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Freizeit
12.11.2022

Vom Zweifel und der Zuversicht

Bild: Lucas J. Fritz
Seit Anfang Oktober lebt unser Reporter Lucas J. Fritz in den Höhlen La Gomeras. Während der ersten Zeit war sein Leben oft von abwechselnden Phasen des Zweifels und der Zuversicht geprägt.

Jeshuas Tage und Nächte auf der Insel La Gomera vergingen und irgendwann reifte in ihm der Entschluss ein Ortswechsel täte ihm gut. Er hatte einige Zeit ganz in der Nähe der Inselhauptstadt in einer kleinen abgeschiedenen Höhle inmitten einer Klippe gelebt und hatte sich eines morgens auf die Suche nach einer neuen Bleibe gemacht. Er lief und lief und keine der Höhlen, die er fand gefiel ihm. Sie alle waren zu weit weg vom Meer. Wenn er ganz still war, so hörte er nur das ihm unheimlich erscheinende Pfeifen des Windes. Von Meeresrauschen war keine Spur. Natürlich fragte er sich, ob dieses Gefühl der Unwohlheit an diesem Ort, nicht vielleicht seinem Ego entstammte. Doch der Kopf war still und das Herz war trotzdem unruhig. Hier würde er nicht bleiben wollen. So ging er weiter, entfernte sich immer weiter von der nächsten Ortschaft und fand schliesslich ein Tal so schön und weit, dass ihm sein Grinsen der Freude lange Zeit im Gesicht haften blieb.

Gespräch mit dem Zweifel
Vom Bergkamm stieg er ins Tal hinab, schritt zum Meer und schwamm weit hinaus. Von dort aus sah dieses Tal noch um ein Vielfaches schöner aus, sodass er sich wünschte hier eine Höhle für die kommende Zeit zu finden. Nach einigen Gesprächen mit den dort lebenden Aussteigern, kam er zum ernüchternden Entschluss doch noch eine Weile unter seinem bisherigen Felsvorsprung leben zu wollen. Als er sich verabschiedet hatte und zurück in die Richtung ging aus der er gekommen war, überkam ihn der Zweifel. Abrupt blieb er stehen. Er hatte gelernt dem Zweifel Beachtung zu schenken, so wie er auch der Zuversicht Beachtung schenkte. Was wollte der Zweifel von ihm? «Wäre es vielleicht nicht an der Zeit eine andere Gegend der Insel zu erkunden? Was tust du hier so alleine? Weisst du wie es deiner Mutter geht? Weisst du wie es deinem besten Freund geht?», mit diesen und anderen perfiden Fragen versuchte der Zweifel ihn zum Verzweifeln zu zwingen. Doch Jeshua kannte den Zweifel und antwortete ihm auf dessen Fragen aus der Tiefe seines Herzens. «Ich bin hier an diesem Ort um dir und der Zuversicht zuzuhören. Diesen Ort verlasse ich so schnell nicht, weil ich mir nach langem Nachsinnen vorgenommen habe hier an diesem Ort auf dieser Insel anzukommen und mein Selbst zu finden. Ich habe alle Zeit der Welt, mein lieber Zweifel, weshalb drängst du mich? Alleine bin ich, weil ich mir das so gewünscht habe. Gewünscht habe ich mir das Alleinsein, weil ich in meinem bisherigen Leben nur die Zweisamkeit gekannt habe. Meine Mutter macht sich Sorgen, doch daran kann ich nichts ändern ausser mich dann und wann bei ihr zu melden. Ich weiss nicht wie es jetzt gerade meinem besten Freund geht, doch auch das ist meine freie Entscheidung gewesen. Es ist meine Entscheidung gewesen, lieber Zweifel, wieso drängst du mich?», führte Jeshua seine Unterhaltung mit dem Zweifel fort. Der Zweifel setzte mehrmals zu einer Antwort an, doch irgendwann gab er auf und verstummte. Für heute hatte er den Zweifel in seine Schranken weisen können. Doch dies bedeutete nicht, dass es ihm immer so leicht gelingen würde. So wie die Zuversicht an Kraft gewann, gewann auch der Zweifel an Kraft. Er würde mit immer perfideren Fragen und Aussagen versuchen Jeshuas Erlebnisse ins Negative zu ziehen.

Augenblicke der Zuversicht
Die Sonne brannte vom Himmel herab und Jeshua ging zurück zu seiner Höhle. Er dachte im Gehen daran, dass die Sonne ihn seit dem ersten Tag seines Lebens begleitet hatte. Sie war jeden Tag bei ihm, so wie sie auch täglich bei allen anderen Geschöpfen dieser Welt war. Er spürte und sah die gleiche Sonne, wie seine Familie und seine Freunde in der Schweiz spürten und sahen. Es war diesselbe Sonne, die seine Tage und die Tage seiner Liebsten erhellte. Die Vorstellung in jedem Augenblick seiner Reise zuhause anrufen zu können gab ihm Zuversicht. «Komm, wir verbinden uns über die Sonne», würde er dem Menschen am anderen Ende der Leitung sagen. Und sie würden beide ihre Körper nach der Sonne ausrichten, die Augen schliessen miteinander sprechen und die unmittelbare Gegenwart des anderen spüren können. Es würde sich anfühlen, als stünde der Mensch, der nach der Weltkarte so fern schien, direkt neben ihm.

Lucas J. Fritz