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Schiers
28.06.2022

Allen Mäusen der Welt gewidmet: Ein Künstlerbuch

Das Künstlerduo Lukas Bardill und Gabriela Gerber in ihrem Atelier.
Das Künstlerduo Lukas Bardill und Gabriela Gerber in ihrem Atelier. Bild: Sara Smidt
Das Künstlerduo Gabriela Gerber und Lukas Bardill aus Schiers hat soeben ein Künstlerbuch herausgebracht, das tiefsinniges Vergnügen bereitet. Lesen Sie, welche Eindrücke beim Huschen über die Buchseiten entstehen, und wie das Künstlerduo zusammenarbeitet – das bereits seit 1997.

Einige im Prättigau kennen das Künstlerduo Gabriela Gerber und Lukas Bardill aus Schiers wohl, ohne es zu wissen. Erinnern Sie sich an die zauberhaft von innen beleuchteten Ställe auf den Schwellenen in Grüsch während eines dunklen Winters vor einigen Jahren? Nun haben die beiden ein Buch herausgegeben, das nicht ihre Arbeit dokumentiert, sondern selbst ein eigenes Werk ist. Es kann wie ein Daumenkino verwendet werden. Da schnüffelt ein Dachs (der mal vor ihrem Haus in Schiers auftauchte), ein Käsekessel schwankt so sehr, dass Wasser herausspritzt, und ein Hirsch bewegt sich über die Landschaft, bis er im Buchfalz verschwindet. Ein Mäher taucht mit seiner Sense mal auf den rechten Seiten auf und mal auf den linken, mal als schwarzer Strich auf Weiss und mal als weisser Strich auf Schwarz. All diese Motive gibt es auch als animierte Trickfilme. Zum Beispiel der Kessel: Vom Bauern Andrea Nold aus Conters konnten sie einen alten Käsekessel borgen, den das Künstlerpaar verwendete. In einer Sennerei im Safiental, die abgerissen werden sollte, hingen sie den Kessel gefüllt mit Wasser auf und brachten ihn zum Schwingen. Wasser spritzte heftig in die Luft. Sie filmten die Bewegung und nahmen den Ton auf. Daraus entstand in viel Arbeit eine Art Zeichentrickfilm. Der Kessel besteht im Buch aus schwungvollen von Hand gezeichneten Linien, aus denen sich weitere Linien lösen: das Wasser. Wenige Striche und der Originalton genügen, um bei uns Betrachter:innen eine Vorstellung zu erzeugen. Besonders gut funktioniert dies beim Mäher. Wir sehen keine Landschaft weit und breit, nur die Haltung des Sensenmanns, der immer kleiner wird, während er das gesamte unsichtbare Feld mäht – im Ohr verhakt sich das typische Geräusch der Sense im Gras. Gerne projizieren die Künstler ihre animierten Filme wiederum auf einen Gegenstand wie beispielsweise den Baumstrunk aus dem Schrabach. Zeichnerisch vereinfacht bewegt sich sein Bild auf dem dreidimensionalen toten Stück Holz und wird sehr lebendig, nicht zuletzt durch den Schattenwurf auf die Wand.

Bild: Sara Smidt

1000 Mäuse

Das Buch «To a mouse» macht Kleines gross. Das spielerische und gleichzeitig tiefgründige Buch greift zwölf von zwanzig Animationsfilmen der letzten Jahre auf und macht daraus etwas Neues, das mit dem Medium Buch spielt. Der Titel «To a mouse» ist einem Gedicht von Robert Burns entlehnt, einem schottischen Dichter aus dem 18. Jahrhundert. Ein Bauer
nimmt sich die unabsichtliche Zerstörung eines Mäusenests so zu Herzen, dass seine Gedanken zur Beziehung von Mensch und Natur schweifen. Er tut dies auf humorvolle, tiefgründige und pfiffige Art und entspricht damit ganz der Arbeitsweise von Gabriela Gerber und Lukas Bardill. Zu Beginn sehen wir nur ein Dreieck am oberen Bildrand des Buchs – unmöglich darin mehr als eine geometrische Form oder einfach eine Linie zu erkennen. Dann kommen die herzigen Knopf-augen dazu, und aus dem Dreieck wird ein Schnäuzchen. Die Maus wuselt über die Seite hin und her und holt eine weitere Maus und noch eine und viele mehr, bis alles nur noch ein Liniensalat ist. Es ist nicht mehr entzifferbar, welche Linie welche Maus formt. Daraus wird eine regelrechte Mäuseplage. Zur signierten Vorzugsausgabe mit einer Auflage von 13 Stück kommt übrigens passenderweise ein Plakat mit 1000 Mäusen dazu.

Bei Gabriela Gerber und Lukas Bardill werden Gedanken zu Linien und Linien zu Wesen und Situationen, die sich nur in Schwarz-weiss entfalten. Diese Einschränkung schärfe die Wahrnehmung, so Gabriela Gerber. «Die beiden Künstler haben die Linien durch die Animation buchstäblich zum Spazieren gebracht», schreibt Kathleen Bühler in ihrem Textbeitrag im Buch. Diese Textseiten bringen einen Farbakzent ein, rosa wie das Schnäuzchen einer Maus.

Zur Vorzugsedition mit Auflage 13 gehört ein Plakat mit 1000 Mäusen. Bild: Sara Smidt

Wie verläuft die Zusammenarbeit?

Das Künstlerduo lebt mit ihren beiden Kindern in Schiers und schöpft aus dieser Umgebung seine künstlerische Inspiration.

Anders als in der Stadt, wo es unendlich viel Anregung gibt, interessieren die beiden vor allem Zwischenräume. Sie erkunden sie auf ihren Spaziergängen. Nicht motorisiert zu sein, gehört zu ihrer Lebensweise. Die beiden verstehen sich zwar als Bündner Kulturschaffende, da sie hier sind. Doch ihre Arbeitsweise funktioniert nicht nur hier, sondern auch an anderen Orten und Rändern. Zum Beispiel in Syros in der Ägäis, wo ihnen im Sommer vom Kunstprojekt Haus zur Glocke Steckborn ein Atelieraufenthalt ermöglicht wird. Sie werden ihre Sinne schärfen können in dieser neuen Umgebung.

Gibt es Spezialisierungen innerhalb des Paares? Wie entsteht ein Werk? Nicht jemand filmt und jemand zeichnet, sondern der Impuls kann von jedem ausgehen und nachher ist nicht mehr klar, wer welche Idee hatte. Diese wird im Miteinanderreden hin- und hergeschickt, zerpflückt, weggelegt und wieder hervorgenommen. Es gibt kein Sprach- oder Denkverbot, auch wenn dies anstrengend ist. «Anständig sein fällt weg», betont Lukas Bardill. Manchmal gibt es Missverständnisse, so wie es in jeder Kommunikation Missverständnisse gibt. Dass anders verstanden als gesendet wurde, wird zum Potenzial. Die Unzulänglichkeit von Sprache führt zum künstlerischen Ausdruck als andere Form Wahrnehmen, Mitteilen und Denken.

Die beiden wollen unruhig bleiben, wie ihre ruckeligen Animationen. Sie tragen zur Wachsamkeit in unserer Gesellschaft bei, wenn sie immer wieder unser Verhältnis zu Landschaft und Natur thematisieren. Dies nicht nur als Künstler:innen, sondern auch als frisch gewählter Grossrat (Lukas Bardill) sowie als Lehrende in der Evangelischen Mittelschule Schiers sowie an der Pädagogischen Hochschule in Chur.

Sara Smidt