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Schiers
30.04.2022
30.04.2022 14:02 Uhr

Die Widmaier-Jungs erobern die Kunstturnwelt

Myro und Enyo Widmaier sind begeisterte Kunstturner.
Myro und Enyo Widmaier sind begeisterte Kunstturner. Bild: C. Imhof
Seit Ende März ist die Saison der Schweizer Kunstturner wieder im vollen Gang. Mittendrin und oft auch ganz vorne mit dabei sind die beiden Schierser Athleten Enyo und Myro Widmaier, die inzwischen in Wil trainieren. Der Weg der Familie ist in der Region sicher einzigartig, denn für die Karriere der Jungs verzichten die Widmaiers auf vieles.

Ein wenig versteckt ist das Eigenheim von Urs und Jasmin Widmaier am Schuochterbödeliweg in Schiers. Durch die etwas erhöhte Lage ergibt sich auf der Terrasse ein herrliches Panorama. Von hier aus sieht man sogar bis zum Eisfeld, welches vom Grossvater Walter betrieben wird. Doch für den 13-jährigen Enyo und seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Myro war das Eishockeyspielen nie eine Option. Zu grob und wild sei das für sie gewesen, wie Mutter Jasmine erklärt. Die Faszination für das Turnen habe sich schon früh ganz natürlich ergeben. «Ich habe, als ich noch im Kindergarten war, bei den GKB Sportkids ein Turnprospekt gesehen und wollte das auch ausprobieren», sagt Enyo. Ähnlich sei es bei seinem Bruder Myro gewesen, seine Leidenschaft für den Sport wurde durch das Programm Futurestar geweckt.

Von Maienfeld nach Wil

Aus den anfänglichen zwei Trainings pro Woche wurden innerhalb von einem halben Jahr gleich sechs, sagt Enyo, der in seinem Jahrgang zu den sechs besten im Schweizer Kader gehört. «Inzwischen trainiere ich um die 25 Stunden die Woche.» Dieser enorme Zeitaufwand neben der Schule habe irgendwann zu einem Konflikt geführt, erklärt Mutter Jasmine. «Im Prättigau ist es eben so, dass vor allem Wintersportarten gefördert werden. Wenn jemand beispielsweise professionell im Ski- oder Eishockeyzirkus einsteigen will, gibt es beispielsweise in Davos das Sportgymnasium. Für jemanden, der einen ‹Sommersport› wie Kunstturnen betreibt, wird es einfach schwierig. Zudem findet eine Förderung von Sportlern meist erst ab der Oberstufe statt und das ist im Fall eines Kunstturners oftmals viel zu spät.» Aus diesem Grund haben die Widmaiers sich entschieden einen Schritt weiter zu gehen, um ihren Jungs den Traum einer Sportkarriere nicht zu verbauen. «In Maienfeld hat es einen Cheftrainerwechsel gegeben und die neuen Trainingsmetoden waren für uns nicht tragbar.» Nachdem auch andere Turner das Turntenue an den Nagel gehängt hätten, was für sie nicht in Frage gekommen sei, sei Enyo dank seines Talents und Leistungen bis dato im Regionalen Leistungszentrum in Wil aufgenommen worden. Myro habe dank seines Könnens im TZ Fürstenland Unterschlupf gefunden, welches in der selben Halle trainiere. «Wir waren und sind ausserordentlich dankbar, dass das RLZO und das TZ Fürstenland Enyo und Myro die Chance gegeben haben, ihren Kunstturntraum weiter zu leben.»

Für ihre Kinder tut Jasmine Widmaier alles. Bild: C. Imhof

Zwanglos begeistert vom Sport

Die Sportkarrieren der beiden Jungs sei auch am Familientisch intensiv diskutiert worden, denn der neue Trainingsort stellte das Leben der Widmaiers ziemlich auf den Kopf. «Seit August 2021 sind meine Jungs und ich unter der Woche wohnhaft in Wil und nur am Wochenende zuhause in Schiers.» Dies habe nicht nur zur Folge gehabt, dass sich die beiden Jungsportler nochmals komplett neu orientieren und im Kanton St. Gallen sich ein neues Umfeld aufbauen mussten, sondern auch ihre ältere Schwester Lynn und Vater Urs müssen wegen dem Sport zumindest unter der Woche auf Familienzeit zu fünft verzichten. «Seit Sommer 2021 gehen Enyo und Myro in Wil zur Schule, nachdem wir eineinhalb Jahre sechs Mal die Woche fürs Training nach Wil und retour gefahren sind. In den neun Monaten hat sich alles gut eingependelt und dadurch dass alle am gleichen Strick ziehen, funktioniert es auch so gut», sagt Jasmine. «Wenn ich die Videos vom Anfang anschaue und mit dem aktuellen Können meiner Jungs vergleiche, merkt man schon auch, dass sich der Schritt gelohnt hat.» Das stimmt. Kunstturnen mit den sechs Disziplinen Boden, Pferd, Ring, Sprung, Barren und Reck klingt in der Theorie nach mühsamem Pflichtprogramm in der Schule, sieht bei den Widmaier-Brüder aber unheimlich leicht und elegant aus. Schon eindrücklich, wie sie Saltos schlagen und durch die Luft wirbeln, als wäre es das Einfachste auf der Welt. «Es gibt bei uns kein Zwingen oder auch spezifische, strenge Essenspläne, welche die Kids einhalten müssen. Solange sie Freude am Sport haben, wollen wir ihnen das möglich machen, auch wenn wir als Eltern vielleicht ein wenig zurückstecken müssen. Längerfristiges Ziel der Brüder ist es, mit 17 beim nationalen Verbandszentrum in Magglingen aufgenommen zu werden und vielleicht sogar mal für die Schweiz an den Olympischen Sommerspielen an den Start zu gehen. Wege entstehen, wenn man sie geht. Das haben Jasmin und Urs Widmaier definitiv verstanden. Ähnlich wie Grossvater Walter im Winter für eine Grundversorgung für alle Eisbegeisterten sorgt, zeigen seine Enkel, dass im Prättigau auch im Sommer Sport auf einem gewissen Level betrieben wird, der viele weitere Generationen anspornen könnte.

Bild: zVg
Christian Imhof