke setzen sich für die Schulsprache in Deutsch ein. Der Umgang mit Ungleichheiten sowie die Wertevermittlung ist Aufgabe der Schule. Der Austausch über Heimat- und Naturkunde wurde für Lehrpersonen wichtiger. Im Referat von Cantoni hörte man Betroffenheit wie grosse Offenheit gegenüber den Ungleichheiten im Bildungsbereich heraus. Johannes Flury, Fabio Cantoni und Anna Thöny konnten Fragen beantworten, so weit wie überhaupt möglich …

Pro Raetia kann wärmstens empfohlen werden für Leute, die über Gott und die Welt nachdenken und sich einen Austausch über brennende Zeitfragen wünschen. Die Zeitschrift «Terra Grischuna» stand und steht in Zusammenhang mit dieser Organisation. Sie wurde im Jahr 1942 von Balz Fetz, einem nach Basel ausgewanderten Bündner, gegründet. In Beiträgen widmet sie sich historischen wie aktuellen Ereignissen und Personen. 

Der Umgang mit anderen Kulturen erfordert Engagment. Bild: E. Bardill
Elisabeth Bardill