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Untervaz
09.01.2022

Radreisebericht #3: Das Ende meiner Radreise

Die Kälte, 3G-Regeln und Weiteres haben Lucas J. Fritz zum Aufgeben gezwungen.
Die Kälte, 3G-Regeln und Weiteres haben Lucas J. Fritz zum Aufgeben gezwungen. Bild: Lucas J. Fritz
Dies ist der letzte Bericht zu meiner winterlichen Radreise. Nach zwei Wochen des Fahrens habe ich aufgegeben. Das Warum erfährt ihr in den folgenden Zeilen.

ls ich von Lausanne aus startete, war noch alles gut. Es war wie eine Erlösung aus dem Betondschungel der waadtländischen Stadt hinaus wieder hinein in eine vergleichsweise ruhigere Gegend am See zu gelangen. Ich fuhr am Lac Léman entlang nach Genf und übernachtete dort in einer Jugendherberge. Meine Zähne schmerzten dabei schon seit Tagen, wahrscheinlich aufgrund der Kälte und meiner Erkältung. Am nächsten Tag fuhr ich trotzdem weiter über die schweiz-französische Grenze bei Pougy einem kleinen Dörfchen ohne Grenzkontrolle an der Landesgrenze. Ich fuhr weiter nach Bellegarde-sur-Valserine, eine Stadt an der Rhône. Hier kam ich in der Erwartung an mit dem Zug nach Lyon weiterzufahren, ein Kompromiss, den ich aufgrund von Kälte und Nässe eingehen wollte. Wie bitter ich doch enttäuscht wurde.

Enttäuschte Erwartungen

In Frankreich gilt die 3G-Regel im öffentlichen Verkehr. Ich bin nicht geimpft gegen Sars-coV-2, bin wahrscheinlich genesen, habe allerdings keinen Beweis dafür und lasse mich nur ungern testen. Jetzt kommt normalerweise der Teil, wo geschrieben wird, weshalb jemand eine solche Haltung hat. Darauf verzichte ich an dieser Stelle, weil es mein gutes Recht ist. Im Dickicht von Meinungen und Spekulationen ging schon mancher seelischer Frieden in die Brüche. Weil nun diese Regel im französischen ÖV gilt und ich dies bis dahin nicht wusste oder wissen wollte, zerfiel meine Hoffnung. Meine ganzen Hoffnungen, um aus der Kälte herauszukommen, lagen darin, dass ich 100 Kilometer mit dem Zug statt dem Velo zurücklegen wollte. Das war mein erstes Missgeschick, mich so auf eine einzige Erwartung zu stützen. Ich nahm mir viel Zeit nachzudenken, darüber weiterzufahren mit dem Fahrrad, zu bleiben wo ich war für einige Tage oder Wochen, oder gar bis der Frühling Einzug hielt oder ob ich in die Schweiz zurückkehren wollte und sollte. So verbrachte ich Stunden damit mir alle möglichen Szenarien auszudenken, was wie funktionieren könnte. Zweifel kam in mir auf. Ich fühlte mich an diesem Ort festgefahren, weil es hier weder Velowege gab, nur enge, kurvige Hauptstrassen auf welchen 100 km/h gefahren wurde und es keinen Velostreifen gab. Mein zweiter Fehler war, dass meine Isomatte ein Loch hatte, das ich bisher mit keinem Klebstoff zu schliessen vermochte und trotzdem weiterfuhr. Meine einzige Nacht in Frankreich bei –5 Grad Celsius wurde verdammt hart. Mein dritter Fehler war es trotz zunehmender Zahnschmerzen weiterzufahren.

Der Genfersee. Bild: Lucas J. Fritz

Fazit

Da ich die Torheit hatte, ganz alleine in dieses Nichts zu fahren, sah ich mich mit wahrlich brutalen negativen Gedanken und Gefühlen konfrontiert. Es gab Momente, da schien jegliche Lebendigkeit von mir zu weichen. Durfte mich ein Ziel, ein gescheiterter Plan seelisch so vernichten? Ich hatte nicht das Vertrauen ganz alleine weiterzugehen, ich hatte keine Gewissheit, dass es ein Licht am Ende des Tunnels meiner Einsamkeit gab. Zusammengefasst heisst das, ich habe meine winterliche Radreise in den Süden aufgrund der vernichtenden Kombination aus Kälte, Nässe, sozialer Isolation, enttäuschter Erwartungen und Zahnschmerzen aufgegeben. Für mich war es eine wertvolle Erfahrung. Viele Erkenntnisse konnte ich gewinnen. Unter anderem, dass die Erfahrungen anderer für mich nicht zählen. Auch wurde mir zum Beispiel die Erkenntnis zuteil, dass ich diese Reise nicht als Niederlage sehe, sondern als Lehrstein in meinem Leben. Ich weiss jetzt, wie schwierig es sein kann trotz aller Widrigkeiten mit voller Hingabe weiterzumachen, zu glauben und zu vertrauen in sich selbst und die Welt.

Gleich, nur anders

Wir alle stolpern durchs Leben, manche fallen früher andere später auf die Nase. Wer gefallen ist und wieder aufsteht, kann nur gewinnen, an Erkenntnis und Vertrauen. Die Rückkehr nach Hause brachte mich in einen Zustand vollkommener Ungewissheit. Obwohl es so schön war, so alleine zu sein, war es doch brutal für die Seele. Wie töricht es ist, Pläne zu machen, Ziele zu verfolgen und in Erwartungen zu leben. Doch was ist die Alternative? Irgendwie weiss ich es noch nicht so recht. Die abgebrochene Reise hinterlässt mich ebenso in einem Zustand von Verlorenheit. Vielleicht musste ich mich so weit aus dem Fenster hinauslehnen um zu erkennen, was mir als Letztes übrigbleibt: Lebendig zu bleiben, immer lieben und lachen zu können ob allein oder gemeinsam mit anderen. Kein Ziel, kein Plan und ganz sicher keine Erwartung der Welt ist es wert dies aufzugeben. Das Leben mag zwar einfach sein, doch so leicht, wie ich dachte, dass es wäre, ist es nun doch nicht.

ljf