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Jenins
11.12.2020
14.12.2020 08:27 Uhr

Zufriedenheit ist eine Tugend, die jung hält

Hans Bantli aus Jenins feiert heute Samstag seinen 100. Geburtstag.
Hans Bantli aus Jenins feiert heute Samstag seinen 100. Geburtstag. Bild: ms
Ein Titel, der offenbar passt: Auf die Frage, was sein Erfolgsrezept sei, im stolzen Alter von 100 Jahren körperlich und geistig noch derart fit zu sein, stellte der Jeninser Hans Bantli Zufriedenheit und Bescheidenheit in den Vordergrund. Als Bauernsohn, Förster, Landammann, Hobbywinzer, Tuberkulosepatient und Aktivdienstler im Zweiten Weltkrieg blickt er auf ein bewegtes Leben zurück.

Die letzten Rebblätter im Wingert vor seinem Haus liegen auf dem hartgefrorenen Schnee. Im Hintergrund thront der Falknis in den wolkenverhangenen Himmel. Es ist winterlich geworden in den letzten Tagen. Anfang der Sechzigerjahre suchten sich Hans und Anna Bantli diesen schönen und abgelegenen Fleck im Hinterbovel als Standort für ihr Haus aus. Das sonnenbegünstigte und fruchtbare «Terroir» trug als Kraftort – ähnlich wie bei den tiefverwurzelten Blauburgunder Reben – vielleicht dazu bei, dass der Jubilar heute Samstag dort seinen 100. Geburtstag feiern darf. Als Hauptgrund ortet er jedoch «Zufriedenheit und Bescheidenheit», welche ihn zeitlebens begleiteten. «Und natürlich ein seriöser Lebenswandel. Ich rauchte nicht und ging früh ins Bett, um am Morgen beizeiten und ausgeschlafen aufzustehen.» Und auch Wein trank Bantli nur mit Mass.

Apropos Wein...

«Früher hatte fast jeder Jeninser ein paar Reben und einen kleinen Torkel. Konzentrierte Grossbetriebe wie heute gab es damals noch nicht.» Er erinnert sich noch gut daran, wie man die 50-Liter-Fäs-ser auf dem mit «Gretzenbürdeli» ausgepolsterten Leiterwagen mit vorgespanntem Ochsen zum Güterschuppen in Maienfeld transportierte und von dort mit dem Zug ins Glarnerland lieferte. «50 Franken kostete ein 50-Liter-Fass.» Die damalige Qualität könne und wolle er nicht beurteilen, den Glarnern scheine der Jeninser jedenfalls jahrelang gemundet zu haben, schmunzelt der Jubilar. Nicht nur Wein- und Rebbau war im 450-Seelendorf damals verbreitet. «Die meisten Familien hatten auch ein paar Kühe, Schafe, Hühner und ein Schwein im Stall, um sich so die notwendigste Lebensgrundlage zu sichern.   

Forstliche Ausbildung

Aufgewachsen ist Hans Bantli in einer einfachen Bauernfamilie zusammen mit seinen Eltern Jakob und Christina sowie seiner Schwester Anna. Auch sie hatten ein paar Reben, einen Acker und einen kleinen Torkel. Nach der Schulzeit besuchte er die Schule für Obst- und Rebbau in Rheineck, und später belegte er diverse Kurse im Forstbereich (eine Försterschule gab es damals noch nicht). Parallel dazu arbeitete er, wie schon als Schulbub, sporadisch als «Messgehilfe» bei Förster Lampert. Als dieser starb, bewarb sich Hans Bantli als Nachfolger. «Die Bewerber wurden ins Rathaus nach Maienfeld zum Gespräch vorgeladen, wo ihnen Förster Hansi Möhr – dekoriert mit einem Weiss-tannenzweig am Hut – knifflige Fragen stellte. «Auch wenn andere mit Rechnen wohl mehr punkten konnten als ich, überzeugte ihn meine Vision von Wald und Botanik offenbar am meisten.» Bantli erhielt 1944 den Zuschlag für die 50-Prozent-Stelle als Jeninser Förster. Später betrieb er am Standort des heutigen Industriequartiers im Auftrag des Kantons zusammen mit

Familie Bantli mit Hans, Anna, Jürg, Hans, Christian und Elisabeth Bantli (v.l.) Bild: zVg

seiner Frau Anna Gredig aus Pagig, welche er 1946 heiratete, einen etwa Hektar grossen Forstgarten (Baumschule). Dort mussten insbesondere Nussbäume angepflanzt werden, welche in der Nachkriegszeit spärlich vorhanden waren und auch immer wieder von Frostschäden heimgesucht wurden (ganz schlimm während der Jahrhundertkälte von 1956). Danach kamen auch noch andere Baumarten hinzu.

Motorsägen-Verbot

Noch eine Episode Bantlis in seiner forstlichen Tätigkeit: Er erinnere sich noch gut, als man in den Fünfziger- oder Sechzigerjahren eine der ersten Motorsägen des Kantons angeschafft habe. «Kreisförster Gartmann aus dem Prättigau bemerkte dazu, diese Sägen seien gut und recht, würden aber genauso schnell wieder verschwinden, wie sie gekommen seien. Die Gemeinde Schiers publizierte per Inserat sogar ein Verbot für Motorsägen, weil man befürchtete, den konventionellen Sägern und Waldarbeitern damit die Arbeit wegzunehmen.»

Zweiter Weltkrieg

Zwischen 1940 und 1944 war der Jeninser aber nicht nur im Wald und mit seinen Ausbildungskursen aktiv, sondern auch als Rekrut und später als Korporal bei der Grenzbesetzung im Rätikon. «Wir waren in der Windegghütte am Barthümeljoch stationiert und mussten die Grenze zum Naafkopf bewachen», erinnert er sich. Unter anderem erlebte er damals hautnah mit, wie ein Geschwader amerikanischer Bomber (Fliegende Festungen) in den Schweizer Luftraum eindrang und von der Fliegerabwehr am St. Margrethenberg beschossen wurden (P&H berichtete dieses Jahr ausführlich zum Thema – 70 Jahre nach Kriegsende). «Eines der mit Fallschirmen abgesprungenen Besatzungsmitglieder landete in Rofels oberhalb Maienfeld. Der stramme und fremdsprachige Mann wurde unter Anwesenheit vieler Schaulustigen und der Ortswehr ins Rathaus zur Einvernahme überführt. Alle waren von seiner modernen Overall-Kleidung mit den vielen Säcken fasziniert, während die Schweizer Soldaten damals noch in hagebuchener Kleidung unterwegs waren», schmunzelt Bantli. Er ist einer der letzten Zeitzeugen im Kanton, welcher solche und viele weitere Ereignisse des Zweiten Weltkriegs detailliert zu schildern weiss. Dazu gehört unter anderem auch die Bewachung von General Guisan, welcher kurze Zeit im Grand Resort Ragaz logierte. Oder seine Ansteckung mit Tuberkulose, die Bantli in Davos auskurieren musste. 

Viele Ämter und Funktionen

Nebst seiner beruflichen Tätigkeit als Förster und Beauftragter des Forstgartens belegte der umtriebige Jeninser verschiedenste Ämter und Funktionen in der Gemeinde, vom Kirchgemeindevorstand, über den Schulrat bis hin zum Feuerwehrkommandanten und Chronisten. Auch Milchkontrolleur war er 17 Jahre lang und 62 Jahre im Männerchor Jenins. Trotz all dieser Funktionen nahm er sich stets genügend Zeit, seine vier Kinder Elisabeth, Jürg, Christian und Hans zusammen mit seiner Frau liebevoll grosszuziehen. Heute ist er zudem stolzer Neni und Urneni von sieben Enkeln und 13 Urenkeln. Seine Frau Anna verstarb 2013 nach 67 Ehejahren.

Alter schützt vorm Winzern nicht: Auch mit 99 Jahren noch mit dem «Eiger» im Wingert unterwegs, um kleine Arbeiten zu verrichten. Bild: ms

Zehn Jahre Landammann

Nach seiner achtjährigen Tätigkeit als Vize-Landammann beim Kreisgericht Maienfeld bekleidete er von 1977 bis 1987 als Nachfolger von Adolf Boner und Alfred Mathis das Amt des Landammanns und eines Grossrats für den Kreis Maienfeld. Offenbar wurde schon damals viel gestritten unter den Jägern: «Pro Jahr hatten wir rund 15 bis 20 Jagd-Kontraventionen zu behandeln», erinnert er mit der Schilderung einiger lustiger Beispiele. Daneben habe der Rebbau ein weiteres Hauptthema seiner Gerichtstätigkeit dargestellt. «Teilweise wegen Belanglosigkeiten, wie der Befahrung von Vorhäuptern», nennt der 100-Jährige als kleines Müsterchen.

Heute noch im Wingert

Apropos Rebbau: Bantli ist auch heute noch aktiv in seinem Wingert unterwegs, sei es beim Wimmeln oder bei einfachen Unterhaltsarbeiten. Und zuhause «kutschiert» er dank Unterstützung seiner Kinder und der Spitex ebenfalls noch weitgehend selbst-ständig. Dafür ist er dem Herrgott und natürlich auch all seinen Helferinnen und Helfern dankbar. «Dass dies alles nicht selbstverständlich ist, bin ich mir durchaus bewusst und hat auch mit einer gehörigen Portion Glück zu tun», meint er dazu. Ein grosses Geburtstagsfest werde es heute nicht geben, bedauert der Jubilar. Corona macht eben selbst für einen 100-Jährigen keine oder erst recht keine Ausnahme.

ms