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Kultur
14.12.2021
14.12.2021 13:00 Uhr

Der Naturhandlanger – von Heini Hagmann

Bild: zVg
Ein Mensch mit Kanten. Kommt nicht immer gut an. In einem künstlerischen Beruf sind Kompromisse aber in der Regel verpönt.

Urs A. Furrer war ein begnadeter Pedant. Als Grafiker, Maler, Mixed-Media-Künstler und Spezialist in Steinpigmenten zeigte er ein Werk erst dann, wenn es seinem unerbittlich kritischen Auge standhielt. Lange überlegte und experimentierte er, bis eine Idee Gestalt gewonnen hatte, und zwar eine, die in technischer Raffinesse einen inspirierenden Inhalt verkörperte. Der Blick auf ein Furrer-Werk sollte, nein: musste einen Funkenregen von eigenen Bildern, Ideen und Gedankenfäden auslösen.

Sein umfangreiches Œuvre beginnt mit grafischen Arbeiten aus den Zeiten, als Pop und Rock noch neu und aufregend waren. Es führt über frühe Versuche in Computer Art in den Achtzigerjahren bis zu den letzten gut 20 Jahren in Küblis, in denen er sich intensiv dem Licht widmete: dem Licht, das quasi aus der Dunkelheit kommt. Es geht um die Reflexionen, die nur Steinpigmente möglich machen – im Gegensatz zu synthetischen Farben, die das Licht auffressen, wie Furrer sagte. Sie sind tot – im Unterschied zu natürlichen, die leben. Acryl war für ihn das Synonym für ästhetisch unbrauchbar.

Seit mehr als 25 Jahren hat er Gestein aus der Schweiz, sehr viel aus Graubünden, zu Pulver gemahlen; er wolle erst aufhören, wenn die Alpen pulverisiert seien… Das Pulver besteht aus Pigmenten mit einem Durchmesser von ein paar µ; sie sind also kleiner als Mehlstaubkörnchen. Angerührt mit rein organischen Bindemitteln, die selber kein Licht absorbieren, wird daraus «Farbe»; der Begriff darf nur in Anführungszeichen verwendet werden, denn: Steinpigmente sind mehr als Farben! Diese seine Erkenntnis, steht seit Jahren gross auf seinem Auto. Die «Farbe» wird entweder mit Pinseln oder, diese Technik beherrschte er virtuos, mit der Spritzpistole auf den Malgrund gebracht; als Malgrund verwendete er von der klassischen Leinwand über Holztafeln bis zu selbst hergestelltem Fresco-Verputz alles.

Urs A. Furrer: 12 Äonenlichtklänge aus Graubünden, Fresko. Format 63 x 81 cm. Bild: Urs A. Furrer

Die Steinpigmente sind Zeugen der Erdnatur und ihrer Geschichte. Seit Millionen von Jahren, seit Äonen schlummern sie im Dunkeln. Ans Licht gebracht, beginnen sie zu funkeln und zu glänzen in allen «Farben» und Formen. Unter unseren Füssen liegt ein gigantischer Spiegelsaal voller Überraschungen, eine Zaubernatur, auf der wir ahnungslos herumtrampeln.

Aus den Pigmenten entstanden Farblandschaften. Besser: Furrer spritzte beispielsweise das Prättigau oder das Sarganserland in Farbnuancen des vorhandenen Gesteins; manchmal waren die Pigmente auch organischer Herkunft, aus Erde gewonnen zum Beispiel. Gegenständlich gibt es nichts zu sehen. Farbhauche und -übergänge stehen für das, was sonst niemand sieht, etwa von der Litziseite des Tals, von Geländewellen und von Felstürmen. Wer so ein Bild betrachtet, lässt die Landschaft, vielleicht auch etwas ganz anderes, in seinem Kopf entstehen. Es kann den Geist öffnen.

Ganz ähnlich übrigens das Hörwerk des Pianisten und Komponisten Klaus Fessmann, seit langem ein Freund Furrers: Der spielt Stein, holt Töne aus allen Arten und Formen von Steinen. Präzise gesägten Spielsteinen entlockt er mit blossen Händen ein Tonspektrum, das den Vergleich mit einer Orgel kaum scheuen muss. Die beiden arbeiteten, kein Wunder, oft zusammen. Daher stammt auch Furrers Kombibegriff der Äonenlichtklänge – die allenfalls beim blossen Schauen ertönen können.

Das Arbeitsmaterial liegt überall unbeachtet herum, meist muss es nur aufgelesen werden. Das verborgene Licht im Gestein zu zeigen, verstand Furrer als seine Art Dienst an der Natur, und dafür scheute er keinen Arbeitsaufwand. Er verstand sich je länger, desto mehr nicht als Künstler, sondern als Naturhandlanger. Das war seine Berufsbezeichnung, seit er imstande war, die unterirdische Welt sichtbar zu machen.

Vor ein paar Jahren hat er sich ein Mikroskop angeschafft, das er an den Computer koppelte. Damit konnte er die gemahlenen Steinpigmente in voller Pracht vergrössert betrachten. Als Spezialist in digitaler Bilderzeugung und -bearbeitung – seit mehr als 40 Jahren auch in diesem Metier tätig – begann er, noch tiefer in die Mikronatur einzudringen. Was er da zu sehen bekam, verarbeitete er mit verschiedenen Bildbearbeitungsprogrammen aufwändig zu Bildern von ungeheurer Leuchtkraft. Dank moderner Drucktechnik konnte er sie grossformatig auf Aluminiumplatten oder Kunststoffbändern zeigen. Eigenartig: Je näher er seinem Ziel war, der Gesteinsnatur nur noch zur Hand zu gehen, desto stärker stützte er sich zusätzlich auf die Möglichkeiten, die ihm die Hightech-Computerwelt und -materialien boten. Er war sich dieser Paradoxie sehr wohl bewusst.

Urs A. Furrer: Im Innern des Albulamassivs, Mylonit (digitale Arbeit, 2021) Bild: Urs A. Furrer

Zwei Projekten widmete sich Furrer in den letzten Jahren intensiv. Das eine waren zwölf Installationen in einem lange ungenutzten Heustall in Garstett, St. Antönien, unter dem zur Marke gewordenen Titel «Heinzenkapelle». Seit dem Heinzensommer 2010 kreierte er mit verschiedenen Partnern, zuletzt auch mit zwei Partnerinnen, jeden Sommer eine Ausstellung, inhaltlich immer im Rahmen von Natur und Licht. «Sinneswandel» hiess die erste, «Wahrnehmung» eine weitere und die zwölfte, 2021, «SteINNEN flanieren». Hinter der letzten stand sein zweites Grossprojekt. Das Ausgangsmaterial für diese Heinzenkapelle-Installation hat er während der Ausbrucharbeit zum Bau des neuen RhB-Albulatunnels 2015–2018 gesammelt respektive sammeln lassen. Alle 300 m Vortrieb bekam er von den Ingenieuren vier Kübel voll Ausbruchgestein, das er zu Pigmenten mahlte und dann: siehe oben. Dieses Jahr konnten zahlreiche Besucher:innen im Kopf durch 5'860 Meter Albulatunnel flanieren, lange bevor der erste Zug durchfahren wird. Ein Buch mit mehr als 200 Bildern ist schon gedruckt und lag auf. Was weiter aus dem Material hätte entstehen können, scheint Furrer erst vage vorgeschwebt zu haben, es sei denn, er habe konkrete Pläne noch für sich behalten wollen.

Wer ihm bei der Arbeit im Atelier oder am Computer zugeschaut hat, weiss, wie akribisch er jedes Detail seiner Naturspektakel gestaltete. Da akzeptierte er keine Einwände. Wer mit ihm gearbeitet hat, weiss aber genauso, wie euphorisch er schätzte, was geistig und handwerklich gut ist, von wem auch immer – und wie resolut er ablehnte, was als künstlerische Arbeit daherkommt, jedoch bloss dekoratives Zeugs ist. Und geziertes Gelaber über Kunst fand er unausstehlich.

Ein 13 Mal wird der Heustall in Garstett nicht bespielt werden, schon darum, weil er nicht mehr zur Verfügung stünde. Die Variante dazu, eine Freiluft-Heinzenkapelle, ist als Idee schnell entstanden, Vorarbeiten und erste Skizzen dazu existieren.

Doch das Projekt wird Idee bleiben: Urs A. Furrer starb völlig unerwartet am 19. November 2021. Seine letzte Arbeit, die Dokumentation des Heinzenkapelle-Projekts 2021, kann elektronisch bezogen werden bei heinihagmann@bluewin.ch.

hg