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Leserbrief
Leserbriefe
14.09.2021

Junge Menschen leiden. Ehe für alle ist ein Ausweg!

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unsplash Bild: unsplash
Ein Lesebrief von Holger Niggemann, Jugendarbeitend, sozialwerk.LGBT+, Chur

Aktuell macht die Kampagne gegen die «Ehe für alle» Schlagzeilen. Flyer von weinenden Kindern, Slogans wie «Kinder auf Bestellung» und Co. machen die Runde. Angeblich machen sich die Gegner*innen Sorgen ums Kindeswohl. Aber ums Kindeswohl geht es den Gegner*innen nicht! Seit über über 10 Jahren arbeite ich mit Jugendlichen in der Schweiz. Da ich mit einem Mann zusammenlebe, halten mich viele Jugendliche für schwul. Und dann fragen sie auch nach meinem Kinderwunsch. Wenn ich ihnen dann erkläre, dass homosexuelle Paare in der Schweiz immer noch nicht heiraten können und auch keine Kinder adoptieren dürfen, sind sie total erschüttert. Sie verstehen das überhaupt nicht. Und den Schaden, welchen die Gegner*innen der «Ehe für alle» mit ihrer Kampagne bei Jugendlichen anrichten, ist noch nicht absehbar! Schon jetzt fragen sich viele Jugendliche, warum soll mein schwuler Kollege kein guter Vater sein? Warum soll meine lesbische Schwester keine Kinder haben dürfen? Diese und die queeren Jugendlichen trifft diese Kampagne sehr hart. Sie löst Selbstzweifel und Ängste aus und gefährdet dadurch das Kindeswohl von vielen lesbisch, schwulen, bisexuellen, trans und inter Jugendlichen sowie deren Freund*innen. In der Schule oder am Arbeitsplatz würden wir von Mobbing sprechen! Und es ist Mobbing, solange sich die Gesellschaft nicht dagegenstellt. Die «Ehe für alle» ist auch für die die Schweizer Kultur und Wirtschaft eine Chance! Aktuell haben «Frau und Herr» Schweizer zusammen nur 1,7 Kinder. Dadurch schrumpft in verhältnismässig kurzer Zeit auch unsere arbeitende Bevölkerung. Migration ist und bleibt natürlich ein Ausweg. Aber auch die Öffnung des Familienmodells würde eine Entspannung mit sich bringen. Ein Beispiel: Würden alle ca. 800 000 Lesben und Schwulen in der Schweiz mit ihrem Partner*innen nur ein gemeinsames Kind haben, berücksichtigen die Generationen und andere Umstände, kämen wir auf ca. 40 000 Kinder innerhalb einer Generation. Und diese Kinder würden hier sozialisiert, zur Schule gehen, ausgebildet, wohl eher in der Schweiz leben und arbeiten (wir wären ja dann genauso tolerant wie unsere europäischen Nachbarländer) – und dann natürlich die hiesige Kultur leben. Und ausreichend, fundierte Studien belegen längst und eindeutig: Es kommt nicht darauf an ob Kinder nun in homosexuellen Ehen, heterosexuellen Ehen oder bei getrennt lebenden Eltern aufwachsen – wichtig ist, dass Kinder Liebe und Fürsorge erfahren.

Holger Niggemann