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Leserbrief
Leserbriefe
09.04.2021

Bruder Alkohol

unsplash Bild: unsplash
Ein Leserbrief von Henry Skeleton Key, Klosters

Schmal ist sie zwar nicht, aber an jenem noch jungfräulichen Sonntagmorgen brauchte sie sie in ihrer ganzen Breite, die schlanke Bahnhofstrasse. Auf der Höhe zweier Bäume musste sie dusselig mit ihren feschen Beinen in den schlingernden Stilettos alles daransetzen, um nicht mit ihnen anzustossen. «Angestossen» hatte sie in rauhen Mengen an jenem Abend davor oft. Die grosse Schar von zwinkerten «Freund*innen», denen sie immer wieder eine Runde ausgab und von denen sie immer wieder zu einer solchen eingeladen wurde, hat sich schelmisch und unzüchtig durch das französische Hintertürchen schleichend verkrochen. Nun ist sie allein, hat stehend einen sitzen zu zweit. Nur ihr Bruder Alkohol ist bei ihr. Er hält ihr eisern die schwindende Treue und hat ihre Gepflogenheiten weiblicher Anmut voll im Griff. Sogar aus den wirren Augen starrt das Feuerwasser gläsern heraus ins Gesicht des Sternenhimmels. Dabei hatte der gestrige Tag mit einer so wunderbar schönen Morgenröte begonnen. Was ist schon dabei, einen edel guten Tropfen zu trinken? Man muss ja nur Mass halten. Hernach wird ja Mittag gegessen und am Nachmittag gewandert. Und abends gibt es Pizza für alle. Aus diesen romantischen Vorsätzen wurde ein weiteres Mal nichts. Das erste Glas verlangte süffig nach dem zweiten, das zweite lechzte gierig nach dem dritten. Nach kurzer Zeit zog die Frau aus sich aus und der Bruder Alkohol mietete sich ein und besetzte hämisch jede runde Ecke. Eingehandelt hat sich die Frau eine leere Geldtasche, einen verlorenen Tag und das Loslassen von Sprüchen, die sie ohne Bruder Alkohol nie so entfesselt geäussert hätte. Was sie jetzt noch erwartet, ist zu Hause ihren traurigen Mann. Die träumenden Kinder wird sie heute nicht mehr zu Gesicht bekommen. Er nimmt sich schamlos einfach alles, der feurig nasse Bruder. Ihm aus dem Weg zu gehen, ihm gar voreilig von der Schippe zu hüpfen, oder ihn gar nicht erst kennenzulernen, ist in unseren doch breiten Längengraden alles andere als leichtfüssig. Das rohe «Nichts» zeichnet das einfache Leben durch die leidenschaftliche Verneinung von «Ist» aus.

Henry Skeleton Key