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Kanton
07.01.2021
05.01.2021 17:12 Uhr

Vom Bergsturz in Bondo bis zur Covid-Impfkampagne

Martin Bühler ist seit vier Jahren Leiter des Amts für Militär und Zivilschutz.
Seit November 2016 ist Martin Bühler Leiter des Amts für Militär und Zivilschutz sowie Chef des Kantonalen Führungsstabs Graubünden. Im Neujahrsinterview blickt er in seiner aktuellen Funktion auf seine ersten vier Jahre, welche unter anderem Gross­ereignisse wie den Bergsturz in Bondo, die Waldbrände im Misox und nun auch noch die Corona-Pandemie beinhalteten, zurück.

Welche Zwischenbilanz ziehen Sie nach den ersten vier Jahren als Amtsleiter im Amt für Militär und Zivilschutz – entspricht die Tätigkeit Ihren Erwartungen?
Martin Bühler: Seit meinem Amtsantritt vor vier Jahren gab es jedes Jahr eines oder mehrere Ereignisse, an deren Bewältigung mein Amt, der Zivilschutz oder der Kantonale Führungsstab – und somit auch ich beteiligt waren: Waldbrände im Misox, Bergsturz am Piz Cengalo, Absturz der JU-Air bei Flims, die Beschleunigung der Rutschungen bei Brienz/Brinzauls, Unwetter im Rheinwald und im Misox, Paratuberkulose im Puschlav und nun seit Februar 2020 das Coronavirus. Ich blicke somit auf vier spannende, abwechslungsreiche, aber auch fordernde Jahre zurück.
Als Chef des Kantonalen Führungsstabs obliegt mir, gemeinsam mit anderen Dienststellen und den Gemeinden, die Planungen und Vorbereitungen im Hinblick auf Kata­strophen und Notlagen zu erstellen und bei Schadenereignissen die notwendige Hilfeleistung zu koordinieren. – Was diesen Teil meines Aufgabenspektrums betrifft, wurden meine Erwartungen fast ein bisschen übererfüllt.

Mit den erwähnten Grossereignissen wurden Sie sozusagen gleich ins «kalte Wasser» geworfen...
Das kann man durchaus so sehen: Am 27. Dezember 2016, abends gegen 7 Uhr, rief mich Hansueli Roth, der damalige kantonale Feuerwehrinspektor an, schilderte mir den Ausbruch der Waldbrände im Misox und ersuchte um das Aufgebot von Armeehelikoptern zur Unterstützung der Löscharbeiten. Bereits am nächsten Morgen gegen 9 Uhr landeten auf dem Fussballplatz in Soazza fünf Super Pumas der Luftwaffe, bereit zur Unterstützung der örtlichen Feuerwehren, welche die ganze Nacht im Einsatz standen.
Dafür, dass mich Hansueli Roth damals sofort und ohne Berührungsängste in die Ereignisbewältigung einbezog, bin ich sehr dankbar. Er bot mir die Möglichkeit, als Neuling einen Beitrag leisten zu dürfen sowie die Abläufe und die beteiligten Partner Polizei, Feuerwehr, Forstingenieure, Gemeinden etc. direkt im Einsatz kennenzulernen. Als acht Monate später aufgrund des Bergsturzes am Piz Cengalo Bondo evakuiert und sehr rasch eine grosse Organisation zur Ereignisbewältigung auf die Beine gestellt werden musste, kannte ich die vielen Beteiligten seitens Kanton und die Prozesse bereits besser, was mir in dieser Situation sehr hilfreich war.

Langweilig dürfte es Ihnen auch dieses Jahr nicht geworden sein. Welche Aufgaben und Funktionen hat das AMZ im Rahmen der Pandemiebekämpfung übernommen?
Gemeinsam mit dem Gesundheitsamt sind das AMZ und der Zivilschutz seit Beginn der Pandemie durchgehend im Einsatz. Immer, wenn der Kantonale Führungsstab (KFS), der Polizeikommandant Walter Schlegel und ich gemeinsam führen, als Gesamtorganisation tätig ist, übernehmen Mitarbeitende des AMZ beispielsweise die Information und Koordination zwischen dem Bundesstab, dem KFS und den Gemeinden, die laufende Lagebeurteilung oder zeichnen für die Organisation der überregionalen Logistik verantwortlich. Des Weiteren plant, koordiniert und führt der KFS Projekte wie den Flächentest und die Nachtests in Südbünden oder unterstützt die Erarbeitung der Impf- und Teststrategie. Als die Fallzahlen im Sommer zurückgingen, wurde durch das AMZ die vertiefte Auswertung der Bewältigung der ersten Welle und die Erstellung der Vorsorgeplanung für die zweite Pandemie-Welle er­arbeitet und koordiniert.
Den bislang grössten Einsatz seiner Geschichte leistet zurzeit der Bündner Zivilschutz. Bis Ende 2020 wurden von über 1200 Zivilschutzangehörigen über den ganzen Kanton verteilt rund 10 000 Diensttage geleistet. Im Zentrum des Einsatzes des Zivilschutzes steht die Unterstützung des Gesundheitswesens, also von Spitälern, Alters- und Pflegeheimen und der Spitex. Im Einsatz sind oder waren die Zivilschützer zudem bei der zentralen Kommunikationsstelle Coronavirus des Kantons, bei der Triage von Anrufen bei der Helpline Graubünden für psychologische Erste Hilfe und bei der Hotline für Grenzgänger aus Italien, sie unterstützen bei Bedarf das Grenzwachtkorps, die Logistik, die Gemeindeführungsstäbe, die Corona-Impf- und Testzentren sowie das Contact Tracing Team des Gesundheitsamts.

Auch bei den Massentests von Mitte Dezember hat das AMZ mitgewirkt. Welche Erkenntnisse hat man daraus gezogen?
Abgesehen von den sehr aufschlussreichen Resultaten der Testaktion, hat dieses Pilotprojekt eindrücklich gezeigt, dass wir in Graubünden – der Kantonale Führungsstab gemeinsam mit den Führungsstäben von 19 Gemeinden, den Spitälern vor Ort, Medizinerinnen und Medizinern, Pflegepersonal, der Feuerwehr, dem Zivilschutz und vielen Freiwilligen – in der Lage sind, innert sieben Tagen einen sehr grossen Einsatz mit mehr als 1000 einheimischen Einsatzkräften zu planen und erfolgreich umzusetzen. Dies ist nur dank der grossen Bereitschaft aller Beteiligten möglich gewesen.
Ich bin überzeugt, dass gezieltes und wiederholtes Testen ein hilfreicher Weg in der Bekämpfung der Pandemie sein kann.

Wie werden die bevorstehenden Impfungen im Kanton organisiert?
Seit dem 4. Januar 2021 können sich besonders gefährdete Personen, insbesondere Bewohnerinnen und Bewohner von Alters- und Pflegeheimen, impfen lassen. Dort werden die ersten dem Kanton vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) zugeteilten 2600 Dosen von mobilen Teams verabreicht. Diese Impfdosen reichen vorerst für 1300 Personen aus, da zwei Impfungen pro Person innert 21 bis 28 Tagen empfohlen werden. Aufgrund der zurzeit noch limitierten Verfügbarkeit des Impfstoffs haben besonders gefährdete Personen über 75 Jahre, bzw. Bewohnerinnen und Bewohner von Alters- und Pflegeheimen, das Gesundheitspersonal mit Patientenkontakt und Betreuungspersonal von besonders gefährdeten Personen zu Beginn der Impfaktion Vorrang. Zusätzlich sind wir dabei, regionale Impf- und Testzentren aufzubauen. Diese werden in der zweiten Januarhälfte in Betrieb genommen.

Was macht der Amtsleiter AMZ eigentlich, wenn keine Waldbrände oder Pandemie im Haus stehen?
Es gibt viel zu tun: Einsatznachbereitungen, Erstellung von Risikoanalysen und Vorsorgeplanungen im Bereich des Bevölkerungsschutzes, laufende Reorganisation des Bündner Zivilschutzes, Ausbildungen und Übungen mit dem Kantonalen Führungsstab und den Gemeindeführungsstäben, Engagements in Kommissionen und Arbeitsgruppen des Kantons und des Bundes, bspw. zur personellen Alimentierung von Armee und Zivilschutz, Mitarbeit an Gesetzes- und Verordnungsrevisionen, regelmässiger Austausch mit den Partnern des Bevölkerungsschutzes und der Armee…
Ein Ziel des Bündner Regierungsprogramms 2021 bis 2024 lautet: «Die Sicherheit der Bevölkerung bei sich ändernden Risiken und Gefahren garantieren.» Ein konkretes, grosses Projekt dieses Programms, das alle Beteiligten trotz Pandemie zeitgerecht und umfassend durchführen möchten, ist beispielsweise die Erarbeitung eines Gesamtkonzepts für den Fall eines Erdbebens.

Gab es während Ihrer Amtszeit auch schon Einsätze in ihrer Heimatregion Prättigau?
Seit meiner Zeit im Amt blieben das Prättigau und auch die Bündner Herrschaft, nebst der Corona-Pandemie, vor grösseren Ereignissen verschont. Als es aber ziemlich genau vor einem Jahr darum ging, sich gemeinsam mit der Kantonspolizei und den Gemeinden auf alle möglichen Eventualitäten in Zusammenhang mit der «Winterwanderung für Klimagerechtigkeit» vorzubereiten, durfte ich er­-
leben, wie rasch, unkompliziert und lösungsorientiert die hiesigen Gemeindeführungsstäbe, Feuer­wehren und die Zivilschutzkompanie Prättigau ihre Arbeit machen. Prägend für die Zivilschutzkompanien Prättigau und Landquart war sicherlich auch der Einsatz in Bondo.

Was wünschen Sie der Vilan24-Leserschaft zum neuen Jahr?
«Covid-19» fordert jede und jeden von uns auf ungeahnte Weise heraus und führt uns unsere Verletzlichkeit vor Augen. Neben allem Leid, aller Sorge und Wut, hat der Umgang mit dem Virus auch Gutes ausgelöst. Es hat uns dazu gebracht, mutig zu sein und Neues zu wagen, auf andere zuzugehen, Hilfe anzubieten, oder selbst nach Hilfe zu fragen, wenn wir sie brauchen.
Für das Jahr 2021 wünsche ich uns allen, dass wir aus der Corona-Erfahrung das Bewusstsein mitnehmen und erhalten, wie wichtig gesellschaftlicher Zusammenhalt ist, um in Krisen zu bestehen. Und natürlich, dass der Corona-Spuk rasch möglichst vorbeigeht und wir uns wieder treffen können, ohne dass irgendeine Art von Einschränkung eingehalten werden muss. – Dafür setze ich mich ein.

Name: Bühler
Vorname: Martin
Wohnort: Fideris
Geb. Dat: 30.8.1976
Zivilstand: verheiratet
Kinder: Adelina, Maria und Timo
Beruf: Leiter des Amts für Militär und Zivilschutz, Chef des ­Kantonalen Führungsstabs
Hobbies: Ski- und Snowboardtouren, Violine – nur für den Hausgebrauch
Lieblingsessen: Die selbst­gemachten «Härdöpfelribbel» meines Nanis
Lieblingsgetränk: morgens nur Kaffee…
Lieblingsmusik: Zurzeit höre ich oft klassische und Klezmer-Musik
Motto: «Frei zu sein bedeutet nicht nur, seine eigenen Fesseln zu lösen, sondern ein Leben zu führen, das auch die Freiheit anderer respektiert und fördert.» (Nelson Mandela)

M. Schnell