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Freizeit
19.07.2022
19.07.2022 09:38 Uhr

Dich selbst sollst du lieben

Bild: zVg
Heftigster Muskelkater plagte mich von der siebenstündigen Wanderung des Vortags. Als ich am Morgen in San Sebas- tian im Hostel erwachte, war mir bewusst geworden, dass ich meine Energie sorgfältiger würde einteilen müssen. Ich konnte es mir nicht leisten, jeden Tag nach der Etappe halbtot einzuschlafen. Das würde meinen Körper auf Dauer zu sehr auszehren und verdürbe mir den Spass an der Wanderung.

Ich hatte mich entschlossen, das Tal von Hermigua zu durchwandern, statt brav die zweite Etappe des Fernwanderwegs GR 132 zu gehen. Am Vortag bei Nebelwetter und Wolkenbruch sah das Tal wunderschön aus und so wollte ich diese Gegend erkunden, statt strikt nach Plan weiterzugehen. Ich glaube, dass Pläne immer eine Richtung sind, in die man gehen kann, daran halten muss man sich allerdings nicht. Verplant man sich selbst nicht das Leben, bleibt Zeit um die Schönheit der Welt zu bewundern.

Ein wunderschönes Tal

Mit dem Bus führte mich die Reise von San Sebastian aus an den Ort, an dem ich am Vortag meine Wanderung beendete. Als ich dort ausstieg, konnte ich mich des wunderbar warmen Wetters unter wolkenlosem Himmel erfreuen. Am Vortag noch war es hier neblig und kalt gewesen. Die Sonne schien mir kräftig ins Gesicht und ich erfreute mich unversehens meines Lebens. Der Wind kühlte die Temperatur auf ein erträg-
liches Masss. Ohne zu wissen, wo ich am Abend schlafen würde, begann ich meine Wanderung. Ich ging durch Dörfer und Bananenplantagen und traf viele Arbeiter, die dabei waren den Palmen ihren Saft zu entnehmen. Mehr als einmal hatte ich mich zu gedulden, weil gerade ein Wanderweg neu gestaltet wurde und der Kies und die Erde mit einer Maschine festgefahren werden mussten. Die Vögel pfiffen, der Wind wehte durch die Palmwedel und alle Menschen auf die ich traf, grüssten mich mit einem Lächeln. Ihre Zufriedenheit schien auf mich übertragen zu werden, denn auch ich fühlte mich fröhlich und leicht.

Buddha und ich

Irgendwann entdeckte ich ein ruhiges Plätzchen unter einem Baum und entschloss mich für eine Weile hinzusetzen. An einen alten Baumriesen angelehnt sitzend, schloss ich die Augen und fühlte die Welt. Der Wind rauschte sachte durch das Blätterdach über mir. Die Sonne schien mir sanft durch die Blätter ins Gesicht. So genoss ich meine Zeit im Nichtstun und freute mich glücklich sein zu können ohne etwas zu tun. Wie schön das Leben doch sein konnte. Mit wie wenig ich mich zufriedengeben konnte. Ich fiel in Erstaunen über mich selbst. Ich dachte Gedanken, die ich sonst nie dachte. Ich fühle Zufriedenheit, die ich sonst nie fühlte. Wie der Buddha, der sich eines Tages vor lauter Erschöpfung durch die äussere Welt unter einen Baum gesetzt hatte und seine innere Welt von Neuem kennenlernte. Man sagt, er sei erleuchtet worden. Doch wie lange hielt seine Erleuchtung an? Kein Mensch bleibt für immer mit offenem Herzen und offener Seele, dafür ist unsere Welt zu kaltherzig. Die Erleuchtung vergeht, das glaube ich mit Gewissheit zu wissen, doch jeder kann sie gewinnen und verlieren. Wieder und Wieder.

Ich setze mich mit Buddha gleich, nicht aber aus egozentrischen Gründen, vielmehr um aufzuzeigen, dass in jedem von uns die vollkommene Zufriedenheit mit sich selbst und der Welt ruht. Jeder kann sich mit jedem gleichsetzen, ohne dadurch sich selbst zu verlieren. Man nimmt vom anderen, was er an Wissen anzubieten hat und gibt seinerseits was man selbst anbieten kann. Ein stetes Geben und Nehmen erwirkt ein gesegnetes Leben. Ich gebe einen Einblick in mein Innenleben, damit alle sehen, das alles von Innen nach Aussen entsteht und Träume und Wünsche in die Welt übertragen werden können. Wir dürfen sein, wer wir sein wollen. Immer.

Weiterhin unter dem Baume sitzend, frage ich mich wie schon so oft in letzter Zeit, ob ein Leben ohne Ziel, ohne Plan und ohne Richtung überhaupt möglich ist. Bleibt man glücklich ohne bewusst gewählten Lebensinhalt? Dies erforderte Vertrauen in die Welt und Vertrauen währt nicht für immer. Nichts ist unvergänglich aussser die Vergänglichkeit selbst. Alle meine Fragen an das Leben entstehen nur aus einem Grund: Nicht aus der Angst vor dem Tod, sondern aus Furcht vor dem ungelebten Leben und dem Sterben in Reue und Bitterkeit. Die Insel La Gomera zeigte mir unzählige Male, dass es die Liebe zu sich selbst, den Mitmenschen und der Welt ist, die positive Veränderung sowie Glück und Zufriedenheit bewirkt. Allem voran steht die Liebe zu sich selbst. Nur wer sich selbst am nächsten ist, und sich selbst aus ganzem Herzen lieben kann, kann diese Liebe in die Welt hi-
naustragen.

Bild: L. J. Fritz

Nacht am Meer

In tiefer Zufriendheit zog ich mir meine Schuhe wieder an, schulterte den Rucksack und machte mich erneut auf Wanderschaft. Nach Stunden des Gehens und Staunens um die Wunder der Welt, fand ich ein altes verlassenes Gebäude am Strand von Santa Catalina und schlug dort nach Einbruch der Dunkelheit mein Nachtlager auf. Mit einem Dach über dem Kopf und einer dicken Isomatte unter dem Rücken, fiel ich unter dem Tosen der Wellen und dem Kreischen der Sturmhaubentaucher in einen tiefen Schlaf und erwachte erst mit der Morgendämmerung wieder. (Lucas J. Fritz)

Bild: L. J. Fritz
Lucas J. Fritz