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Wenn Rundfunkstrahlen an die Gesundheit gehen

Bild: Hans Bärtsch
Ob Starkstrommasten, Mobil- oder Rundfunksignale – Menschen reagieren unterschiedlich auf die Strahlen, denen wir konstant ausgesetzt sind. Einzelne werden krank. Ein Bad Ragazer schildert seine Erfahrungen mit der Bündner Sendeanlage Valzeina, welche auch das Sarganserland mit Radiosignalen (UKW und DAB+) versorgt.

Um es vorwegzunehmen: Nachfolgende Geschichte ist nicht gegengecheckt. Es kommen keine Angehörigen zu Wort, keine Ärzte, keine Behörden, keine Unternehmen (mit Ausnahme der Swisscom). Es sind einzig und allein die Schilderungen einer Einzelperson, die seit Jahren der Überzeugung ist, dass die vielfältigen Strahlen, die auf sie – auf uns alle – einwirken, gesundheitlich schädlich sind. Weil M., wie wir ihn hier nennen, ausgebildeter Elektro-ingenieur FH und beruflich im IT-Bereich tätig ist, weiss er, wie man Strahlungswinkel und -intensitäten berechnet und was man unter komplizierten Fachbegriffen zu verstehen hat. «Ich weiss, dass ich mit meinen Problemen nicht allein bin», wird M. am Schluss längerer Gespräche sagen. «Auch andere merken, dass etwas nicht stimmt, können es aber nicht zuordnen.»

Fünf SRG- und 40 private Sender

Der Einfachheit halber geht es im Weiteren nicht um alle Strahlungsarten (zum Beispiel das 5G-Mobilfunknetz und WLAN, die ähnliches Potenzial für solche Beschwerden haben), sondern nur um die Sendeanlage Valzeina, welche das Sarganserland seit Ende der Fünfzigerjahre mit Radio- und TV-Signalen versorgt, wobei das terrestrische Fernsehen seit ein paar Jahren eingestellt ist. Seit Mitte 2017 ist die Anlage auf der 1370 Meter über Meer gelegenen Mittagplatte, die man nachts von weitherum blinken sieht, so erweitert worden, dass sie parallel zum bestehenden UKW-Radio auch das neue digitale Signal DAB+ aussendet. Die Swisscom Broadcasting AG hat diese Arbeiten im Auftrag ihrer Kunden vorgenommen; dies sind namentlich die SRG und Swiss Media Cast, welche ihrerseits die Deutschschweiz und das Tessin mit Digitalradio versorgt – aktuell sind es fünf Sender der SRG und 40 private Anbieter, darunter die in unserer Region gern gehörten Radio Südostschweiz und FM1. Aktuell seien bei der Sendeanlage Valzeina «keine weiteren Anpassungen geplant», teilt die Swisscom Broadcasting AG auf Anfrage mit. Und, ungefragt: «Sämtliche gesetzlich vorgeschriebenen NIS-Grenzwerte werden in Valzeina – wie selbstverständlich auch an allen anderen Swisscom-Standorten – jederzeit eingehalten.» NIS bezeichnet die nicht ionisierende Strahlung (elektromagnetische Felder). Hierbei ist gemäss M. zu beachten, dass die seit rund 30 Jahren geltenden NIS-Grenzwerte nur auf thermischen Faktoren basieren und keine digital pulsierenden Signale berücksichtigen, da es diese bei der damaligen Festlegung der Grenzwerte noch nicht gab. Die beratende Expertengruppe des Bundes-rates (Berenis; siehe Box) habe nun aber festgestellt, dass die aktuellen Grenzwerte die Bevölkerung nicht vor nicht thermischen Einflüssen schützen würden. «Das ist sehr alarmierend.»

820 Prozent höhere Sendeleistung

Vor der Einführung von DAB im Jahr 2001 war die Leistung aller UKW-Sender mit total 13,5 kW sichergestellt, wie M. darlegt. In den Folgejahren sei für DAB eine zusätzliche Leistung von 29,4 kW installiert worden, «was damals schon mehr als einer Verdoppelung der bisherigen UKW-Leistung entsprach». 2017 erfolgte dann laut M. noch einmal eine Leistungserhöhung der DAB+-Sender um 67,8 kW. «Total wurde mit der Einführung von DAB/DAB+ die Leistung für den Radioempfang in der Region in den letzten Jahren um nicht weniger als 820 Prozent erhöht.» Damit aber endgültig zur Geschichte von M. Dieser verspürte – eben erst von einer schweren Krankheit genesen – ab August 2017 Beschwerden, die sich in Schwindel, Gleichgewichtsstörungen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Erschöpfung, Muskelkrämpfen, Tinnitus, Engegefühlen im Brustbereich, Konzentrationsmangel, Gedächtnisverlust und Muskelschmerzen äusserten. Just zum Zeitpunkt, an dem die Swisscom die letzte Umstellung am Sender Valzeina auf DAB+ vollzogen hatte, verbunden mit einer um mehr als 460 Prozent höheren Sendeleistung im Bereich von DAB+. Im Gegensatz zu den harmonisch verlaufenden, wellenartigen UKW-Signalen werden für die DAB- beziehungsweise DAB+-Nutzerschaft «regelrechte Stakkato-Salven abgefeuert», wie sich M. ausdrückt. Die Digitalsignale seien in sogenannten Ensembles à 16 Sender gebündelt, die in vier Hauptrichtungen ausgestrahlt werden: Chur, Bad Ragaz (bis Walen-stadt), Rheintal (bis Buchs) und ins Vorderprättigau. Auch die Leistung weiterer Rundfunksender im Raum Südostschweiz wurde im Rahmen der Umrüstung auf DAB+ in ähnlicher Grössenordnung erhöht. Betroffen sind Sender wie Maienberg in Vilters, Malixeralp in Malix, Gotschnagrat in Klosters, Feldis, Sartons in Valbella, Känzeli in Chur usw. Einer der Kritikpunkte von M. am Sender Valzeina ist eine «massive und völlig unnötige Mehrfachausstrahlung gleicher Programme, ohne jeglichen Mehrnutzen für den Endkunden». Das Extrembeispiel ist SRF1, das via DAB+ achtfach ausgestrahlt wird mit dem einzigen Unterschied der acht Regionaljournale. Rechnet man die mindestens dreifache Ausstrahlung über UKW hinzu (diese analoge, drahtlos-terrestrische Übertragungsart von Radio-signalen soll bis Ende 2024 verschwinden), «ist nur schon der Sender SRF1 in Bad Ragaz also elffach zu empfangen und verursacht entsprechend unnötige Emissionen».

Der Sendeturm Valzeina strahlt um ein x-Faches stärker, seit er die Region – inklusive Sarganserland – mit DAB+-Signalen versorgt. Bild: Hans Bärtsch

Heute nicht mehr zeitgemäss

M. hat ausgerechnet, dass allein die SRG auf 16 Ausstrahlungen – ein ganzes Ensemble – verzichten könnte, «ohne Einbusse für den Endverbraucher/Nutzer». Dies wäre nebst der Reduktion der Strahlung auch aus Gründen des Klimaschutzes ein wesentlicher Faktor. Durch die Einsparung eines Ensembles der SRG könnten 360 kWh/Jahr eingespart werden. Während die SRG in allen Medien mit einer Werbekampagne betone, dass DAB+ energiesparender und effizienter sei als UKW, zeige die Praxis ein ganz anderes Bild. «Man muss die Formulierung genau anschauen», sagt M., wenn die SRG sage: effizienter pro ausgestrahlten Sender. «Das stimmt! Wenn man dann aber mit fünf Ensembles à 16 Programmen strahlt, dann wird plötzlich viel mehr Energie als früher verbraucht und entsprechend gestrahlt.» Als kritisch erachtet M. weiter, dass der Sender Valzeina ein sehr grosses Versorgungsgebiet in alle Himmelsrichtungen abdeckt. Deshalb müsse er mit entsprechend hoher Leistung senden. Damit der Leistungspegel beim Empfänger in 40 Kilometern Entfernung (etwa am Walensee) noch genügend stark ankommt, würden näher gelegene Gemeinden/Empfänger zu stark bestrahlt, etwa jene in zwölf Kilometern Distanz (Bad Ragaz oder Chur) – das sei «um Faktoren zu hoch». Diese Art der Versorgung sei «heute nicht mehr zeitgemäss». M. erinnert an die physikalischen Gesetze, wonach die Sendeleistung zur Distanz quadratisch abnimmt. Entsprechend müsse man sehr stark senden, damit am Ende der Distanz noch genügend Signalpegel vorhanden sei.

In Fluchtwohnungen zu Hause

Seit die körperlichen und neurologischen Beschwerden bei M. begonnen haben, führt er Tagebuch. Und befasst sich akribisch mit dem Thema Rundfunk- und anderweitiger Strahlung. Er hat festgestellt, dass er sich im Wasser (ob beim Duschen oder Schwimmen) wohlfühlt und erholen kann. Gewisse Wettersituationen (starker Regen) bringen ebenfalls Linderung. Ansonsten ergeht es ihm wie anderen elektrosensiblen Personen, bei denen der Beschwerdebeginn ebenfalls mit der Inbetriebnahme viel stärkerer DAB+-Strahlungen korrespondierte. In Bad Ragaz, wo M. mit seiner Familie ein Eigenheim besitzt, kann er schon seit rund drei Jahren nicht mehr wohnen. Er hat es in diversen «Fluchtwohnungen» versucht, anfangs (als er noch nicht wusste, dass es um DAB+ ging) in Maienfeld, dann in Klosters, in Churwalden, auf der Lenzerheide, im Domleschg und aktuell im Prättigau. «Hier ist es nicht perfekt, aber an bestimmten Orten doch besser», sagt M. Das Schlimmste an der ganzen Sache ist für ihn, «dass niemand glaubt, dass es das gibt». Aufgrund seiner Recherchen und von konkreten Rückmeldungen aus Bad Ragaz und weiteren Orten in der Region weiss er allerdings, dass er bei weitem nicht der Einzige ist, der unter Elektrosensibilität leidet. Aber ein Arzt oder Wissenschaftler, der einräumen würde, dass das Immunsystem massiv geschwächt und sogar ein Hirnschlag verursacht werden kann, lasse sich kaum finden. «Solche Zusammenhänge werden in der Regel einfach bestritten, weil es für einen Arzt kaum möglich ist, die Kausalität und die Wirkmechanismen, von den Symptomen bis zur Ursache der Beschwerden, lückenlos nachzuweisen.» Er habe auf seinem Leidensweg viel Ignoranz erlebt, sagt M. nüchtern, aber auch ernüchtert. Er weiss am eigenen Beispiel, wie es ist, wenn man gegen Wände rennt. Es sei bekannt, dass sich Betroffene wegen ihrer Schamgefühle am liebsten nur noch verkriechen, zumal es für Nahestehende oft sehr schwierig sei, die Betroffenheit überhaupt nachvollziehen und damit umgehen zu können. Bad Ragaz trifft es laut M. «mit voller Wucht» Die Schilderungen von M. sind eindrücklich, wenn es um den Zusammenhang von Regenwetter und Sendeanlagen (nicht nur Valzeina) geht. Bei Gewitter mit Starkregen ist er fast völlig beschwerdefrei, kann an Diskussionen und am sozialen Leben teilnehmen. Er könne nicht abschliessend beurteilen, an was es im Zusammenhang mit den Rundfunksendern genau liege, weil verschiedene Faktoren zusammenspielen. Aber: «Mich überrascht selber, wie schnell ich bei Regenwetter den Unterschied ausmachen kann.» Bezogen auf Valzeina und Bad Ragaz fragt sich M., wieso es diesen Sender überhaupt noch brauche, sei der Kurort doch bestens mit einem flächendeckenden Glasfasernetz versorgt. Und wenn doch, wäre seiner Ansicht nach die Aufteilung auf mehrere schwächere Sender (zum Beispiel für den Empfang im Auto) sinnvoller. Zumal Bad Ragaz ausgerechnet in einem Abstrahlwinkel von Valzeina liege, der den Ort unnötigerweise «mit voller Wucht trifft». Ob dies in Anbetracht der veränderten technischen Möglichkeiten überhaupt noch sinnvoll und nötig ist, sei zumindest fraglich. Unbestritten ist für M. die Verbreitung eines Basisprogramms mit entsprechenden Notfallinformationen, speziell auch fürs Auto, «wie wir es in den letzten 30 Jahren hatten». Wer jedoch ein breites Angebot suche, könne dieses über Internet, Kabel-TV oder andere Empfangsarten erreichen – «ohne die entsprechenden unerwünschten Nebenwirkungen». Auch Podcasts und Streaming seien zwischenzeitlich moderne Alternativen zum linearen, terrestrisch verbreiteten Radio. Was will M. mit seinen nun öffentlichen Schilderungen bezwecken? «Mir persönlich ist viel Unrecht passiert, ich habe nichts mehr zu verlieren.» Er wolle etwas für die Sensibilisierung der Bevölkerung und gegen die fehlende Sensibilität insbesondere der Behörden tun. Er meint damit nicht zuletzt die Baubewilligungsämter und die kantonalen Umweltämter, die sich im Zusammenhang mit Sendeanlagen lediglich darauf berufen, dass die Grenzwerte laut der Bauherrschaft eingehalten werden, «aber selber keine Ahnung vom Thema Strahlen haben». Im weiteren Sinne meint er damit natürlich auch die Politik, deren Vertreterinnen und Vertreter auf allen föderalen Ebenen er schon mehrfach angeschrieben hat, ohne je einen konstruktiven Ansatz für eine Lösungsfindung erhalten zu haben. Im besten Falle werde er jeweils an die nächste Stelle verwiesen. «Niemand will sich an der heissen Kartoffel die Finger verbrennen.» Derweil kämpfen Menschen wie M. mit unerklärlichen Beschwerden und wissen nicht abschliessend, woher sie rühren. Dass es mit den Signalen für jene Geräte zu tun haben könnte, von denen wir uns tagtäglich unterhalten lassen und uns nichts dabei denken, mag für «Aussenstehende» schwer nachzuvollziehen sein. Für M. ist es eine Tatsache. «Und ich weiss, ich stehe damit nicht allein da.»

Wer sich mit M.direkt in Verbindung setzen möchte, kann dies via die E-Mail-Adresse rundfunk-valzeina@outlook.com machen.

H. Bärtsch