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Kultur
07.11.2022

Ein Fest der Freundschaft uber alli Grenzä

Bild: zVg
Der grösste und beliebteste Walser-Anlass sind die alle drei Jahre stattfindenden Internationalen Walsertreffen. 2000-3000 Personen aus allen Walsergebieten treffen sich jeweils, so auch kürzlich wieder in der Walserkolonie Ornavasso/Urnafasch (I) im unteren Ossolatal. Aus dem Prättigau nahmen sowohl ganze Gruppen wie die Furner Hürner oder das St. Antönier Heuervolch teil, aber auch viele Einzelpersonen.


Ornavasso ist eine etwas aussergewöhnliche Walsersiedlung. Sie entstand zwar zeitgleich mit vielen anderen Walserkolonien, die im 12./13. Jahrhundert, vom Oberwallis ausgehend, die damals noch praktisch unbesiedelten und nur im Sommer genutzten Höhenlagen in den Alpen ganzjährig erschlossen. Ornavasso liegt hingegen nicht auf Alpstufe, sondern nahe des Lago Maggiore auf 215 m ü.M., so tief wie keine andere Walsersiedlung, und zählt heute etwa 3400 Einwohner. Aufgrund gleicher Territorialherrschaft wurde Ornavasso im 13. Jahrhundert als Auswanderungskolonie von Naters (VS) gegründet. Dessen sind sich in Ornavasso alle bewusst, und jährlich finden gegenseitige Besuche dieser zwei Orte statt. Bis ins 19. Jahrhundert bestand so eine deutschsprachige Enklave im unteren Ossolatal. Sprachlich erinnert heute nur noch wenig an die walserische Vergangenheit, obwohl sogar noch ein kurzes Wörterbuch der Ornavasser Walsermundart mit dem Titel „Als vir saghen“ (wie wir sagen) existiert. Geblieben sind hingegen deutsche Flurnamen, so etwa im Namen des Wallfahrtsorts „Madonna del Boden“ oberhalb des Ortes, der bekanntesten Sehenswürdigkeit von Ornavasso.

42 Walser-Gruppen
15'000 Besucher seien sich in den drei Tagen vom 30. September bis 2. Oktober in Ornavasso zusammengekommen, schreiben die Organisatoren, und 1630 davon hätten in Trachten am farbenfrohen Umzug teilgenommen. Dieser bildet seit dem Anfang der Walsertreffen – das erste fand 1962 in Saas Fee statt – das Herzstück der Veranstaltung. Der Umzug spiegelt die Niederlassungen der Walser in den Hochalpen im Mittelalter: 42 Gruppen nahmen daran teil, darunter Vallorcine (F), Gressoney, Issime, Alagna, Rima, Rimella, Macugnaga, Formazza (alle I), Bosco Gurin (TI) sowie diverse Gruppen aus dem Wallis, Graubünden, Triesenberg und Vorarlberg.

Zelten am Logo Maggiore

Für einmal logierten viele der angereisen Walserinnen und Walser in Bungalows auf einem grossen Zeltplatz direkt am Lago Maggiore – etwas, das es an Walsertreffen bisher noch nie gab. Man traf sich unter einem südlichen Himmel in einer entspannten angenehmen Atmosphäre. Während drei Tagen stand die Freundschaft und Zusammengehörigkeit im Zentrum. Ornavasso war fest in der Hand von Walserinnen und Walser aus nah und fern, die Sehenswürdigkeiten bewunderten, Versammlungen besuchten, Konzerten und Lesungen lauschten, zur UNESCO-Kandidatur der Walser debattierten oder einfach durch die Strassen und Plätze flanierten und dabei bekannte und neue Menschen trafen, mit denen sie trotz aller Vielfalt von Trachten und Sprachen die faszinierende Eigenschaft teilen, zu einer Volksgruppe mit einer ganz besonderen Geschichte zu gehören.

Thomas Gadmer