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Leserbrief
Leserbriefe
12.06.2021

Es nicht verboten, klüger zu werden!

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unsplash Bild: unsplash
Ein Leserbrief von Hansluzi Kessler

Mitten im ersten Coronajahr hat die Bündner Regierung einen merkwürdigen Entscheid gefällt: Die Mauern der Dorfkirche Schiers sollen unter Denkmalschutz gestellt werden, nicht aber die viel bedeutendere und kunsthistorisch einzigartige Innenraumgestaltung. Dies ist, wie wenn man die Schale einer Nuss schützt, den wertvollen Kern aber bedenkenlos dem Frass der Maden überlässt! Dass die Regierung mit diesem Entscheid die Denkmalpflege, die Natur- und Heimatschutzkommission, den prominenten Gutachter, zahlreiche Orgelsachverständige von nah und fern sowie mehrere von ihr mit Kulturpreisen ausgezeichnete Persönlichkeiten desavouierte, lässt erahnen, was hinter den Kulissen unter alten Parteifreunden unterschiedlicher Couleur an einseitiger Einflussnahme abgelaufen sein muss.

Nun liegt die alleinige Verantwortung für den Erhalt oder die Zerstörung des in seiner Art einmaligen und für den Bündner Heimatstil repräsentativen Kirchenraums in den Händen der Kirchgemeinde. Es ist richtig, dass sich die Kirchgemeindeversammlung in einer ersten Abstimmung mit einem knappen Mehr für die Ausräumung des Chors und damit die Zweiteilung des Gotteshauses in ein nacktes Mauergewölbe und ein mit Holz ausgekleidetes und überwölbtes Schiff ausgesprochen hat. Ob dabei die von Musikern hochgelobte Akustik (der heutige Zustand entspricht dem Inneren eines riesigen Holzinstruments!) berücksichtigt worden ist, darf bezweifelt werden. Eine entsprechende Abklärung hat meines Wissens nie stattgefunden, so wie auch die Möglichkeit einer besseren Beheizung ohne Entfernung der Orgel und einer Beleuchtung derselben mit modernen Leuchtmitteln nicht fundiert geprüft worden war. Und dass der planende Architekt zu Beginn seiner Arbeit keine seriöse bauhistorische Abklärung vornahm und die Orgel als stilistischen Fremdkörper im Hartmann-Ensemble bezeichnete, der unbedingt raus müsse, kam zwar den Wünschen der Kirchgemeinderätinnen entgegen, war aber fachlich alles andere als eine Meisterleistung. Dabei hatte 1928 Nicolaus Hartmann d.J., berühmter Architekt mit Schierser Wurzeln, den Orgelprospekt als Mittel- und Höhepunkt seines Gesamtkunstwerkes bis ins Detail selbst entworfen, wie die noch vorhandenen Originalpläne im Bündner Staatsarchiv belegen. Selbst die von ihm gewünschten Holzarten hat er handschriftlich in die Pläne eingetragen, die dann von der Schreinerei Georg Lötscher perfekt umgesetzt worden sind. Ähnlich beindruckend präsentieren sich die von der Malerei Widmaier so kunstvoll beschrifteten Deckenbalken des imposanten Tonnengewölbes. Heimisches Schaffen vom Feinsten!

Wie Dr. Boesch mit seinen Recherchen richtig herausgefunden hat, ist die Innenraumgestaltung der Kirche Schiers tatsächlich weltweit einmalig. Sie mag einem gefallen oder nicht, aber zusammen mit der speziellen Orgel, die in der Zwischenzeit landesweite Beachtung findet, verfügt die Kirchgemeinde Schiers in ihrem Gotteshaus über ein Gesamtkunstwerk, auf das sie nicht nur stolz sein kann, sondern für dessen Erhalt sie die Verantwortung trägt. Im geplanten Rauswurf eines solchen Instrumentes kurz vor seinem hundertsten Geburtstag, was für eine gute Kirchenorgel übrigens noch kein Alter ist, zeigt sich eine erschreckende Wegwerfmentalität und ebenso ein fahrlässiger Umgang mit finanziellen Mitteln. «Einfach einmal etwas Neues» ist ein schwaches Argument.

Der Vorstoss für eine nochmalige Abstimmung, aber diesmal an der Urne, ist berechtigt, denn vor der ersten Abstimmung lagen noch nicht alle Expertisen vor, und die Opposition darf im Gegensatz zum Kirchenvorstand bis heute nicht wissen, wer überhaupt Kirchenmitglied ist. Eine vertiefte Diskussion des Projektes in renommierten Fachkreisen wurde verweigert, die Denkmalpflege wollte man möglichst umgehen. Die Darstellung der Variante «Sanft» im Abstimmungsbüchlein war bewusst abschreckend dargestellt, und Argumente, die für den Erhalt der Orgel sprachen, wurden herausgestrichen. Demokratie setzt umfassende Information und gleichlange Spiesse für beide Seiten voraus! Und dies wird durch eine Urnenabstimmung besser gewährleistet als durch ein Versammlungsvotum. Die politische Gemeinde ist da in jüngster Zeit einen Schritt voraus. Der Kirchgemeindevorstand könnte aber auch durch eigene Einsicht den Kompromiss und damit den innerkirchlichen Frieden suchen und, wie von Aussenstehenden wohlmeinend vorgeschlagen, mit dem Renovationsprojekt zurück auf Feld eins. Ein Ideenwettbewerb würde Anreiz bilden, ein Gesamtkunstwerk alternativen Nutzungsformen zu öffnen, ohne es zu zerstören. Daraus könnte vielleicht wirklich «etwas Rechtes» entstehen.

pd