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1988 entkam Prinz Charles knapp dem Lawinen-Tod

In diesem Gebiet ereignete sich der Unfall. Bild: Google Earth
Nur knapp entkam der britische Thronfolger während der Skiferien in Klosters im März 1988 einem schweren Lawinenunglück. Die Tragödie beschäftigte monatelang die internationale Presse – die NZZ blickt zurück.

Es ist der 9. März 1988 und in Klosters gerade Showtime für die Royals: Prinz Charles, seine Ehefrau Diana und seine Schwägerin Sarah «Fergie» Ferguson zeigen sich gutgelaunt und in voller Skimontur den rund 80 Medienleuten, die aus dem In- und Ausland angereist sind. Schon früher suchten Prominente hier im Prättigau Erholung, etwa Greta Garbo und Paul Newman. Doch erst der britische Thronfolger hat Klosters weltbekannt gemacht. Seit 1978 fährt der 39-Jährige begeistert an den hiesigen Hängen Ski, die Bergbahnen taufen gar eine der roten Gotschna-Kabinen auf «Prince of Wales». Niemand ahnt, dass nur 24 Stunden später die Heiterkeit abrupt endet – und eine Tragödie den berühmten Besuch überschattet.

Graben mit blossen Händen

Stahlblauer Himmel, Neuschnee, minus 12 Grad. Der 10. März 1988 ist ein prächtiger Skitag. Nach einigen Abfahrten am Morgen und einem Mittagessen begibt sich Prinz Charles zum Gotschnagrat auf knapp 2300 Metern über Meer. In seiner Entourage befinden sich Major Hugh Lindsey, ein enger Freund und ehemaliger Stallmeister der Queen, Charles Palmer-Tomkinson, einst Olympia-Teilnehmer im Skifahren, dessen Frau Patti, ein einheimischer Skilehrer sowie ein Bündner Kantonspolizist, der als Leibwächter dabei ist. Die Sechsergruppe fährt um 14 Uhr 50 in der sogenannten Haglamad, abseits der markierten Piste, in einen Steilhang. An einer als ungefährlich betrachteten Stelle halten sie an. Plötzlich löst sich mit einem Knall rund hundert Meter oberhalb von ihnen ein Schneebrett, das blitzschnell zur gewaltigen Lawine anwächst. Der Skilehrer schreit: «Go, Sir, go, go, go!» Mit Ach und Krach gelingt es ihm, Charles, dem Polizisten und Palmer-Tomkinson, aus der Gefahrenzone zu fahren. Major Lindsay und Mrs. Palmer-Tomkinson, die etwas erhöht stehen, werden dagegen von den Schneemassen erfasst und 450 Meter in die Tiefe gerissen. «Der ganze Berg schien neben uns ins Tal zu stürzen», gibt «His Royal Highness» später zu Protokoll.
Die Unversehrten machen sich sogleich an die Rettungsarbeit. Der Polizist setzt per Funk einen Notruf ab, der Skilehrer sucht mit dem Barryvox-Gerät nach den Verschütteten. Mit blossen Händen und Schaufeln graben sie und finden zuerst Palmer-Tomkinson, die bewusstlos und mit gebrochenen Beinen unter dem Schnee liegt und vom Skilehrer wiederbelebt wird. Beim 34-jährigen Lindsey, der sich beim Sturz über eine kleine Felswand schwere Kopfverletzungen zugezogen hat, ist hingegen jede Hilfe vergebens. Wenig später trifft ein Helikopter der Rega an der Unfallstelle ein.

Mut oder Irrsinn?

Prinz Charles und sein Gefolge reisen gleich am Tag nach der Katastrophe ab. Vor dem Abflug lässt Charles ein Communiqué verlesen: «Es war meine Schuld.» Die Risiken seien der ganzen Gruppe bewusst gewesen. Und er nimmt den einheimischen Skilehrer in Schutz, der an jenem Nachmittag sein Gast gewesen sei und bei der Rettung «seinem noblen Beruf alle Ehre» gemacht habe. Tatsächlich ist der Skilehrer bereits unter Beschuss geraten: Hat er seine Sorgfaltspflichten am Berg missachtet? Hätte er die Gruppe nicht auf die drohende Gefahr aufmerksam machen müssen? Auf Einladung der königlichen Familie erholt er sich einige Tage in England.

Immunität für den Prinzen

Die Staatsanwaltschaft des Kantons Graubünden führt während Monaten eine Untersuchung. Ende Juni 1988 präsentiert sie die Resultate: Bei der Sechsergruppe um Prinz Charles habe es sich um eine «Gefahrengemeinschaft mit Bereitschaft zu erhöhtem Risiko» gehandelt. Dem einheimischen Skilehrer sei keine faktische Führung zugekommen. Weder ihm noch den anderen Mitgliedern könne bei diesem Unfall mit Todesfolge und schwerer Körperverletzung Fahrlässigkeit angelastet werden. Das Strafverfahren wird somit eingestellt, obwohl die Untersuchung mittels Expertise des Eidgenössischen Instituts für Schnee- und Lawinenforschung zum Schluss kommt, dass die Lawine eindeutig von der Gruppe ausgelöst worden war. Selbst wenn Prinz Charles ein Verschulden hätte nachgewiesen werden können, wäre er in der Schweiz nicht strafrechtlich verfolgbar, erklären die Behörden. Denn Staatsoberhäupter, deren Familienangehörige und ihr Gefolge geniessen in der Schweiz diplomatische Immunität. Der Thronfolger habe sich aber nie darauf berufen, sondern sich stets kooperativ gezeigt. Eine britische Untersuchungskommission spricht den Prince of Wales im November 1988, kurz vor dessen 40. Geburtstag, ebenfalls von jeglicher Mitverantwortung frei. Klosters bleibt trotz der tödlichen Lawine sein Stammskiort – bis heute.

pd