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Leserbrief
Leserbriefe
28.07.2021

Herdenschutz allein löst Wolfproblem nicht

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unsplash Bild: unsplash
Ein Lesebrief von Rico Calcagnini, Präsident Bündner Verein zum Schutz der ländlichen Lebensräume vor Grossraubtieren

Dass es im ersten Halbjahr in der Surselva weniger Wolfsattacken gab als im Vorjahr, nimmt der Verein CH-WOLF in einem Bericht im Schweizer Bauer zum Anlass, den verbesserten Herdenschutz als die Lösung der Wolfproblematik anzupreisen. Das ist gelinde gesagt Propaganda für die weitere Ausbreitung des Raubtieres in der gesamten Schweiz. Denkt man diese Behauptung zu Ende, würde das heissen: Unsere Alpregionen werden zur Wildnis mit freilebenden Grossraubtieren, wo die Nutztiere mit kilometerlangen Elektrozäunen eingesperrt und von scharfen Schutzhunden bewacht werden. Eine Art verkehrte Welt, in der die gefährlichen Tiere frei leben und die harmlosen eingesperrt sind. Und die Bergbauern müssen ihre trotz ausgeklügeltem Schutzkonzept verstümmelten und getöteten Tiere wegschaffen.

Langjährige Erfahrungen aus Frankreich zeigen, dass der Herdenschutz dem Problem immer hinterher hinkt. Die Wölfe sind sehr schlau und erreichen mit neuen Strategien ihr Ziel. Sie kommen beispielsweise im Rudel oder greifen die Herden am helllichten Tag an, wenn die Schafe auf den Weiden verstreut grasen. In Frankreich wurde beobachtet, dass nach der Einführung der Schutzmassnahmen während ein paar Jahren eine Beruhigung eintrat, danach aber gingen die Risszahlen erneut sprunghaft in die Höhe. Die Wölfe hatten gelernt, sich den neuen Verhältnissen anzupassen.

Natürlich haben auch die Bauern in der Surselva und anderswo mit grossem Aufwand Schutzmassnahmen eingeführt. Der kurzfristige Rückgang der Risse im ersten Halbjahr hat allerdings auch andere Gründe wie z.B. die späte Beweidung, die Einstallung der Tiere in der Nacht und dass einige Weiden nicht mehr genutzt werden. Die Wölfe breiten sich sehr schnell aus. In Graubünden hat sich ihre Anzahl im letzten Jahr verdoppelt. Herdenschutz allein genügt nicht. Der einzige nachhaltige Weg ist die Möglichkeit zur Regulierung des Raubtiers, und zwar sofort!

In die richtige Richtung weist das vom Bauernverein Surselva in Auftrag gegebene Gutachten. Es kommt zum Schluss, dass die steigende Wolfpräsenz das Eigentum der Bergbauern sowie ihre körperliche und seelische Unversehrtheit bedroht. Damit wird der Staat in die Pflicht genommen, seiner gesetzlichen Aufgabe nachzukommen und geeignete Massnahmen gegen die Ausbreitung des Wolfes zu treffen.

Zusammengefasst bedeutet das: Die Propagierung des Herdenschutzes als Lösung der Wolfsproblematik ist irreführend und kurzsichtig. Ohne pragmatische Sofortmassnahmen zur Regulierung der Raubtiere werden die Bergbauern weiterhin im Stich gelassen und in die Verzweiflung getrieben.

Rico Calcagnini