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Ruedi Weber wird (unfreiwillig) zum Socialmedia-Star

SVP-Grossrat Ruedi Weber aus Serneus schlägt mit seiner gut 9-minütigen Rede während der letzten Session international hohe Wellen. Bild: zVg
Der Serneuser SVP-Politiker geht viral. Und das gleich im doppelten Sinne. Seine Rede zum Coronavirus im Grossen Rat von letzter Woche ist auf Socialmedia schon über 100 000 Mal angeschaut und hundertfach geteilt und kommentiert worden.

Das hat vor ihm wohl noch kein anderer Bündner Politiker geschafft: Seine gut 9-minütige Rede im Grossen Rat wird auf WhatsApp, YouTube und weiteren Socialmedia-Kanälen binnen weniger Tage zum viralen Hit.

Auszug aus der Rede

Und damit wären wir auch gleich beim Thema: «Für mich ist Corona der grösste Betrug an der Menschheit, den es je gegeben hat», erklärte der SVP-Politiker seinen Ratskolleginnen und Ratskollegen und vor laufenden Kameras. «Wir sind hier an einem sehr speziellen Ort», stellte er in Bezug auf das Kongresszentrum Davos fest: Am WEF 2020 sei hier im Januar über Corona diskutiert worden, gefolgt vom fast zeitgleichen, weltweiten Lockdown im März. Für ihn sei das insofern «speziell», weil Klaus Schwab schon damals von einem «great reset» gesprochen habe, den die Welt brauche. Seine weitere Aussage, man werde nichts mehr besitzen, um glücklich zu sein, interpretiere er als gezielte «Enteignung», sagte Weber weiter. Wenn er deswegen nun als «Verschwörungstheoretiker» bezeichnet werde, sei ihm das egal. Ferner zitierte er John P. A. Ioannidis, Professor für Medizin, Epidemiologie und Bevölkerungsgesundheit an der Stanford University, welcher die Covid-19-Pandemie als «Evidenz-Fiasko» bezeichnet, wie es in einem Jahrhundert nur einmal vorkommt und dieses mit verschiedenen Zahlen und Statistiken belegt. Der renommierte Professor, der oft von Coronakritikern zitiert wird, ist in Fachkreisen – oder eben den «anderen» Fachkreisen – allerdings nicht unumstritten. Statt «downlocken» solle man endlich wieder «frohlocken», sagte Weber abschliessend, nachdem er von der Standesvizepräsidentin nach gut acht Minuten – freundlich, aber mit einem etwas genervten Unterton – aufgefordert wurde, «zum Schluss» zu kommen.

Sehr viele «Fanpost»

Im Grossen Rat war Webers Auftritt damit beendet. Nicht so auf Socialmedia. Dort nahm sein Statement erst richtig Fahrt auf und ging in wenigen Tagen buchstäblich durch die Decke. Auf dem Nachrichtendienst WhatsApp wurde es hunderte Mal geteilt und auf der Videoplattform YouTube bis gestern Freitag rund 90 000 Mal angeschaut und rund 800 Mal kommentiert. Hunderte weitere Views und Kommentare kommen auf Facebook hinzu. Dementsprechend gross ist das Echo, das dem Serneuser derzeit schier endlos nachhallt, was er in diesem Ausmass in «keiner Art und Weise» erwartet habe. «Ich habe unzählige Nachrichten und Anrufe sowie über 400 E-Mails erhalten», erklärte Weber gestern gegenüber dem P&H. «Von diesen E-Mails waren nur drei negativ, alle anderen positiv. Viele davon wurden von gebildeten Personen – vom Arzt über Ingenieur, Rechtsanwalt, Lehrer bis hin zum Armee-Oberst und zum Pfarrer – verfasst, was mich sehr gefreut hat und mir zeigt, dass ich mit meiner Rede – auch wenn diese etwas holprig war – nicht so sehr daneben gelegen sein konnte.» Sogar aus Deutschland, Österreich, Italien und vermutlich England (englisch) habe er Post und Reaktionen erhalten.

Rede mit «Einfädlern»

Seine «Einfädler», wie der sechsfache Nordische Paralympics-Medaillengewinner die Hänger in der Rede bezeichnet, hätten ihn im Moment zwar geärgert, seien rückblickend aber vielleicht gar nicht so schlecht gewesen. «Eigentlich wollte ich noch mehr sagen, vor allem zum Verhalten des Bundesrats. Damit hätte ich allenfalls aber über das Ziel hinausgeschossen.» Auch so habe ihn sein Auftritt schon «sehr berührt», so dass er die ganze Nacht nicht geschlafen habe. Inzwischen sei der Aufruhr etwas abgeflaut. «Dafür bin ich nun seit Tagen damit beschäftigt, die vielen Zuschriften durchzulesen und zu beantworten», schmunzelt er.

Weber als «Winkelried»

Berührt war nicht nur Weber selber, sondern waren offenbar auch viele, die seine Rede gesehen und gehört haben. «Dieser Mann verdient jeden Respekt... hab einen Kloss im Hals und kämpfe mit den Tränen», stellt beispielsweise Mäggy Duchsert in ihrem YouTube-Kommentar fest. Und für Albert Urban Hug ist der Prättigauer sogar ein «Winkelried»: «Grossartig Herr Weber, ich ziehe den Hut vor Ihnen und Ihrem Mut, Sie sind in meinen Augen ein Winkelried, danke!» Praktisch alle Kommentare sind, wie Weber auch in seiner persönlichen «Fanpost» feststellte, positiv. «Danke für ihren Mut Herr Weber. Wir geben niemals auf. Wir sind Menschen und lassen uns den Great Reset niemals aufzwingen», kommentiert Jaqueline Weber, und Armbrust Pfyl doppelt nach: «Das ist das Beste und Ehrlichste was ich seit langer Zeit gehört habe. Ich bin stolz, dass Sie ein richtiger Bündner sind. Und Herr Schwab soll die Schweiz umgehend sofort verlassen.» «Super Rede, das sollte überall verteilt werden, dieser Mann spricht mir aus der Seele», schreibt Ingrid Engelmann und «Endlich einer mit Rückgrat, Respekt Herr Weber», so Markus Walther, oder Tom K aus Deutschland: «Da kann man die Schweizer beneiden um so einen Abgeordneten.» Negative Kommentare kommen nur vereinzelt vor, wie beispielsweise von Philipp Weigel (offenbar auch aus Deutschland): «Könnte man auch 1 zu 1 einem Afd-Politiker zuordnen. Reiner Populismus. ‹Nähe zum Volk› wird suggeriert, wirre Verschwörungstheorien in den Raum gestellt und ja, vor allem Angst gemacht.»

Corona ist für Ruedi Weber «der grösste Betrug an der Menschheit». Bild: zVg

Freie Meinungsäusserung

Wie haben seine Ratskolleginnen und Ratskollegen im Grossen Rat nach seiner Ansprache reagiert? «Sie sagten nichts oder gingen mir vielleicht sogar ein wenig aus dem Weg», stellt der Serneuser dazu fest. Für den Maienfelder Grossrat Christof Kuoni (FDP), welcher für den P&H den aktuellen Sessionsbericht verfasste (Mittwochausgabe), ist Webers Rede absolut «legitim», wie er auf Anfrage erklärte. «Auch wenn ich seine Ansichten persönlich nicht teile, soll jede und jeder seine Meinung kundtun dürfen. Dafür ist der Grosse Rat unter anderem ja da.»

M. Schnell