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Freizeit
14.11.2022

Nachts in der Höhle

Bild: Lucas J. Fritz
Wenn die Nacht über den Tag herfällt, entschwindet das Licht im Angesicht der Dunkelheit von der Erde. Unser reisender Reporter Lucas J. Fritz erzählt in diesem Beitrag wie es ist, nachts in einer Höhle zu liegen.

Die Nächte auf der Insel La Gomera waren im Monat Oktober beinahe so lange wie die Tage. Um halb neun Uhr abends hatte die Nacht bereits das Zepter des Königreichs Erde übernommen. Jeshua zündete sich in der Abenddämmerung jeweils eine Kerze als Leselicht an und legte sich auf sein Nachtlager. In der einen Hand hielt er sein Buch und die andere Hand legte er als Kopfstütze unter seinen Nacken. In seiner kleinen Höhle staute sich die Hitze des Tages bis kurz vor Mitternacht, sodass er nackt dalag und trotzdem schwitzte. Nach Mitternacht begann ein kühler Wind in die Höhle hineinzuziehen.

Märchen aus tausendundeiner Nacht
Nachts in der Höhle las er gern orientalische Märchen von Rafik Schami oder Werke der deutschsprachigen Literaturmeister des zwanzigsten Jahrhunderts. Er fühlte sich wohl und geborgen während er dalag und von fast allseitig von uraltem Vulkangestein umgeben war und das Kerzenlicht im Wind auf dem Gestein flackerte. Manchmal lag er auch einfach nur auf seinem Nachtlager und beobachtete die Schatten, die das Licht der kleinen Kerze war. Vor seiner Höhle in der Klippe zogen die Sturmhaubentaucher bis spät in die Nacht hineinfliegend vorbei. Sie gaben dabei ihren quietschenden Ruflaut von sich. Als Jeshua das erste Mal auf La Gomera draussen am Strand übernachtet hatte, war er wegen der seltsamen Laute des Sturmhaubentauchers fürchterlich erschrocken und hatte vor lauter Aufregung gar nicht schlafen können. Mit der Nacht erwachten die Tiere, doch nicht nur Vögel, sondern auch Mücken und Spinnen. Während tagsüber die scheuen Eidechsen über die heissen Vulkansteine huschten, sogen nachts die Mücken Jeshuas Blut. Er war demgegenüber, wie er für sich selbst feststellte, seltsam gleichgültig. Die Einstiche der Insekten juckten zwar, doch zu vertreiben versuchte der junge Mann die Tiere gar nicht erst. Er war bei ihnen zuhause und sie nahmen sein Blut als Miete. Viel nahmen sie nicht, ansonsten hätte Jeshua die Höhle bei der Inselbehörde als Eigentum zu erwerben versucht. Dann hätten die Mücken ihm die Miete gezahlt. Die Spinnen sah er nie, doch er spürte sie manches Mal als er bereits fast ganz ins Land der Träume hinübergegleitet war über seine Haut krabbeln. Auch demgegenüber war er seltsam gleichgültig geworden.

Spinnenangst und Meeresrauschen
In der Schweiz hatte er aufgrund einer misslungenen Übernachtung in der Zwergenhöhle in Untervaz eine Arachnophobie entwickelt. Er hatte sich eines Tages im Monat April in der Höhle ein Lager für die Nacht eingerichtet und war nach Einbruch der Dunkelheit von unzähligen Spinnen überfallen worden. Seitdem vermied er es in warmen Jahreszeiten in Höhlen zu übernachten. Hier auf La Gomera schien er seine Angst vergessen zu haben. Seine Spinnenangst heilte sich durch die Nächte hindurch wie von selbst. Selten fand er Schlaf vor Mitternacht. Bevor er einschlief, sah er in vielen Nächten zum Lichtermeer der Nachbarinsel Tenerife hinüber und war froh zu sein, wo er war. Oft lag er lange wach in seinem Schlafsack und lauschte den Klängen des Meeres. «Seit Abermillionen von Jahren rauschte das Meer ohne in dieser Zeit damit jemals innegehalten zu haben. Die Wellen brachen am Vulkangestein der Kanareninsel seit deren Entstehung. Das Meeresrauschen war so alt wie die Insel selbst», dachte er sich immer wieder. Ein angenehmes Gefühl der Geborgenheit überkam ihn dabei, sodass er manches Mal schon kurz darauf ins Land der Träume hinübergegleitet war.

Lucas J. Fritz