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Untervaz
26.12.2021

Radreisebericht #2: Auf der Flucht vor dem Winter

Lucas J Fritz ist inzwischen in der Westschweiz angekommen.
Lucas J Fritz ist inzwischen in der Westschweiz angekommen. Bild: Lucas J. Fritz
Mit dem Fahrrad fahre ich von Untervaz im Rheintal nach Südspanien. Die ersten Tage meiner Reise sind von Einsamkeit, Alleinsein und pausenlosem Fahrradfahren geprägt. Im tagelangen Alleinsein wird mir zum ersten Mal die Schönheit meiner Reise bewusst.

Am vierten Tag meiner Reise fuhr ich von Zürich nach Niedergösgen. Ich fühlte mich erneut einsam nach dem Abschied meiner Verwandten in Zürich. Diese Erfahrung der Einsamkeit ist mir ganz neu. Die einzige Möglichkeit um damit umzugehen, erscheint mir dem Gefühl Platz zu geben und mich selbst völlig hinzugeben bis die Einsamkeit von selbst verschwindet.

Dauerdraussenschläfer

Der Weg führte mich nach Baden an der Limmat weiter nach Brugg und von dort aus über Aarau in Richtung Olten. Keine zweihundert Meter Luftlinie von dem AKW Niedergösgen entfernt, habe ich schliesslich im Zelt übernachtet. Ich fühlte mich unwohl so nahe beim AKW zu schlafen, die Müdigkeit siegte dann zum Glück. Immer wieder bemerkte ich auf meiner Reise und auch schon davor im Leben, wie Angst oft aus Unwissenheit und Ungewissheit entsteht. Zum einen aus fehlenden Informationen und zum anderen aus fehlender Selbstsicherheit, Vertrauen und Lebensfreude. Mit dieser Reise tue ich genau das, was ich schon sehr lange einmal tun wollte: Etwas ganz und gar eigenes, etwas das ich ganz alleine und nur für mich tue. Es entsteht Tag für Tag eine stärkere Gewissheit, dass wenn ich immer das tue was ich für gut und richtig halte, ich nie falsch liegen kann. So tue ich dies vehement mit aller Konsequenz. Das Ego hat infolgedessen keine Chance mehr. Am fünften Tag fuhr ich über Olten und Solothurn nach Biel. An diesem Tag bin ich in sieben Stunden über 90 Kilometer gefahren, was mich bei 50 Kilogramm Fahrrad- und Gepäckgewicht sowie 70 Kilogramm Eigengewicht schon ein bisschen stolz macht. Mein Nachtlager schlug ich nahe einer Auenlandschaft fast direkt am Wasser des Bielersees auf. In der Nacht bellten Füchse in nächster Nähe und ein mir unbekanntes Tier wagte sich sogar bis an die Zeltwand heran. Diese Nacht war die bisher schönste auf meiner Reise. Keine Züge, keine Autobahnen und kein Lärm eines AKW störte meine Nachtruhe. Alles was ich vernahm, waren Tierlaute und der Wind, der unablässig an meinem Zelt rüttelte. Zwar war es kalt und windig, doch mein Gespür für die unmittelbare Umgebung war an jenem Abend so offen wie selten zuvor. Die ganze Welt schien in einem wundervollen Glanz zu glühen.

Bild: Lucas J. Fritz

Schweres Gepäck

Weiter in Richtung Yverdon-les-Bains am Neuenburgersee entlang wurde mir am sechsten Tag bewusst, dass ich mein Gepäck stark reduzieren sollte. Ich schleppte nun schon seit fünf Tagen Bücher und Ausrüstung mit mir mit, welche ich zum Grossteil kaum brauchte, wie ich feststellte. Was brachten mir zum Beispiel vier verschiedene Bücher zur Unterhaltung, wo ich doch nur ein einziges auf einmal lesen konnte? So begann ich am Abend des sechsten Tages radikal auszusortieren. Was übrig blieb, durfte mit weiter auf die Reise, den Rest verschenkte ich. Ich war zum Beispiel am Abend fast immer zu müde und faul, um mir eine warme Mahlzeit zu kochen. Nur ein einziges Mal an vier Abenden im Zelt hatte ich mir Reis gekocht. Meist machte ich mir einen Tee, doch manchmal war ich auch dafür zu faul. Am sechsten Abend nächtigte ich zwischen Zuggleis und Autobahn inmitten der waadtländischen Ebene südlich von Yverdon.

Mit dem Winter im Nacken

Der siebte Tag bricht an. Mein ganzes Zelt ist innen wie aussen feuchtnass. Es herrschen Minusgrade mit Wind. Vor acht Uhr sitze ich auf dem Fahrrad um vorwärtszukommen. Beissend kalter Wind weht mir um Nase und Ohren. Mir geht es miserabel. Der Winter hockt mir im Nacken und frontal werde ich herbstlich kalt gegrüsst. Am Tag, an dem dieser Bericht erscheint, werde ich mich in Genf in einer Jugendherberge aufhalten. Bei erwarteten –5 Grad Celsius macht es keinen Spass mehr draussen im Sommerzelt zu schlafen. So hartgesotten bin ich dann doch nicht. Ich liege pro Tag 16 Stunden im Schlafsack, was schon zermürbend genug ist, die restlichen acht Stunden verbringe ich auf dem Rad. Es ginge sicherlich irgendwie ständig draussen zu schlafen, die letzten vier Tage haben mir jedoch gezeigt, dass ich ständig nass war, kalt hatte und kränkelte. Vor lauter Ambition so schnell wie möglich so weit wie möglich zu fahren, um dem Winter zu entkommen, stopfte ich alles Essbare, was ich fand, alles was irgendwie Energie gab, in mich hinein und lasse willentlich jegliche Pause aus. Schlechte Laune, pickelige Haut und Schüttelfrost ist die Antwort darauf. Das macht kaum Spass, härtet dennoch schön ab. Die Strecke, die ich insgesamt zu fahren beabsichtige, beträgt ungefähr 2500 km. Davon habe ich nun bereits 400 km hinter mir. Ich verbringe zwei Tage bei einem Kameraden in Lausanne. Danach reise ich weiter nach Genf und schlussendlich über die Grenze. Wie ich nach Frankreich ohne Zertifikat einreise, erfährt ihr im kommenden Beitrag.

ljf