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Fläsch
20.11.2020
26.11.2020 13:32 Uhr

Wildüberführungen: Kann weniger mehr sein?

Zwischen Bad Ragaz und Fläsch (Wildtierkorridor SG26/GR20) konnte letzte Woche eine neue Wildbrücke in Betrieb genommen werden.
Zwischen Bad Ragaz und Fläsch wurde letzte Woche eine Wildüberführung «light» in Betrieb genommen. Der Vergleich mit der Wildüberführung Halbmil in Trimmis zeigt, dass solche Bauten offenbar auch bescheidener und günstiger funktionieren.

Vor zwei Jahren wurde in Trimmis die Wildüberführung Halbmil in Betrieb genommen. 50 Meter breit und 10 Millionen Franken teuer. Letzte Woche fand in Bad Ragaz die Bauabnahme der neuen Wildüberführung auf der Freihofbrücke statt, welche für knapp 900 000 Franken realisiert wurde. Der rege Rotwildwechsel zwischen Bad Ragaz (Taminatal) und Fläsch (St. Luzisteig) wirft die Frage auf, ob Wildbrücken auch bescheidener und günstiger funktionieren?

Nicht vergleichbar

Über die Wildbrücke Halbmil in Trimmis wechselten in den letzten zwei Jahren zehn Hirsche die Rheintalseite, auf der gewöhnlichen und asphaltierten Güterstrassenbrücke in Bad Ragaz waren es schon vor der Wild-Optimierung binnen Jahresfrist 152 Hirsche. Die Frage, ob damit bewiesen sei, dass das Wild sich auch mit bescheideneren und günstigeren Übergangen begnügen würde, wird von Hannes Jenny, Wildbiologe im Amt für Jagd und Fischerei Graubünden, verneint. «Die beiden Übergänge lassen sich nicht miteinander vergleichen. In Bad Ragaz war der Wildwechsel durch den Bau von Bahnlinie und Autobahn nicht unterbrochen. Die Tiere konnten ihre Tradition dank der dortigen Güterstrassenbrücke fortsetzen. In Trimmis war der traditionelle Wechsel seit Jahrzehnten unterbrochen und die Tiere müssen die Wildüberführung zuerst neu entdecken. Und da spielt die Dimension eine wesentliche Rolle.» Bezüglich Grösse für Wildüberführungen gebe es sogar Bundesgerichtsentscheide, so Jenny weiter. Hinzu komme, dass die Wilddichte im Gebiet Oldis (Calanda-Seite) seit der Ausbreitung des Wolfes und damit auch der Druck zum Talseitenwechsel abgenommen habe. In umgekehrter Richtung sei dieser Druck aufgrund der attraktiven Wintersaaten zwischen Zizers und Chur ohnehin kaum vorhanden. Die Nutzung der Brücke entspreche etwa den Erwartungen, stellt der Wildbiologe abschliessend fest.

Bauabnahme Freihofbrücke

Letzte Woche fand die Bauabnahme der sanierten Freihofbrücke statt, welche den Wildtierkorridor SG26/GR20 aufwertet und laut Auskunft von Julian Räss, Mediensprecher des Astra, für knapp 900 000 Franken und damit günstiger als budgetiert hat erstellt werden können. Entgegen den ursprünglichen Plänen des Astra, im Raum Sarelli zwischen Maienfeld und Bad Ragaz eine neue Wildüberführung zu erstellen, habe man mit der Optimierung der bestehenden Freihofbrücke nun eine wesentlich günstigere und wohl auch effizientere Lösung finden können, freut sich Rolf Wildhaber, Wildhüter im St. Galler Oberland (Aufsichtskreis 3). «Solche Brücken muss man dort realisieren, wo das Wild eh schon wechselt und nicht, wo die Behörden es wollen. Das Rotwild querte schon früher in diesem Gebiet das Rheintal, um in den Rheinauen oder im Raum Bündner Herrschaft zu überwintern – und im Frühling in umgekehrter Richtung. Mit dem Bau der Autobahn in den Sechzigerjahren, wurde dieser natürliche Wildwechsel allerdings zerstört. In der Folge suchten sich die Hirsche eine neue Möglichkeit, Autobahn und Bahnlinie zu überqueren. Diese fanden sie bei der Freihofbrücke.» Dass es genau diese Brücke ist – es gibt zwischen Bad Ragaz und Sargans noch weitere Übergänge – hängt laut Wildhaber einerseits mit besagtem Zug der Tiere zusammen, anderseits mit der natürlichen Vernetzung. «Auf beiden Seiten befinden sich Windschutzstreifen und damit Deckungsmöglichkeiten, wodurch das Wild keine grossen und offenen Flächen überqueren muss.» 

152 Hirschwechsel

Der natürliche Wildwechsel über diese Brücke wurde unter anderem durch das internationale Rotwildmarkierungs-Projekt belegt, bei welchem Graubünden (und St. Gallen) zusammen mit Liechtenstein und dem Land Vorarlberg vor einigen Jahren Hirsche mit GPS besenderten und deren Wanderungen dokumentierten. Dabei stellte man fest, dass Rotwild aus dem Taminatal besagte Brücke in beiden Richtungen als Wildwechsel nutzte. Bekräftigt wurde diese Wanderung aber auch durch ein Monitoring von Rolf Wildhaber. Mittels Wildkameras konnte er dem Astra und den Behörden belegen, dass sogar schon die bestehende Brücke ohne jegliche baulichen Eingriffe für Wildquerungen genutzt wird. «Und zwar das ganze Jahr über», stellt er weiter fest. Der Hauptwechsel erfolge zwar, wie üblich, im Frühling und Herbst; aber einzelne Rotwild-Stücke oder -Grüppchen würden auch im Sommer oder Winter die Talseite wechseln. Insgesamt konnte Wildhaber vor der Brückensanierung innerhalb eines Jahres 152 Rotwildbewegungen dokumentieren – plus Haarraubwild sowie vereinzelte Rehe, Hunde und Katzen. «Eventuell waren es sogar noch mehr Hirsche, welche von den Wildkameras nicht erfasst oder von anderen Tieren im Rudel verdeckt wurden.» Er sei gespannt, welche Auswirkungen die Anbringung des Wildwechselstreifens nun haben wird, sagte Wildhaber abschliesend.

Die Wildüberführung Halbmil in Trimmis verzeichnete in den ersten beiden «Betriebsjahren» lediglich zehn Rotwildbewegungen. Haarraubwild nutzt die Brücke fast täglich.
dsfsafd
ms