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Fideris
24.11.2021

«Das Leben hat es gut gemeint mit mir»

Marco Walli schnitzt Jahreszahlen in gotischer Schrift in eine Holzplatte, die einmal die Fassade eines Hauses verzieren soll.
Marco Walli schnitzt Jahreszahlen in gotischer Schrift in eine Holzplatte, die einmal die Fassade eines Hauses verzieren soll. Bild: L. Steinmann
Man könnte schon fast sagen: Dank eines Skiunfalls hat Marco Walli seine Berufung zum Holzschnitzer gefunden. Dieser geht der 84-Jährige auch heute noch mit Leidenschaft nach – ebenso wie der Jagd und dem Skifahren.

Mittwoch, 9.45 Uhr: Ich stehe am Bahnhof Küblis, denn ich habe einen Termin mit Marco Walli seines Zeichens Holzschnitzer aus Fideris-Strahlegg. Am Telefon sagte er mir: «Klein und grau …», und ich dachte dabei, er meint sein Auto, aber als er mit den Worten «das bin ich» fortfuhr, wusste ich, nach wem ich Ausschau halten muss. Und da steht er schon und wartet. Während der Autofahrt nach Fideris-Strahlegg unterhalten wir uns über die Hochjagd im September. «Zwei Hirsche habe ich geschossen. Einer von diesen hatte zu lange Stangen, das heisst, den hätte ich gemäss Jagdbetriebsvorschriften überhaupt nicht schiessen dürfen. Deswegen wurde ich zur Zahlung einer Busse verdonnert», gesteht der 84-Jährige.

Nicht mehr so fleissig

Er erzählt mir auch von seinem Maiensäss auf Fideriser Boden, das er vor Jahrzehnten selber gebaut hat, und von seinem selbstgebauten Hochsitz, den er heute wie ein Bergsteiger mit Karabinern gesichert besteigt. «Dies mache ich zur eigenen Sicherheit, aber auch zur Beruhigung meiner Frau Gudrun», erklärt er mir. Dann macht er Halt vor einem kleinen Holzhaus, wo sich seine Werkstatt befindet.

Über den Holzschnitzer Marco Walli habe ich zum ersten Mal etwas auf der Website von Prättigau Tourismus entdeckt. Dort stellt Marietta Kobald Persönlichkeiten aus dem Tal vor. Ihr Artikel über den Fideriser Schnitzkünstler hat mein Interesse am Menschen Marco Walli geweckt, der mit über 84 Jahren immer noch seiner Leidenschaft – dem Schnitzen – nachgeht.

«Ich bin nicht mehr so fleissig am Schnitzen wie früher», sagt er, als er die Tür zur Werkstatt öffnet. «Ich habe etwas zurückgeschraubt, arbeite nur noch, wenn etwas anfällt.» So sieht es für mich aber nicht aus. Auf der rechten Seite der Werkstatt sehe ich die Lehne für eine Holzbank, auf der der Holzschnitzer, die Vornamen des zukünftigen Ehepaares eingekerbt hat. Auf der linken Seite liegen drei weitere Holzplatten. Auf zweien ist ein wellenartiges Band herausgeschnitzt. Bei der dritten Platte ist er immer noch daran, die Jahreszahlen für Bau und Renovation mit dem Namen der Hausbesitzer zu ergänzen. Das Werkzeug liegt immer noch so da, als würde er gleich wieder zurückkommen und weitermachen. «Gestern hatte ich eine Gruppe aus Solothurn hier, die wie Sie auf der Seite von Prättigau Tourismus über mich gelesen hat», erzählt er, während er mit den Händen über die Holzplatte mit den Jahreszahlen in gotischer Schrift streicht.

Als wäre das «normal»

Weil es in der Werkstatt ziemlich kalt ist, lädt er mich in sein Haus, das sich auf einer kleinen Anhöhe befindet, ein. Auf unserem kurzen Weg erzählt er mir von Afrika und einer seiner beiden Töchter, die dort in der Bäckerei einer Mission arbeitet. «Als wir sie vor gut zehn Jahren besucht haben, hat sie mich gebeten, den Leuten in der Mis-
sion das Schnitzen zu zeigen.» Es sei für ihn sehr schwer gewesen, auf schlechtem Holz gut zu schnitzen. «Zur Verfügung hatte ich dort Eukalyptus- und etwas Föhrenholz», sagt der Mann, der mit Vorliebe Nuss- oder andere Hartholzarten zum Schnitzen und Herstellen von Möbeln verwendet.

Auf der Anhöhe angekommen, sticht mir die Ruine der Burg

Strahlegg mit ihrem Turm ins Auge, die seit 1963/64 im Besitz von Marco Walli ist. Wir betreten das Haus, und ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ich glaube, es gibt dort keinen einzigen Türrahmen, der nicht mit Schnitzereien verziert ist. Auch stehen dort unter anderem vom Hausherrn selbst gezimmerte, altertümlich anmutende Truhen, Kommoden und Schränke mit Schnitzereien. «Das meiste an unserem Haus und was darinsteht, habe ich selbst gemacht», sagt Marco Walli zu mir, als wäre das ganz «normal».

Nicht nur diesen Schrank hat der Holzschnitzer selber geschreinert auch die Holzschnitte auf der Schrankvorderseite stammen von ihm. Bild: L. Steinmann

Ein Chronist

Marco Walli ist zusammen mit seinem Bruder Rudolf Walli (Ruwa) auf einem kleinen Bauernhof in Fideris-Strahlegg gross geworden. Als er etwa acht Jahre alt war, hat sein Vater eine Sägerei gekauft und betrieben. Diese haben die beiden Brüder 1959 nach dem Tod des Vaters übernommen und weitergeführt. Nach zirka zweijähriger gemeinsamer Geschäftsführung trennten sich die Brüder, und Marco suchte eine neue Herausforderung. Bereits als Bub hat er im elterlichen Betrieb mitgeholfen und dort schon in jungen Jahren den Umgang mit dem Material Holz gelernt. Eine Lehre hat er keine gemacht. Aus dieser Zeit stammen auch viele Sujets, die sich in seinen farbenfrohen Holzdrucken, die wie Marietta Kobald in ihrem Artikel schreibt «schon fast expressionistisch anmuten», wieder finden. Marco Walli kommt für mich einem Chronisten gleich, der anstelle von Wörtern mit Holzschnitten das bäuerliche Leben und das Arbeiten im Wald von einst festhält.

Doch er ist kein Mann, der in der Vergangenheit schwelgt. Anhand seiner Holzschnitte ist klar zu sehen, dass er sich immer auch für aktuelle Geschehen interessiert hat. So hat er beispielsweise auch Vorlagen für Plakate von Schützen, Schwingfesten oder Radrennen geschnitzt. «Insgesamt habe ich bis heute einige Tausend Holzschnitte hergestellt», so der Holzschnitzkünstler, der vor einigen Jahren von der Anny Casty-Sprecher Stiftung mit dem Prättigauer Kulturpreis für sein Schaffen aufgezeichnet wurde.

Auf die Frage, wie er zum Schnitzen gekommen ist, antwortet der 84-Jährige: «Als ich 1966 nach einem Skiunfall zuhause bleiben musste, habe ich als Zeitvertreib mit dem Schnitzen angefangen – alles, was ich heute kann, habe ich mir im Verlauf der Jahre selbst beigebracht.» Dabei ist zu erwähnen, dass Marco Walli als junger Mann im Sommer in der Zimmerei gearbeitet hat und im Winter als Skilehrer tätig war. In dieser Zeit nahm er auch an Skirennen teil – so ist er auch zweifacher Schweizermeister und Parsenn-Derby-Gewinner. Unvergesslich ist ihm nach eigner Aussage sein Einsatz bei den Dreharbeiten des amerikanischen Kinofilms «Downhill Racers», im Deutschen unter dem Titel «Schussfahrt» bekannt, der 1969 in Wengen, Kitzbühel, St. Anton und Megève (FR) gedreht wurde. Dort habe er bei den gefährlichen Rennszenen auf der Skipiste den Hauptdarsteller Robert Redford doubeln dürfen.

Wallis Berufung

«Seit meinem kurzen Abstecher zur Grenzwache, wo es mir überhaupt nicht gefallen hatte, wusste ich, dass ich nur in einem kreativen Beruf meine Erfüllung finden werde.» Diese habe er 1966 im Schnitzen gefunden, und mit Unterstützung seiner Frau Gudrun habe er daraus seinen Haupterwerbszweig machen können. «Wir konnten immer gut von meinem Beruf leben, und ich fühle mich reich belohnt, dass ich als Laie für mein Schaffen so viel Aufmerksamkeit erhalten habe», resümiert der Holzschnitzer aus Fideris-Strahlegg.

Zum Abschluss unseres Gesprächs zeigt mir Marco Walli noch seine Ausstellung im Turm der Burg-ruine Strahlegg. «Bis vor ein paar Jahren wuchsen auf den Mauer-kronen des Turms noch hohe Tannen», sagt er, als wir vor eben diesem stehen. Dank der jahrelangen Unterstützung des Bündner Burgenvereins, der Denkmalpflege und vielen Freiwilligen sei die Burganlage wieder instandgesetzt worden. Im Zuge dieser Arbeiten habe auch der Turm ein Dach bekommen, führt Burgbesitzer Walli aus. Zum Dank hat er in Holzplatten die Namen aller an der Sanierung beteiligten Frauen und Männer geschnitzt. Das «Holzheft» hängt innen gleich neben der Tür, wie ich sehen konnte.

Treue Begleiterin

Die Ausstellungsfläche geht über drei Etagen. Beim Betreten des Turms wurde ich sogleich von der Extravaganz eines Kastens aus Nussbaumholz angezogen. Auf dessen Türen sind Adam und Eva, deren Konturen mit Zinn hervorgehoben wurden, im Grossformat dargestellt. Sie sind gerade dabei, vom Baum der Erkenntnis zu naschen. Rechts unten sind sie klein in einer Ecke kauernd abgebildet. Sie schämen sich, weil sie erkannt haben, dass sie nackt sind. «Dieser Kasten habe ich für meine Frau Gudrun gemacht», erklärt mir Walli. «Mein ganzes Leben lang konnte ich immer auf ihre Unterstützung zählen.»

Auf dem Weg nach oben, an bunten Holzdrucken vorbeigehend, frage ich den Besitzer der Burg Strahlegg, ob die Stufen von ihm sind. «Nein, die liess ich machen. Dafür aber ist das Holzgeländer von mir.» Bei genauerem Hinsehen, entdecke ich, dass diese mit geschnitzten Namen, Symbolen und Lebensweisheiten verziert sind. Im obersten Stockwerk angekommen, fühle ich mich etwas in die Zeit des mythischen Legendenkönigs Artus versetzt. Zwar steht dort keine runde Tafel, sondern «nur» ein rechteckiger Tisch, dafür aber sind in die massiven, der Spätantike nachgestellten Stühle mit Schnitzereien aus der Zeit der Ritter verziert. Es scheint, als würden die Stühle mir ihre Geschichten erzählen.

13 Uhr: Marco Walli hat mich zum Bahnhof Küblis gebracht. Wir verabschieden uns. Er geht zurück zu seinem grauen Auto, und ich begebe mich auf meinen Zug. Kurz bevor ich einsteige, blicke ich noch einmal zurück. Ich sehe, wie er davonfährt. In dem Moment weiss ich für mich, dass wir uns ganz bestimmt wiedersehen werden.

L. Steinmann