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Grüsch - Fanas - Valzeina
25.12.2020
23.12.2020 11:24 Uhr

Dieses Jahr hatten wir «Aktion rote Ohren»

Marianna Iberg, Pfarrerin in Grüsch, blickt auf ein aussergewöhnliches Jahr zurück und auf ebenso aussergewöhnliche Festtage voraus. Bild: ms
Stille Nacht, heilige Nacht. Weihnachten steht vor der Tür. COVID-19 auch. Weihnachten während einer Pandemie stellt nicht nur die Bevölkerung, sondern natürlich auch die Pfarrämter vor grosse Herausforderungen. P&H sprach mit Marianna Iberg, Pfarrerin in Grüsch, wie sie und ihre Gemeinde diese besondere Herausforderung meistern.

P&H: Wie haben Sie dieses spezielle Jahr in Ihrer Funktion als Gemeindepfarrerin erlebt?
Wie die meisten wurden auch wir vom Lockdown im Frühjahr überrollt. Alle unsere Gottesdienste und Veranstaltungen, sowie der Religions- und Konfirmandenunterricht waren von einem Tag auf den anderen abgesagt. Aber es entstand eine Welle an Flexibilität, Fantasie und Kreativität. Ein inspirierender Ideenaustausch in der Landeskirche und mit katholischen Kollegen entstand. Da persönliche Begegnungen nicht mehr möglich waren, wurde die digitale Übertragung ausgebaut: so wurden Gottesdienste, Geschichten für Kinder, lustige und herausfordernde Aufgaben für den Religionsunterricht angeboten, die Konfirmation wurde per Videokonferenz vorbereitet. Eine Religionslehrerin gestaltete ein Heft für den Religionsunterricht zu Hause. Das hat so sehr gefallen, dass die Grosseltern der Kinder gewünscht haben, auch einmal ein solches Heft zu bekommen. Jetzt im Advent ist dieses nächste Heft herausgekommen. Kirchen wurden für individuellen Besuch und stille Andacht geschmückt und ausgestattet, Predigten und Gebete wurden verschickt. Mit persönlicher Kartenpost, mit Spaziergängen durch die Dörfer und natürlich durchs Telefon wurde der Kontakt aufrechterhalten. Die Arbeit in der Kirchgemeinde hat sich zwar mit einem Schlag verändert, aber sie wurde in anderer Form weitergeführt. Es war für uns eine Gelegenheit, uns auf das Grundsätzliche zurückzubesinnen und uns darauf zu konzentrieren2. 

Seelsorge dürfte gerade während einer Pandemie, wo insbesondere ältere und alleinstehende Leute noch mehr isoliert sind als sonst, ein sehr wichtiger Punkt Ihrer Tätigkeit sein. Hat man das dieses Jahr gespürt?
Im Bereich der Seelsorge sind wir besonders gefragt. Wir Pfarrpersonen kennen die Leute in der Gemeinde persönlich, wie wenige sonst. Das ist wertvoll, denn wir wissen, wo Einsamkeit, Angst und Depression eine Gefahr sind und können uns besonders um diese Menschen kümmern. Ich habe dieses Jahr so viel telefoniert, wie nie zuvor. Wir nannten es: Aktion rote Ohren. Ob meine Ohren vom Telefonieren wirklich rot geworden sind, konnte ich im Spiegel aber nicht erkennen. Auch jetzt in der zweiten Welle telefoniere ich viel, und wo ich spüre, dass ein Telefonat zu wenig ist, schlage ich einen Besuch vor – mit allen möglichen Schutzmassnahmen. Eine ältere Frau hat mir im Herbst gesagt: «Weisst Du, ich bin seit Dezember 2019 nicht mehr aus dem Haus gekommen, ausser, um ins Spital zu gehen.» Nach dem Lockdown war es daher eine neue Aufgabe, gerade für Seniorinnen und Senioren, die sich schon lange nicht mehr aus dem Haus gewagt haben, ein paar Veranstaltungen anzubieten, auf die sie sich freuen konnten: Bildvorträge oder Lesungen in der Kirche, wo genügend Distanz gewährleistet ist, zum Beispiel. Dafür musste aber erst das Vertrauen aufgebaut werden, dass bei diesen Veranstaltungen keine Ansteckungsgefahr zu befürchten sei. Deshalb haben wir uns fast schon übertrieben an die vorgeschriebenen Schutzmassnahmen gehalten. Im Moment aber sind solche kleinen Freuden wieder nicht mehr möglich – und sie werden sehr vermisst. Auch Jugendliche und Erwachsene sehnen sich nach Abwechslung. Diese darf durchaus einen tieferen Inhalt haben und etwas anspruchsvoller sein. Ich sehe es als Chance für die ganze Gesellschaft, sich vermehrt auch an kleinen Dingen, Anspruchsvollem und Nachdenklichem freuen zu können. Im Moment erlebe ich die Menschen (mich selbst nicht ausgenommen) als reizbarer, empfindlicher. Ich versuche ihnen von meinem Glauben das mitzugeben: Wir sind auch in einer Pandemie in Gottes Hand, bei Gott geborgen. Aus diesem Vertrauen heraus wissen wir: Auch wenn uns Schlimmes zustösst, hat unser Leben Sinn, wir können uns trotzdem für unsere Welt einsetzen und Gutes bewirken. «Wir sind ja immer noch so privilegiert!» Während der ersten COVID-Welle haben die Leute jeden Abend auf den Balkonen für das Pflegepersonal geklatscht. Obwohl es keine konkrete Hilfe war, hat es doch gut getan. Auch alle anderen Hilfsangebote, wie Einkäufe erledigen u.s.w., haben gut getan, den Hilfeleistenden nicht weniger, als den Hilfeempfängern. In der zweiten Welle, in der das Personal in den Spitälern und Heimen gerade auch in unserer Region viel mehr belastet und überlastet ist, klatscht niemand mehr. Das tut niemandem wohl: weder dem Gesundheitspersonal noch den Nicht-Klatschenden, und die Reizbarkeit der Menschen nimmt zu. Im Gegenteil, die Reizbarkeit vermindert sich immer, wenn wir etwas tun können, und sei es noch so unscheinbar. Ich wünsche mir, dass die Welle der Hilfsangebote wieder überschwappt.

Stille Nacht, heilige Nacht dürfte dieses Jahr in Bezug auf die Weihnachtsfeier für viele bezeichnend sein. Bild: ms

Die Erfüllung ihrer Aufgaben im Rahmen der Schutzmassnahmen mit Maske, Abstandsregeln etc. dürfte zusätzlich erschwerend sein?
Es mag banal tönen, aber Schutzmassnahmen sind nicht tödlich. Wenn wir etwas lernen können, so ist es dies: Unterscheiden zwischen dem, was tödlich sein kann, und dem, was nicht wirklich schlimm ist. Schutzmassnahmen sind zwar zugegebenermassen unbequem, umständlich, kompliziert – aber nicht tödlich. Im Moment ist die WG-Kollegin unserer Tochter covidpositiv. Da spüre ich auch bei mir die Angst, dass unsere Tochter angesteckt sein und die Krankheit bei ihr einen schwereren Verlauf nehmen könnte. Deshalb sind die Schutzmassnahmen ein notwendiges Übel. Sie zeigen uns, dass wir nicht leben und überleben können, wenn wir nicht Sorge tragen zu uns und unseren Mitmenschen. Aus der Bibel lerne ich, dass wir alle mitverantwortlich sind für unsere Mitmenschen – was wir in unserer Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten fast vergessen haben. Die Pandemie gibt uns von neuem die Chance, diese Aufgabe wahrzunehmen.

Ganz speziell werden auch die kommenden Feiertage sein. Was galt und gilt es für Sie diesbezüglich zu beachten – zum Beispiel bei der Gottesdienstplanung?
Weihnachten für Christen heisst: Wir glauben an einen Gott, der uns Menschen ganz nahegekommen, der unser Mit-Mensch geworden ist. Darüber freuen wir uns und feiern es seit 2020 Jahren. Daran ändert auch eine Pandemie nichts – ausser, dass diese Weihnachtsbotschaft dieses Jahr die Menschen vielleicht mehr berühren kann, weil die Weihnachtstage weniger hektisch, ruhiger, stiller, sein werden. Ich bin sehr erleichtert, dass wir die Weihnachtsgottesdienste in den Kirchen feiern dürfen. So können wir die Gemeinschaft spüren und erleben, die alle verbindet, die daran glauben. Was sich in diesem Pandemie-Jahr ändert, ist die Tradition der Familienfeste. Da sind wieder Anpassungsfähigkeit und Fantasie gefragt. Es kann durchaus gut tun, eingefleischte Familientraditionen kreativ zu verändern. Diese Beispiele habe ich in meiner Gemeinde gehört: «Weil das Raclette an Weihnachten dem kleinen Enkel so wichtig ist, kommt die Familie des Sohnes trotzdem, aber wir ziehen den Stubentisch ganz aus und die beiden Haushalte sitzen je an einem Ende.»; «Wir machen kein Familien-Weihnachtsfest dieses Jahr, dafür haben wir mehr Weihnachtspäckli für osteuropäische Familien gemacht.»; «Wir werden, wenn es vom Wetter her geht, Weihnachten im Freien feiern.» Was sich auch ändert, ist der Kommerz-Rummel um Weihnachten. Aber seien Sie ehrlich: ist das so schlimm? Sie, Herr Schnell, haben eingangs das Weihnachtslied «Stille Nacht, heilige Nacht» zitiert. Vielleicht ist 2020 unsere Chance, dass Weihnachten heiliger, weil stiller sein wird!

Was wünschen Sie der Bevölkerung zu Weihnachten?
Das Beste, was ich nur wünschen kann: ein herzliches «Bhüät ni Gott».

ms