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Seewis
09.11.2021

Roderick Kühne: «Risiko null gibt’s nicht»

Roderick Kühne, Anje Thöny und Luzi Bardill luden am Mittwoch nach Seewis ein.
Roderick Kühne, Anje Thöny und Luzi Bardill luden am Mittwoch nach Seewis ein. Bild: C. Imhof
Am vergangenen Mittwochabend lud der Hauseigentümerverband (HEV) Prättigau ins Hotel Scesaplana in Seewis zum jährlichen Treff ein. Dabei konnten die 100 Interessierten einem packenden Vortrag über die Naturgefahren mit dem Titel «Vom Äbihöch zur Radarüberwachung – Schutz vor Naturgefahren in Graubünden» vom Geographen Roderick Kühne vom Amt für Wald und Naturgefahren Graubünden erleben.

«Beim letzten Treff ging es um das Thema 5G, heute geht es nicht mehr ohne 3G», erklärte HEV Prättigau-Präsident Luzi Bardill mit einem Schmunzeln auf den Lippen bei der Begrüssung. «Doch am heutigen Abend soll es mal nicht um die Pandemie, sondern um andere Naturgefahren gehen.» Dafür hätten sie Roderick Kühne gewinnen können, was ihn nicht nur freue, weil dieser wie er selber auch aus Jenaz stamme, sondern auch weil dieser ebenfalls Mitglied vom Hauseigentümerverband sei. Wie immer gebe es nach dem Vortrag für alle Anwesenden ein Nachtessen, der Hirschbraten habe Bardill aber nicht selber geschossen, wie er abschliessend erklärte. Sonst hätten laut ihm in diesem Jahr wohl einige hungern müssen.

Grosses Interesse an Vortrag

Im Saal des Hotels Scesaplana in Seewis waren 100 Personen anwesend am Mittwochabend. Laut Anje Thöny von der Geschäftsstelle sei das Interesse für die Veranstaltung so gross gewesen, dass sie auch einige Interessierte auf die Warteliste setzen mussten. «Insgesamt haben sich über 145 Personen angemeldet, doch wir mussten wegen den Covid-19-Bestimmungen die Teilnehmerzahl auf 100 begrenzen, was mir schon ein bisschen leid tut für die ganzen Anmeldenden.» Doch es gebe dann sicher wieder mal eine Gelegenheit sich auch mit den anderen vom Verband zu treffen, wie die Geschäftsführerin erklärte. Nicht nur bei solchen Veranstaltungen zeigt sich, dass das Konzept des HEV Prättigau wunderbar funktioniert, auch von den fast 1000 Mitgliedern in der Region können andere Verbände und Vereine wohl nur träumen.

Das Prättigau und die Naturgefahren

Roderick Kühne bedankte sich für die Begrüssung von Bardill und erklärte, dass er es nun doch endlich auch mal an eine Mitgliederversammlung geschafft habe. Nach einem kurzen Abriss seiner Karriere zeigte der 43-Jährige, was mit dem Begriff «Äbihöch» überhaupt gemeint ist. Es ist ein Schutzbau, bei dem aus einer ebenen Fläche ein Stück erhöht wurde, um Lawinen abzuhalten. Dies habe in St. Antönien sehr gut funktio-niert, bis zum Lawinenwinter 1951. «Nach diesem Unglück wurde sofort damit begonnen, Lawinenverbauungen zu errichten. Diese haben aber nur bis zu einem gewissen Grad eine Wirkung.» Vielfach seien diese Halterungen aus Beton mit Schnee überladen. Zudem machen es die Temperaturschwankungen nicht gerade einfach und auch Regen könne Auswirkungen auf den Schutz haben. «Aus diesem Grund hat man in Klosters beispielsweise auch damit begonnen Lawinen zu schiessen.» Nach dem kurzen Exkurs zum Winter im Prättigau, erklärte Kühne anhand von alten Zeitungsausschnitten und anderen Zeitdokumenten, dass Lawinen im Tal nicht die einzigen Naturgefahren sind. «Es wird gefährlich, sobald Schnee, Wasser, Erde und Steine im Spiel sind. 1957 beispielsweise kam es in Schuders zu einer der grössten alpinen Rutschungen aller Zeiten. Im Jahr 1770 gab es ausserdem in Monbiel einen Felssturz, bei dem sogar 17 Menschen umkamen.» Doch es gebe auch viele aktuellere Beispiele von Naturgefahren im Prättigau, wie das Obwasser 2005 in Klosters, der Murgang in Saas 2013 oder auch der Felssturz an der Drusenfluh und Sulzfluh in diesem Herbst.

Die Veranstaltung vom HEV stiess auf grosses Interesse. Bild: C. Imhof

Eine Frage der Verletzlichkeit

Nach den eindrücklichen Bildern, die aufzeigen, wie viel Schaden, die Natur anrichten kann, wenn sie will, ging Kühne über in einen theoretischen Teil. Dabei zeigte er mit einer Grafik auf, wie eine Naturgefahr analysiert wird. Dabei werde die Exposition angefertigt und die Verletzlichkeit (betroffene Nutzung im Gebiet) geprüft, anschliessend das Risiko bewertet und daraus eine Aktion eingeleitet. «Auch wenn Lawinen viel Schlechtes haben, das gute an ihnen ist, dass sie oft wieder an den gleichen Orten herunterkommen, dadurch kann man sie einschätzen und etwas dagegen unternehmen. Ein Sturz andererseits ist beispielsweise sehr schwierig einzuschätzen. Das gleiche gilt bei Rutschungen, da man bei beiden Naturgefahren nicht in den Boden blicken kann. Rutschungen sind zusätzlich noch problematisch, da sie mit viel Wasser und Dreck daherkommen. Rüfi- oder Murgänge bezeichnen wir als ‹die Schadbringenden›, da sie sehr schnell viel Schaden anrichten können.» Im Vergleich zu früher sei durch das Ausweiten der Dörfer die Verletzlichkeit natürlich grösser geworden. Oftmals sei es aber auch so, dass früher klüger gebaut wurde, wie Kühne weiter ausführte. «Das Risiko wird durch die intensivere Nutzung gesteigert. Früher gab es einerseits weniger Häuser, aber auch so Geschichten wie Tiefgaragen hat es damals noch nicht gegeben. Darum ist es immer schwierig, Schadenstatistiken miteinander zu vergleichen.»

Der schützende Wald

Neben den künstlich angelegten Sicherheiten wie Lawinenverbauungen, Auffangbecken oder auch dem vorgestellten Radarsystem setzte Kühne bei seinem Vortrag auch noch zum Loblied auf den Wald an. «Zwei Drittel des Bündner Waldes hat eine Schutzfunktion. Er ist wirksam gegen Steine und Lawinen und lässt den Kanton zudem noch viel Geld einsparen.» Schutzsysteme kosten nämlich einiges. Rund eine Milliarde Franken wert sind die 920 Kilometer Schutzbauten in Graubünden und diese müssen auch stetig gewartet und saniert werden. Trotz diesen und auch dem Wald, ein gewisses Risiko durch Naturgefahren bestehe immer. «Es geht darum, das Ausgangsrisiko anzuschauen und auf das angestrebte Sicherheitsrisiko herunter zu bringen. Dabei geht es um Ausweichen, ein Abmindern, eine Intervention und um ein Überwachen. Doch es bleibt zu sagen: Risiko Null gibt’s nicht.» Ganz zum Schluss zeigte Kühne anhand vom Unglück in Bondo, wie von Gemeinde und Kanton vorgegangen wird. «Nach dem Unglück kommt die Bewältigung, dann gibt es eine neue Gefahrenkarte, Schutzbauten werden errichtet, Alarmsysteme werden installiert und ein neuer Notfallplan wird aufgestellt. Wichtig ist ausserdem, dass nicht nur einfach ein Radar aufgestellt wird, sondern nach der Messung auch ein Plan im Hintergrund steht, sonst nützt das ja auch nichts.» Für den Vortrag erhielt Kühne tosenden Applaus und seine Zuhörerschaft wird zukünftig vielleicht nicht nur an sicheren Orten bauen, sondern wohl auch wieder dem Wald mehr Respekt zollen.

cim