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Schiers
16.01.2022
14.01.2022 11:46 Uhr

Mit Fleiss und Leidenschaft ein erfülltes Leben

Edith Gantenbein ist für ihre Backspezialitäten in der ganzen Region bekannt.
Edith Gantenbein ist für ihre Backspezialitäten in der ganzen Region bekannt. Bild: Erica Hartmann
Arbeiten ist für sie kein Fremdwort, Ferien schon eher. Im Alter von 53 Jahren, wenn andere daran denken, etwas kürzer zu treten, stürzt sie sich voll in ein neues Abenteuer, ohne zu wissen, wie das ausgehen wird. Die Rede ist von Edith Gantenbein aus dem Lunden. Doch nun eines nach dem anderen.

Vom Jahr 1977 bis 1980 absolvierte Edith Gantenbein die Lehre als Konditorin-Confiseurin in der Bäckerei-Konditorei à Porta in Klosters. Bis zur Gründung einer eigenen Familie arbeitete sie für ein paar Jahre auf ihrem erlernten Beruf. Sie ist Mutter eines Sohnes, der mit seiner Familie ebenfalls im Lunden lebt.

Tüchtig und fleissig

Nach schwierigeren Zeiten und der Trennung des Vaters ihres Sohnes, arbeitete Edith 15 Jahre lang im Dorfrestaurant «Jagerhans» in Schiers. Gemeinsam mit dessen Besitzer Hitsch Mathis führte sie das Restaurant und bewirtete einen Landwirtschaftsbetrieb. Die damals noch blutjunge Edith kochte und servierte im Restaurant, mistete aus, arbeitete auf dem Feld und war immer für ihren Sohn da. Die Tüchtigkeit, der Fleiss und die Leidenschaft, die sie für ihre Arbeit hatte, blieben auch Hitsch Mathis nicht verborgen. Dazu kam noch, dass die junge Mutter sehr attraktiv war. 33 Jahre lang arbeiteten die beiden zusammen bis zum Ableben von Hitsch 2018. Die beiden ergänzten sich in all ihren Arbeiten.

Wie bereits erwähnt, führten Hitsch Mathis und Edith Gantenbein neben dem «Jagerhans» eine Landwirtschaft mit Schafen, Grauvieh und Haflingerpferden. 2002 wurde das Restaurant geschlossen. Dann wurde es umgenutzt und es entstand ein Wohnhaus daraus. Und dort, wo früher Pferde und Kühe ihren Auslauf hatten, stehen heute Autos. Die Tiere kamen dann in den Stall im Lunden. Nach der Schliessung des Restaurants und dem Verlust der Arbeitsstelle bewarb sich Edith kurzerhand bei der Bäckerei Hitz, die, wie es der Zufall gerade wollte, jemanden suchte. Ganze elf Jahre arbeitete Edith Gantenbein als Angestellte in der Bäckerei, wofür sie jeden morgen um 2 Uhr aufstehen musste. Nach der Arbeit, das heisst am Nachmittag, gab es kein Ausruhen, denn da wartete im Winter die Arbeit im Stall und im Sommer auf dem Feld. Die wenigen freien Sonntage nutzte Edith, um die Tiere auf der Alp zu besuchen.

Edith Gantenbeins Schüttelbrote werden in den Volg-Läden in St. Antönien und Pany verkauft. Bild: Erica Hartmann

Die eigene Bäckerei

Die Idee von einer eigenen Hofbäckerei kam von Hitsch, denn er war die treibende Kraft. So fing Edith 2014 an, im alten Bauernhaus im Lunden ihre Spezialitäten zu backen. Da die Kundschaft schnell den Weg in die Hofbäckerei fand, wurde ein Jahr später der Ladenteil angebaut.

In Ediths Bäckerei werden die Produkte selbst hergestellt, vom Blätterteig bis zur Konfitüre, die dann später auf die Linzertorte kommt. Was nicht im eigenen Garten wächst, wird in der Region eingekauft. So stammt beispielsweise das Fleisch für die Partybrote vom Metzger nebenan, oder wenn Ediths Birnbäume zu wenig Birnen für das Birnbrot abgeben, kommen diese von Bekannten aus der Nachbarschaft. Zudem verwendet sie Frischmilch von Bio-Hof Palottis in Schiers. Im Bio-Hof-Laden an der Umfahrungsstrasse A28 werden die Produkte von der Hofbäckerei aus dem Lunden ebenfalls zum Verkauf feilgeboten. So auch im Volg-Laden Schiers, wo verschiedene Brote aus Ediths Backstube zur Auswahl stehen. Die gelernte Konditorin/Confiseurin hat sich das Backen verschiedener Brote selbst beigebracht. Eine ihrer Brotspezialitäten ist das «Schüttelbrot» – eine Spezialität aus dem Tirol. Wie es der Name schon sagt, wird das Brot nicht geknetet, sondern auf einem Brett geschüttelt. Dieses fladenartige Brot ist eher hart, knusprig und bei richtiger Lagerung bis zu drei Monate haltbar. Die vielen verschiedenen darin enthaltenen Gewürze machen es besonders schmackhaft. Die Schüttelbrote werden in den beiden Volg-Läden in St. Antönien und Pany verkauft.

Auch sehr bekannt sind ihre Meter langen Cremeschnitten, die liebe- und kunstvoll zum Kunden passend gestaltet werden. Zu Ostern stellt Edith Gantenbein auch Schoko-Osterhasen her. Das besondere an diesen Hasen ist die Herstellung. Meistens arbeitet Edith allein in ihrer Backstube. Gelegentlich hilft ihr eine Bekannte mit. Doch an Ostern wird sie von jemandem ganz besonderen unterstützt. Ruedi Martinelli, ihr ehemaliger Lehrmeister, der sich riesig darüber freut, dass sich Edith mit ihrer Bäckerei selber verwirklicht hat, lässt es sich trotz seines hohen Alters von 86 Jahren nicht nehmen, ihr bei der Produktion der Osterhasen mitzuhelfen. Neben Ruedi Martinelli pflegt sie zudem freundschaftliche Kontakte zu ehemaligen Mitarbeiter:innen.

Die Angebote in der Hofbäckerei lassen kaum Wünsche offen. Bild: Erica Hartmann

Das Ende der Landwirtschaft

Da es in Hofbäckerei genug Arbeiten zu erledigen galt, und diese genügend Gewinn abwarf, wollten Edith und Hitsch Mathis in der Landwirtschaft etwas kürzer treten. Dazu kam, dass die letzten beiden Haflinger auf der Alp verunglückten. An deren Stelle fanden drei Esel wie auch Capra-Grigia-Ziegen auf dem Betrieb ein neues Zuhause. 2017 entschlossen sie sich von den Tieren zu trennen. Es war ihnen sehr wichtig, dass die bereits etwas älteren Tiere auf einen guten Altersruhesitz kommen. Einen solchen fanden alle Tiere ausser den Schafen im Kanton Appenzell auf einem Gut. Dies nachdem die Schafe noch einen Sommer auf der eigenen Alp verbracht hatten, verliessen auch sie im Herbst 2018 gemeinsam den Hof und zogen zu einem bekannten Schafhalter im Kanton Luzern. Hitsch Mathis und Edith Gantenbein hatten für sich geplant, den Stall und das Land zu verpachten und dann noch ein bis zwei Winter das Vieh für den Verpächter zu füttern. Hitsch durfte dies leider nicht mehr erleben. Edith füttert inzwischen bereits den vierten Winter 14 Stück Galtvieh eines jungen Landwirtes, dessen Hof weit oben in Stels liegt.

Auch heute noch, ohne eigenes Vieh, rotiert Edith zwischen Stall und Backstube. Jedoch nicht mehr jeden Tag wie früher. Ferien sind noch immer nicht ihr Ding. Eine Woche Dänemark waren wohl die einzigen «grossen» Ferien, und selbst da war sie nicht ohne ihre Arbeit. Da backte sie für die Gastgeber die Hochzeitstorte, für die Hochzeit, an der sie eingeladen war.

Bestechende Vielseitigkeit

Die Auswahl ist riesig, da bleiben keine Wünsche offen. Brote, knusprig, luftig, butterzart mit oder ohne Sonnenblumenkernen, Apéro mit gefüllten Gipfeli oder Küechli, Partybrote oder Torten. Auf Bestellung wird in der Hofbäckerei jeder Backstuben-Wunsch erfüllt, und das erst noch mit heimischen Produkten. Jeden Samstagvormittag bedient Edith ihre Kunden auch im Hofladen, wo es neben ihren Bäckerei-Köstlichkeiten auch weitere eigene Produkte wie Eier von den eigenen Hühnern oder Kürbis aus dem eigenen Garten süss-sauer eingemacht zu kaufen gibt.

Edith Gantenbein hat vor ein paar Jahren den Schritt gewagt, etwas auszuprobieren. Und es hat sich gezeigt, dass es der Schritt in die richtige Richtung war. Edith Gantenbein steht auch heute noch fast jeden Morgen in ihrer Backstube im alten Bauernhaus im Lunden und bereitet für ihre Kunden die feinsten Köstlichkeiten zu.

eh/ls