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Ein neuer Skulpturenweg zum Wechsel

Nach 15 Jahren auf dem Berg kehrt Sonja Schlegel im Mai 23 ins Tal zurück.
Nach 15 Jahren auf dem Berg kehrt Sonja Schlegel im Mai 23 ins Tal zurück. Bild: Christian Imhof
Nach 15 Jahren als Wirtin des Berggasthauses Sassauna zieht es Sonja Schlegel wieder ins Tal. Ab kommendem Mai verpachtet sie ihr Bijou oberhalb von Fanas einem Beizerpaar und wagt einen Neuanfang. Dies aber nicht, ohne bei der Bergbeiz noch nachhaltig Spuren zu hinterlassen, die weitere Generationen erfreuen dürften.

Optimales Wetter war es nicht, als ich am vergangenen Dienstag in die Seilbahn Fanas stieg. Oben am Berg klebte eine Nebelwand, doch ich hoffte, ähnlich wie die Familie aus Basel, die mit mir die Kabine teilte, dass dieser oben auf dem Berg verschwinden würde. Wir fuhren gemächlich hinauf, und wenn man dann wirklich mal etwas sehen konnte, zeigte sich nicht nur ein gut gepflegter Wald, sondern sogar mal ein «Bambi», wie eines der beiden Mädchen lautstark anmerkte.

Ein einfaches Leben auf 1700 m. ü. M.

Die Erleichterung, als die Gondel oben am Berg ankam, war nur von kurzer Dauer und wich schnell einer gewissen Panik, denn beim Hinausgehen entdeckte ich eine Tafel, auf der stand, dass das Berg-gasthaus Sassauna, bei welchem ich abgemacht hatte, jeweils montags und dienstags geschlossen hat. Hatte ich mich vertan und doch erst am Donnerstag abgemacht? Ich liess mich nur kurz beirren und wanderte zum Treffpunkt, wo mich Sonja Schlegel willkommen hiess und hereinbat. Mein Denkfehler bestand wohl in der Annahme, dass jemand, der bei einer Bergbeiz tätig ist, sicher irgendwo im Tal wohnen wird und ich deshalb wohl auf verschlossene Türen treffen würde. Wie sich aber herausstellte, lebt die Wirtin seit gut 15 Jahren das ganze Jahr hier oben, ohne Zweitwohnsitz im Tal. «Es ist ein einfaches Leben, das ich hier führe. Hier wird noch mit Holz geheizt und mit Solarpanels Strom erzeugt», sagt Sonja. Einsam fühle sie sich eher selten. «Hier in der Natur ist es zwar ruhig, aber auch wunderschön. Man hört die Vögel zwitschern, und dank der guten Lage und den zum Teil sechs Sonnenstunden pro Tag kommen regelmässig viele Touristen und Einheimische hier vorbei. Langweilig oder einsam wird es mir hier auf jeden Fall nicht.»

Die ersten Skulpturen von Thomas Löffel stehen bereits. Bild: Christian Imhof

Verpachtet statt verkauft

Trotz vieler Freude an der Blumendiversität, den Freundschaften und der Ruhe auf dem Berg, der den romanischen Namen für «Felsen» trägt, hat sich die 47-Jährige dazu entschieden, nochmals was Neues anzufangen. Dies habe vor allem einen Grund. «Vor 15 Jahren habe ich das Berggasthaus Sassauna gemeinsam mit meinem damaligen Mann gekauft, umgebaut und bewirtschaftet. Das ist eine Zeit lang ganz gut gegangen, denn zu zweit kann man die anfallenden Arbeiten auch gut stemmen. Doch seit 11 Jahren mache ich das alleine, was schwierig ist.» Es sei nicht nur das Buckeln der Getränke und Lebensmittel von der Seilbahn zum Gasthaus, auch das Schneeräumen, Holzbeschaffen, das Bewirtschaften der Gäste und vieles mehr sei ohne zusätzliches Personal fast nicht realisierbar. Doch es ist keine Verbitterung spürbar, wenn man mit Schlegel spricht. «Ich durfte hier oben in all den Jahren so viel erleben und lernen. Ausserdem habe ich so viele Leute kennengelernt und durfte mich über Stammgäste freuen, obwohl ich ja ursprünglich aus dem Unterland komme.» Verkaufen wollte sie ihr Lebenswerk dann aber trotzdem nicht. «Hier steckt so viel Leidenschaft und Liebe in diesem Gebäude. Es einfach jemandem komplett zu abzutreten, hätte ich nicht übers Herz gebracht. Mit den Pächtern hatte ich echt Glück, so schnell ein Paar zu finden, bei dem ich ein sehr gutes Gefühl habe.» Ihre Zukunft sei noch ungewiss. «Ich lasse es beruflich einfach auf mich zukommen, glaube aber, dass sich für einen Job in der Gastronomie immer was finden lässt. Doch was ich weiss, ist, dass ich mit dem Berggasthaus auf dem Höhepunkt aufhören kann und es in so gute Hände weitergeben darf.»

Viel gelernt und viel erlebt hat Sonja Schlegel auf Sassauna. Bild: Christian Imhof

Ein Abschiedsgeschenk der anderen Art

Doch bevor Sonja Schlegel das Experiment «Arbeiten im Tal» beginnt, hatte sie noch die Idee, dem von ihr so heiss geliebten Ort, welcher bei vielen noch als Geheimtipp gilt, etwas künstlerische Magie einzuhauchen. «Es ist für mich einfach ein spezieller Ort auf einem speziellen Berg. Diese Faszination, welche der Ort auf mich ausübt, wollte ich mit Skulpturen unterstreichen, die mit der Natur verwachsen dürfen. Es ist schön, zu sehen, wie jetzt alles aufgeht und das Projekt ‹Skulpturenweg› auf positive Resonanz stösst.» Bereits vor Ort ist eine Skulptur vom Schierser Förster Thomas Löffel, Werke von Erwin Accola, Adrian Hartmann und Herbert Gartmann werden noch folgen. Letztgenannter arbeitet aktuell an seiner grossen Skulptur, die neben einem Touristen mit Feldstecher auch den hier oben typischen Tieren und Pflanzen sowie der Seilbahn Tribut zollt. Die von der Gastronomin kuratierten Skulpturen sind holzig und kommen ohne Plastik aus. Insgesamt werde es acht Skulpturen geben, immer schön eine um eine, dass es sich dann auch lohnt mehrfach auf den Sasssauna zu gehen. An so einem Ort, an dem Mensch und Natur dermassen in Einklang miteinander leben und sich gegenseitig respektieren, passt der Weg stimmig ins Konzept und ist auch noch vorhanden, wenn der bekannte Blumenweg längst verblüht ist. Es ist ein zusätzlicher Reiz, bei Sonja Schlegel einzukehren. Es bleibt zu hoffen, dass auch die zukünftigen Pächter es schaffen, eine angenehme Balance zwischen wirtschaftlichem Erfolg und Ruheoase zu finden. Schön wäre es eben schon, wenn der Ort, das Kulinarische und auch die Menschen oben auf den Bergen ein wenig ein Geheimtipp bleiben würden, wo man wunderbar die Seele baumeln lassen kann.

Bild: Christian Imhof
Christian Imhof