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Luzein - St. Antönien
19.12.2020
18.12.2020 15:29 Uhr

«Die Walser im St. Antöniertal»

Konrad Flütsch-Gansner
Nach dem «St. Antönier Flurnamenbuch» im Jahre 2012 hat der rührige St. Antönier Lokalhistoriker Konrad Flütsch-Gansner jetzt ein umfangreiches chronistisches Werk herausgegeben.

Konrad Flütsch-Gansner weiss über das St. Antöniertal Bescheid wie kein Zweiter. Neben seinen beruflichen Tätigkeiten als Volg-Geschäftsführer und Landwirt bekleidete der heute 93-Jährige zahlreiche politische Ämter. Über viele Jahre engagierte er sich als Gemeindepräsident, war Landammann und Grossrat. Konrad Flütsch verfügt nicht nur über ein immenses Wissen und einen grossen Erfahrungsschatz in den vielfältigsten Bereichen, als langjähriger Verfasser der Talchronik kann er auf umfangreiche eigene Aufzeichnungen zurückgreifen. Nun hat der Chronist ein 208 Seiten starkes Buch im Grossformat mit dem Titel «Die Walser
im St. Antöniertal» herausgegeben. Dieses enthält sowohl Auszüge aus der Ruosch-Chronik als auch aus der Engel-Chronik, ergänzt mit seinen eigenen Aufzeichnungen.

Peter Ruosch schrieb unter anderem anhand der Kirchenbücher eine Chronik, welche bis in das Jahr 1668 zurückreicht. «Damit diese Chronik nicht verloren geht und heute noch gelesen werden kann, habe ich sie abgeschrieben», so Konrad Flütsch-Gansner. Ganz so einfach, wie dies tönen mag, gestaltete sich die Angelegenheit indes wohl nicht. «Ich habe in der ersten bis vierten Klasse von 1934 bis 1937 gelernt, die alte deutsche Schrift zu lesen und zu schreiben. Deshalb konnte ich Peter Ruoschs Chronik lesen. Es war aber sehr mühsam, teilweise konnte ich die sehr klein geschriebene Schrift nur mit dem Vergrösserungsglas entziffern», räumt der Autor ein.

Ruosch habe noch viel aus der «Engel Chronik» abschreiben können. Der Landammann Simon Engel (1685–1750) in der Rüti schrieb die erste Chronik, ein Handschriftenband von 190 eng beschriebenen Seiten. Inzwischen scheine das Zeitdokument von grossem kulturhistorischem Wert unauffindbar untergegangen zu sein, hält Konrad Flütsch fest. Dennoch gibt er die Hoffnung nicht ganz auf, dass das Werk eines Tages wieder auftauchen könnte, vielleicht bei einer Hausräumung?

«Nach Peter Ruosch war es Lehrer Peter Flüsch im Haus Marschall, welcher die Chronik weiterführte. Ihm folgte sein Sohn Peter auf der Schwendi. Letzter Chronist war Hermann Egli in Ascharina.» Seit 1981 erscheint die Prättigauer Talchronik, worin auch die Ereignisse in den früheren drei Gemeinden von St. Antönien beschrieben sind.

Er habe allerlei Erlebnisse und Geschichten aus Chroniken abgeschrieben, merkt Konrad Flütsch an. Angefangen bei Konrad Michels «Volkzählung in St. Antönien – Anno 1779» bis zum «ordentlichen Fremdenverkehr» Anfang der 1890er-Jahre aus der Ruosch-Chronik wartet das Werk mit einem wahren Füllhorn an Wissenswertem auf. Die Themen reichen vom Klima über die Arbeiten in der Landwirtschaft, vom Alpwesen und der Waldwirtschaft über das Bau- und Schulwesen, bis zum Handwerk und der Einführung von Post und Telegraf sowie der Elektrifizierung. Wie wir wissen, blieb das St. Antöniertal auch von Naturkatastrophen wie Lawinenniedergängen nicht verschont. Aber auch Feuersbrünste suchten das Tal heim. Ebenso berichten die Chronisten von vielen tragischen Unglücksfällen sowie von Krankheiten, welche die Leute dahinrafften.

Grosse Lebenserfahrung

Die Lawinengeschehnisse aus den Jahren 1935 bis 2019 hat Konrad Flütsch selbst aufgeschrieben. «Meine Erinnerungen gehen bis in das Jahr 1934 zurück.» Im Buch erfährt man auch einiges über die St. Antönier und die «Montafuner», über Heuerleute und Heinzen, über den Schmuggel sowie über Feuergefechte an der Landesgrenze.

Mit seiner grossen Lebenserfahrung kann Konrad Flütsch aus dem Vollen schöpfen, wenn es um die Kultur und das St. Antönier Brauchtum geht. Und auch als passionierter Jäger weiss der Autor einiges zu erzählen. Mythische Begebenheiten und Sagen runden das Werk ab. «Es erfüllt mich mit grosser Dankbarkeit, dass es mir vergönnt war, dieses Buch im hohen Alter zu schreiben», so Konrad Flütsch. Die Einleitung zum Buch überliess er Kurt Wanner, einem profunden Kenner der Geschichte der Walser. «Konrad Flütsch unterscheidet so im Themenfeld klar, was wissenschaftlich belegt ist und was aus seinem reichen Erfahrungsschatz an Erlebnissen in strengen Wintern, beim Heuen und Holzen oder auf der Jagd stammt», schreibt Jann Flütsch im Vorwort der Gemeinde Luzein. «Die Nachwelt wird Konrad Flütsch-Gansner, wie  es bei allen Chronisten so ist, dankbar sein für diese vorliegende Aufzeichnung. Wir haben das Vergnügen, uns noch persönlich mit diesem geistig sehr gegenwärtigen Zeitgenossen zu unterhalten und Antworten auf Fragen zu scheinbar längst vergangenen Zeiten zu erhalten.»

Erhältlich ist das Buch «Die Walser im St. Antöniertal» zum Preis von 35 Franken im Volg St. Antönien, im Ferienladen sowie im Ortsmuseum im «Post Chäller», ausserdem im Tourismusbüro Pany-St. Antönien sowie in der Druckerei Landquart, Betrieb Schiers.

hw