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Gesundheit
23.12.2020
23.12.2020 14:22 Uhr

Der Stoff, aus dem die Hoffnung ist

Ein kleiner Stich für einen Menschen, ein grosser Schritt für die Menschheit (Symbolbild: Shutterstock) Bild: Shutterstock
Die Schweiz hat als zweiter Staat Europas dem Coronaimpfstoff von Biontech-Pfizer die Zulassung erteilt. Und jetzt? Wie geht’s weiter? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

«Nichts ist schneller als das Licht. Weshalb wir unser Projekt zur Covid-19-Impfstoffentwicklung «Projekt Lightspeed» genannt haben», so die Ärztin Özlem Türeci, die gemeinsam mit ihrem Mann Ugur Sahin das Mainzer Unternehmen Biontech gegründet und in diesem Unternehmen innerhalb von nur elf Monaten die Hoffnung der Menschheit entwickelt hat: Den ersten auf dem Markt befindlichen Impfstoff gegen den Covid-19-Virus.

Warp-Geschwindigkeit bei der Virusentwicklung

Nur elf Monate von der Entschlüsselung des Genoms des Virus und den ersten Zulassungen des Vakzins. Die Entwicklung eines Impfstoffes dauert normalerweise eher elf Jahre. Also Warp-Geschwindigkeit (Startrek-Fans wissen Bescheid).

Ebenso Warp-Geschwindigkeit hat in einer rigorosen Kehrtwende die Schweizer Medikamentenzulassungsstelle Swissmedic hingelegt. Noch vor kurzer Zeit bestanden die Damen und Herren dort auf ihrem Standpunkt, keine Eilzulassung durchführen zu können, weil es dafür keine gesetzliche Grundlage gebe. Also Zulassung frühestens Ende Januar 2021. Aber es wird ja niemand daran gehindert, über Nacht gescheiter zu werden. Was bei Swissmedic geschehen ist. In einem wahren Kraftakt war die Approbation des Vakzins von Biontech-Pfizer plötzlich kein Problem mehr. «Der Nutzen des Impfstoffs überwiegt dessen Risken», so Swissmedic-Direktor Raimund Bruhin, «nach der minutiösen Prüfung der verfügbaren Informationen sind wir zum Schluss gekommen, dass dieser Covid-19-Impfstoff sicher ist.»

Wann geht’s mit der Impfung los?

So rasch wie möglich. Denn nach der Zulassung ist die Durchimpfung der Bevölkerung selbst nur noch eine logistische Megaaufgabe und eine Frage der Zeit. Und des Impfwillens von uns allen. Denn einen Impfzwang wird es nicht geben. Das hat der Bundesrat bereits klargestellt. Im Kanton St. Gallen sollen die ersten Vakzine ab 4. Januar 2021 gespritzt werden. Die Geschwindigkeit, in der geimpft werden wird, wird von der Lieferfähigkeit der Produzenten des Hoffnungsstoffes abhängen.

Doch wenn auch noch die Zulassung der in den Startlöchern stehenden Vakzine von Moderna-Lonza und Astra-Zeneca erfolgt ist, wird die Impfung der Impfwilligen wohl bis Ende August zu bewerkstelligen sein. Gerade heute sind die ersten 100´000 Impfdosen von Biontech-Pfizer in der Schweiz eingetroffen, im Januar folgen weitere 200´000 Dosen. Damit wird begonnen, jene betagten und am meisten gefährdeten Mitbürger zu impfen, die älter als 75 Jahre sind.

Das Ende der Pandemie?

Fragen wir den absoluten Fachmann. Ugur Sahin, der Entwickler des Biontech-Impfstoffes: «Bis sich die Impfung spürbar auf das Infektionsgeschehen auswirkt, müssten etwa 30 Prozent der Bevölkerung geimpft sein.» Zum Ende wird diese Pandemie aber erst kommen, wenn zwischen 60 und 80 Prozent entweder geimpft sind, oder durch die Erkrankung mit dem Virus Träger der Antikörper sind. Nur dann ist die sogenannte «Herdenimmunität» erreicht, und die Krankheit fällt in sich zusammen, da der Virus keine neuen Wirte zur Vermehrung findet.

Was können die Impfstoffe?

Die neuartigen mRNA-Wirkstoffe von Biontech-Pfizer und Moderna-Lonza erreichen eine Immunitätsrate von 95 Prozent. Der nach herkömmlicher Methode mit abgetöteten Viren arbeitende Wirkstoff von Astra-Zeneca eine Immunität von etwa 75 Prozent. Noch ist unklar, wie lange man nach der Impfung vor der Krankheit geschützt ist. «Bei allem was wir von den Immunantworten wissen, ist es sehr wahrscheinlich, dass der Schutz jahrelang anhält», sagte Florian Krammer, führender Virologe der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York in einem vielbeachteten Vortrag.

Die Frage, ob der Wirkstoff auch gegen Mutationen des Covid-19-Erregers wirkt, ist schnell beantwortet. Die Immunreaktion durch den Biontech-Impfstoff konnte im Labor 19 Virenvarianten neutralisieren. Das Mainzer Unternehmen geht deshalb davon aus, dass der Impfstoff auch vor bisher aufgetretenen Mutationen schützt. Aber wie bei der Grippeimpfung wird der Impfstoff künftig vermutlich regelmässig an die fortlaufenden Mutationen angepasst werden.

Ist die Impfung schädlich, gibt es Risken?

Nachdem in Doppel-Blind-Studien bereits über 60´000 Menschen die beiden mRNA-Wirkstoffe gespritzt bekommen haben, lässt sich klar antworten, dass die Impfungen nur Auswirkungen ähnlich einer Grippeimpfung zur Folge haben. Leichtes Unwohlsein, Kopfweh, leichte Gliederschmerzen. Ganz selten kam es zu allergischen Reaktionen. Betroffen waren vor allem Menschen, die schon zuvor einen allergischen Schock, eine sogenannte Anaphylaxie, gegen ein Medikament oder Lebensmittel hatten. Da diese sofort auftreten, werden alle Geimpften in der ersten halben Stunde nach der Impfung noch von geschultem Personal, das auch sofort Antihistaminika zur Hand hätte, beobachtet.

Die Vermutung von Impfskeptikern, dass es sich um «genmanipulierte» Impfstoffe handelt, ist ganz einfach fertiger Unsinn. Die Impfung verändert nichts an der menschlichen DNA. Ein Umschreiben der RNA in DNA ist schlicht unmöglich. Die gespritzte mRNA ist instabil und nach Gebrauch nach wenigen Minuten bereits nicht mehr nachweisbar.

Gibt es Langzeitwirkungen?

Bisher sind keine bekannt. Mögliche, sehr seltene Nebenwirkungen werden jedoch meist erst entdeckt, wenn sehr viele Menschen geimpft worden sind. Doch, wie bereits eingangs erwähnt: Der Nutzen der Impung überwiegt bei weitem die Risken.

gmh/uh