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28.09.2022
27.09.2022 14:43 Uhr

« Hennentod und Heuen » – Biohof-Bericht, Teil 2

Das Zuchtschaf fühlt sich wohl auf dem Biohof.
Das Zuchtschaf fühlt sich wohl auf dem Biohof. Bild: L. J. Fritz
Indem wir uns hinauswagen in die grosse, unbekannte, weite Welt, lassen wir den Kern in uns wachsen und gedeihen. Mit dieser Überzeugung nahm ich meinen Mut zusammen, trat aus meiner wohligwarmen und bequemen Komfortzone heraus und verbrachte Zeit überwiegend auf einem St. Galler Demeter-Bauernhof. Was ich dabei erlebt habe, erzähle ich nachfolgend.

Der Bauernhof befand sich auf fast 900 Metern über Meer zwischen dem Bodensee und dem Toggenburg. Der Hof war Demeter-zertifiziert, was bedeutete, dass die Tiere, die Hochstammbäume, das Gemüse aus dem Garten biodynamisch bewirtschaftet werden. Dabei wird nicht nur auf bodenverseuchende Schadstoffe wie Fungizide, Pestizide und Herbizide verzichtet, sondern es wird ebenfalls darauf geachtet, sein Handeln nach den Gegebenheiten und dem Rhythmus des Bodens und der Natur allgemein auszurichten. Es gilt, möglichst naturfreundlich zu denken und zu handeln. Die Bauern, welche ich im August besuchte, hielten eine reinrassige Zuchtschafherde zum Fleischverkauf sowie ein gutes Dutzend Hühner für den Eigenbedarf an Eiern.

Hennentod

Als ich bereits zwei Wochen auf dem Hof mitgearbeitet hatte, stellte ich fest, dass drei ältere Hennen immer ärger von den jüngeren geplagt wurden. Sie rissen den alten Hennen mit dem Schnabel die Schwanzfedern aus. Auch der Hahn trug das Seinige bei, indem er sie mit dem Schnabel am Kopf blutig pickte. So entschied dann der Bauer, die drei alten Hennen von ihrem Leid zu erlösen. Gemeinsam köpften, rupften und nahmen wir sie aus. Ein Tier zu töten, und nicht bloss Fliegen und Mücken, sondern ein Huhn, war für mich eine zutiefst spirituelle Erfahrung, eine ungekannte Begegnung mit dem Tod, die ich erstaunlicherweise nicht als gut oder schlecht, sondern als völlig normal empfand. Ich musste viel Mut aufbringen, das Tier von seinem Leid zu erlösen. Musste einem Leben ein Ende setzen, um dadurch etwas Gutes zu tun. Ich bin grenzenlos dankbar für diese Erfahrung, denn auch ich kann durch eine höhere Macht oder einfach ein Missgeschick in jedem Augenblick meines Lebens meinen letzten Atemzug tun und kann jederzeit mein Leben lassen. Indem ich dieses Huhn getötet hatte, erfuhr ich mich selbst in einer völlig neuen Situation und wuchs daran. Etwa eine Woche später lag eine Henne zusammengekauert und regungslos im Stall. Diese Henne war bereits einige Tage an derselben Stelle gelegen, und jedes Mal dachte ich mir, dass sie vielleicht krank oder einfach nur alt sei und ihren letzten Atemzug bereits getan hatte. An einigen Morgen stupfte ich die Henne sanft an und sie hob noch einmal müde ihr Köpfchen. An jenem Morgen stupfte ich die Henne wieder an, doch diesmal blieb sie ruhig. Ich ahnte, was geschehen war, nahm das Tier mit beiden Händen und stellte fest, dass es friedlich eingeschlafen sein musste, denn es musste schon einige Zeit tot sein, da der Tierleib bereits starr geworden war und einen unangenehmen Verwesungsgeruch ausstiess. So hatte ich dann dem Bauern gezeigt, was geschehen war, und gemeinsam hoben wir ein Loch am Waldrand aus, vergruben das Tier darin und legten einige Steine darauf, sodass es dem Fuchs der im angrenzenden Wald lebte, unmöglich würde, den toten Tierleib auszugraben und zu verzehren.

Die Katze im Heustall. Bild: L. J. Fritz

Heuen

Mitte August war der zweite Wiesenschnitt des Jahres angesagt. Während die meisten Bauern aufgrund des massiven Tierkotüberschusses, welcher sich in der Verwendung von Kraftfutter ergründet, allmonatlich die Wiesen «güllnen» und bis Mitte August die Wiese bereits fast ein halbes Dutzend Mal gemäht haben, geht es auf einem Demeter-Bauernhof anders zu und her. Der Bauer schneidet seine Wiesen zweimal, maximal dreimal im Jahr. Dies, weil das Gras auf seinen Wiesen nicht so schnell wächst, weil er keine Gülle spritzt, sowie aber auch, um den hanglagigen Boden mit den schweren Mäh- und Ballenpressmaschinen nicht zu sehr zu verdichten. Weshalb spritzt dieser Bauer keine Gülle? Weil, so erklärte er mir einmal, er den Kot seiner Schafe erstens nicht sammeln könne. Dies, weil die Schafe sich in der wärmeren Jahreshälfte stets draussen befinden und sich von der Wiese ernähren und diese gleich auch wieder mit ihrem Kot düngen. Die Schafe mähen und düngen den Boden, ohne dass der Mensch mehr dazu beitragen muss, als dann und wann die Zäune zu verschieben. Zweitens, so erklärte mir der Bauer, spritze er keine Gülle, weil er kein Kraftfutter an seine Tiere verfüttere. Dies ist ein Grundprinzip von Demeter. Kraftfutter bewirkt, dass die Tiere massiv Fleisch auf den Knochen ansetzen, was sich im Fleischverkauf positiv auswirkt. Doch woher stammt das Kraftfutter? Vielleicht von einem Feld in Brasilien, auf welchem vor einem Jahr der Regenwald noch gestanden hatte? Beim Demeter-Bauern steht der Erhalt des lokalen Kreislaufs im Zentrum. Die Nahrung, welche die Tiere fressen, muss aus der unmittelbaren Umgebung stammen. Antibiotika und Entwurmungsmittel dürfen nicht vorbeugend verabreicht werden, sondern nur im tatsächlichen Ernstfall. So wird auf das natürliche Immunsystem des Tieres gesetzt, was sich schlussendlich auch auf die Qualität des Fleisches auswirkt. Denn, so wissen einige der Leser sicherlich bereits, wenn wir ständig Fleisch konsumieren, dessen Tieren immer wieder vorbeugend Antibiotika verabreicht wurden, können wir im ärgsten Fall durch den Konsum dieses Fleisches eine Resistenz entwickeln, welche verursacht, dass besagtes Antibiotikum im Ernstfall uns nicht mehr weiterhelfen kann und wir sogar – so wie früher – an einer Lugenentzündung sterben können.

Schluss

Fast einen Monat habe ich auf dem Hof verbracht. Vieles mehr, was ich nicht in diese Zeilen packen kann, habe ich noch lernen dürfen. Das mit Abstand Wichtigste, was ich von meinem Aufenthalt auf dem Bauernhof mitnehme, ist die Veränderung meines Ernährungsbewusstseins zum Gesünderen hin. Mir ist klar geworden, dass mein Körper aus dem besteht, was ich ihm zuführe. Und wenn das so geschieht, als wäre die Ernährungspyramide auf den Kopf gestellt worden, werde ich krank. Indem ich viel Wasser trinke, mich überwiegend von naturbelassenen Nahrungsmitteln wie Obst, Gemüse, Kartoffeln, Nüssen usw. ernähre, stärke ich meinen Körper auf allen Ebenen. Und mittels eines gesunden Körpers ist mir als Individuum mehr Energie gegeben, sodass ich noch viel mehr Gutes für mich selbst und die Welt bewirken kann.

Lucas J. Fritz