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Freizeit
31.07.2022

«Kampf bis zum letzten Meter»

Bild: zVg
Die Nacht in La Rajita verbrachte ich in einem verlassenen, halb zerfallenen Gebäude direkt beim Strand. Als die Nacht jung war und der Mond noch nicht aufgegegangen war, erblickte ich einen Nachthimmel wie nie zuvor. Es gab kaum Lichterverschmutzung in diesem abgelegenen Ort, sodass ich bestimmt mehrere Millionen Sterne sehen konnte. Als der Mond aufging, versank die Sternenpracht neben seinem Strahlen in der Dunkelheit.

So legte ich mich schlafen, doch einschlafen konnte ich lange Zeit nicht, obwohl ich sehr müde vom weiten Gehen des Vortages war. Der Mond schien hell durch die fensterlosen Löcher in der Wand des alten Hauses. Beinahe taghell konnte ich alles um mich herum erblicken. Irgendwann gelang es mir doch noch Schlaf zu finden und ins Reich der Träume zu gelangen.

Stille und Lärm

Kurz nach neun Uhr morgens schulterte ich meinen Rucksack und wanderte weiter. Als erstes wanderte ich aus dem Tal von La Rajita hinauf zur Ebene von Ayuarvoda, wo mich Hennen und Tauben gackernd und gurrend begrüssten. Der Weg verlief flach und so konnte ich eine Strecke von einigen Kilometern ohne grosse Mühe hinter mich bringen. Wie ruhig es hier bloss war. Kein Geräusch durchdrang die Stille. Weil Glück und Leid sich stets die Waage hielten, verblieb die Freude über die gefundene Stille nicht lange. Schon nach kurzer Zeit war sie erfüllt von meinen Gedanken, so sehr, dass ich mir wünschte für einmal nicht denken zu können. Schier unerträglich war der Lärm in meinem Kopf. Woher kam er bloss? Was konnte ich dagegen tun? Nun, da ich mich in äusserer Stille befand, wurde es in mir selbst sehr laut. Die einzige Lösung für mein Problem war mich derart zu verausgaben, dass ich vor lauter Atemnot nicht mehr würde klar denken können und irgendwann im Wandererhoch versinken würde.

Ein Tal für einen einzigen Menschen. Bild: Lucas J. Fritz

Ausgezehrt und abgekämpft

Der Weg wurde erneut steiler, und in der Hitze des Mittags musste ich nach jedem gewanderten Kilometer eine kurze Pause einlegen. Das Gepäck lastete mir auf den Schultern, der Rücken schmerzte, ich hatte dennoch keine Reue, ich wollte es so. Es war windstill und so wurde die Mittagshitze noch erdrückender. Die Sonne brannte vom Himmel herab, ich befand mich noch sieben Kilometer von Alajero, dem nächsten Ort entfernt und fühlte mich überhaupt nicht gut. Vom vielen Wandern, dem ständigen Hinaufgehen in flimmernder Luft, musste ich einen Sonnenstich bekommen haben. Doch ich zwang mich zum Weitergehen und liess nicht nach, bis ich nur noch wenige hundert Meter von der nächst grösseren Siedlung entfernt war. Mir war schlecht, so schlecht, dass ich mich mehrmals übergab. Ich legte mich in den erstbesten Schatten, den ich fand und lag völlig erschöpft einige Zeit regungslos da. Obwohl ich mich selbst nicht sah, hatte ich den Eindruck ich müsste halb tot aussehen.

Abstieg zum Meer

Irgendwann kämpfte ich mich hoch, stand, hievte den Rucksack unter Stöhnen und Ächzen auf den Rücken und stapfte langsam weiter meines Weges. Die Übelkeit verflog zu meinem Gück überraschend zügig. In der nächsten Siedlung ass ich zu Mittag und ging dann über Stunden von 800 Metern über Meer stets dem Verlauf der Hauptstrasse folgend hinab in Richtung Playa de Santiago. Der eigentliche Wanderweg hätte mich noch ein Stück aufwärts geführt, doch mein Körper war zu erschöpft dafür. Ich hatte nur noch die Kraft abwärts zu gehen. Mehrmals musste ich tief durchatmen und stehenbleiben und das Gepäck ablegen, um zu verhindern, dass ich mein Mittagessen wieder hergegeben hätte.

Die meiste Zeit über hielt ich mich am Rande der Strasse, nur hin und wieder führten Abkürzungen querfeldein abwärts. Mein Rücken fühlte sich wie ein einziger grosser geballter Klumpen Schmerz an und ich musste höllisch achtgeben mich nicht erneut zu sehr zu verausgaben. Nach weiteren zehn Kilometern und allen 800 Tiefenmetern, stand ich am Strand von Santiago. Ich liess den Rucksack von meinen Schultern gleiten und legte mich völlig erschöpft in den Sand. Beinahe wäre ich dort eingeschlafen, so müde war ich. Ich zwang mich aufzustehen, badete im Meer um mich zu erfrischen und ass daraufhin in einem für meine Kleidung viel zu noblen Restaurant ein Abendessen.

Blick ins Inselinnere. Bild: Lucas J. Fritz

Bruchbuden-Übernachtung

Als es eindunkelte, suchte ich nach einem Schlafplatz. Während ich in der Schweiz in einem Siedlungsgebiet kaum leerstehende Gebäude oder abgelegene Wiesen zu finden gewohnt bin, fand ich hier immer wieder aufs Neue unerwartet schnell ein vertrauenerweckendes Plätzchen um mich hinzulegen. Auch am sechsten Abend meiner Inselumrundung um La Gomera fand ich binnen Minuten ein verlassenes Haus, in dem ich kurzerhand mein Schlaflager errichtete. In dieser Nacht schlief ich aufgrund meiner heftigen Rückenschmerzen auf dem Bauch, die sieben Zentimeter dicke Isomatte erlaubte es mir zu meinem Glück und schlief ohne Unterbruch von neun Uhr abends bis neun Uhr morgens. Über 25 Kilometer und mehr als 800 Höhen und Tiefenmeter war ich am sechsten Tag der Wanderung gegangen. Von nun an würden die Strecken zwar weniger weit sein, dafür würde ich jedoch binnen zweier ganzer Tage durch keine einzige Siedlung gelangen. Ob und wie ich die letzte Etappe der Inselumrundung meisterte, erfährt ihr im nächsten Beitrag.

Lucas J. Fritz