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Auto & Mobil
12.01.2021

Konzertsaal mit Stern und voller Power

Schön, schnell, edel: die Gefährte mit dem Stern haben ihren ganz eigenen Reiz (Bilder: Ulrike Huber, zVg) Bild: Daimler
Ein Mercedes ist ein Mercedes. Punkt. Als altgedienter Nutzer der Sternenflotte ist jede Fahrt mit einem neuen Modell wie ein Nachhausekommen.

Ja, tatsächlich. Für einen Mercedesfahrer ist in jedem Benz das ganz eigenen «Stern-Feeling» spürbar. Ein neues Modell ist wie ein Wiedersehen mit einem alten Freund samt anregendem Gespräch am Kaminfeuer. Ein Wiederfinden von vertrauten Gewohnheiten. So ist auch der getestete Mercedes CLS 53 AMG wieder eine Rückkehr in altbekannte Gefilde am Ufer der Zufriedenheit.

Manchmal ist der Autokauf eine ganz einfache Angelegenheit. Man muss nur dem Ausschlussprinzip folgen. Und keine Geldsorgen haben. Wer dann ein Car sucht, dass gleichzeitig von bestürzender Schönheit und Harmonie, von souveräner Kraft, von Modernität und technischer Allgemeingültigkeit erzählt, landet beinahe automatisch bei der Marke mit dem Stern. Und dann? E-Klasse? Geht nicht, weil das hatte man schon, mehrmals. Ausserdem sind die Kinder aus dem Haus. S-Klasse? Geht nicht, weil zu bonzig und chaffeurlastig. C-Klasse? Geht auch nicht, man will ja kein Massenprodukt über die Strassen bewegen (ständig vordere Plätze bei den Neuzulassungszahlen). GLE oder GLC? Geht nicht, einen SUV fährt schon meine Holde, die beste aller Eherfrauen.

Bild: Ulrike Huber

Fachwissen und guter Kaffee

Und schon steht man im Verkaufsraum des Autodealers seines Vertrauens vor einem CLS. In unserem Fall in der SternGarage in Heerbrugg mit ihrem mit stupendem Fachwissen glänzenden Verkaufspersonal, grossartiger Werkstatt und hervorragendem Kaffeegebräu. Für das Golden-Ager-Ehepaar mit gut gefülltem Konto ist der coupéförmige CLS eigentlich das logische Automobil. Smarter und schöner als eine klassische Limousine, sympathischer und individueller als ein SUV, seriöser und dezenter als ein Sportwagen. Auch wenn unter der vor einiger Zeit zu Ende gegangenen Ägide des Daimler-Oberhäuptlings Dieter Zetsche designmässig beim Benz kein Stein auf dem anderen blieb, so fühlen sich die von allen Ecken und Kanten befreiten Gefährte aus Stuttgart an wie Mercedes, riechen nach Mercedes und fahren wie Mercedes.

Stärker und zugespitzter

Wenn schon, denn schon. AMG nämlich. Der hauseigene Mercedes-Feinspitz-Veredlungs-Betrieb aus Affalterbach schafft es nämlich, die von ihm überarbeiteten Fahrzeuge bei nach wie vor ausgezeichneter Fahrbarkeit noch stärker und zugespitzter zu gestalten. Den Innenraum mit den edelsten Zutaten trotz sportlicher Tendenz noch nobler zu präsentieren und zu einem haptischen Erlebnis werden zu lassen. Unsere Wahl fiel also auf den Mercedes-AMG CLS 53 4MATIC+. Auf der schwarzglänzenden Coupékarosse spiegelten sich die LED´s des Schauraums wie das berühmte Licht in dunkler Nacht. Trotz Coupéform viertürig. Trotz anmutig abfallender Dachlinie mit reichlich Sitzkomfort auf den Zuschauerplätzen in der zweiten Reihe. Und mit einem Kofferraum, der ob seines Fassungsvermögens von 520 l jeder anständigen Limousine zur Ehre gereichen würde.

In guten wie in schlechten Zeiten

Liebe auf den ersten Blick. Dennoch würde erst eine ausgiebige Testfahrt Zeugnis darüber ablegen können, ob aus dem ersten Techtelmechtel, aus dem ausgiebigen Flirten mit dieser Schönheit auch eine stabile und ein Autoleben dauernde Verbindung in guten wie in schlechten Zeiten werden sollte. Die beste aller Ehefrauen an meiner Seite amüsierte sich wieder einmal köstlich an meinem dahinschmelzenden Blick aus feucht werdenden Äuglein. Amüsierte sich angesichts der immer mehr ins Dadaistische abgleitenden Konversation mit dem die tausend Funktionen der Elektronik erklärenden Verkaufsleiters.

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Ideales Geläuf für galoppierende Pferde

Unsere Erprobungsfahrt führte dann von Chur entlang der alten Nationalstrasse in Richtung San Bernardino. Das ideale Geläuf, um die 435 benzinoiden + 22 elektrischen PS galoppieren zu lassen. Natürlich immer unter strenger Beachtung des von unseren uniformierten Freunden und Helfern mit ebensolcher Strenge überwachten Tempolimits. Die absolut neutrale Lage des vierradgetriebenen Fahrzeugs in jeder Fahrsituation und die nachdrückliche, doch nie als unangenehm oder brutal empfundene Beschleunigung (0-100 km/h in 4,5 sec) in Verbindung mit der prächtig dosierbaren und im Notfall hammerhart verzögernden Bremsanlage machten das Fahren zu einem wirklichen Erlebnis.

Ausgereifte Elektronikfahrhelferlein

Ja, meine schönen Leserinnen und klugen Leser, Sie haben richtig entziffert. Ich traue mich noch, es laut auszuschreiben: ich liebe es trotz tiefer Besorgnis über den menschgemachten Klimawandel, Autos zu fahren. Vor allem natürlich Autos, die wie der AMG-CLS zwar mit allen ausgereiften Elektronikfahrhelferlein ausgestattet sind, die aber dennoch Fahrmaschinen geblieben sind. Bei denen die ganze Armada an Brems-, Fahrspurhalte-, Müdigkeitserkennungs- oder Abstandsauffahrverhinderungstempomatassistenten und was es sonst noch gibt, an Bord ist. Sich aber ohne aufdringliches Gepiepse und mit nur sanften Eingriffen ins Fahrgeschehen brav im Hintergrund hält.

Einzige Zeit für Musse

Ich mag ein alter analoger Knochen sein, doch das vielgepriesene autonom, also fahrerlos dahingleitende Auto sehe ich nicht als Fortschritt. Der deutsche Kabarettist Dieter Nuhr beschrieb kürzlich absolut treffend, dass die täglichen Fahrten zum und vom Arbeitsplatz heutzutage ja die einzige Zeit sind, in der man vom Mobile, SMS, Facebook, Twitter und Co. samt dem zugehörigen «Freundeskreis» weitgehend verschont bleibt. Im selbstfahrenden Gefährt hingegen wird man wieder durchgehend für alle und alles verfügbar erscheinen und an Handy, Laptop oder iPad hängen. Und so die einzige Zeit opfern, in der man nicht aufmerksam seinem mitteilungsbedürftigen Lebenspartner lauschen, und quasselnde Schwiegermütter oder lärmende Kinder ertragen muss. Die einzige Zeit für Musse, Konzentration, Nachdenken und ungestört genossene gute Musik.

Bild: Daimler

Gediegenste Atmosphäre

 Und gerade da bietet der AMG-CLS-Benz wahrlich Grandioses: ein Innenraum mit gediegenster Atmosphäre. Ledersitze, die mit ausgezeichnetem Seitenhalt auch über lange Strecken eine Wohltat für Rücken und Gesäss bieten. Nicht nur beheizt, sondern vollklimatisiert. Mit einer aus jeder der inzwischen Mercedes-typischen runden Lüftungsdüsen und entlang der Zierleisten vornehm schimmernden Ambientebeleuchtung, die in 64 Lichtfarben frei einstellbar ist. Perfektes Raumklima. Ein Cockpit, dass mit seinen virtuellen Anzeigen und über mehrere Eingabemöglichkeiten (Dreh-Drück-Steller!) mit der grossflächigen, sich über zwei Drittel des Armaturenbretts dahinziehende LED-Anzeige alle Stückchen spielt, aber auch den digitalen Trottel, wie ich es einer bin, nicht verzweifeln lässt. Denn für alle, die für die Menübedienung zu ungeschickt sind, gibt es für Klima und Audio noch die guten, alten, aber in ihrer Bedienbarkeit unübertroffenen Tasten und Drehregler. Gottfried Daimler sei Dank.

Wagnersche Walküren

Doch das Beste von allem: das Burmester Surround Soundsystem, um wohlfeile auf den noblen Kaufpreis noch draufzulegende 1´150 Stutz. Ein Schnäppchen, denn eine Burmester-Anlage für Zuhause kostet ein Mehrfaches. Im Auto sorgen 13 Hochleistungslautsprecher und präzise auf den Innenraum abgestimmte Elektronik- und Akustikelemente für einen Premium-Klang vom Feinsten. Ob die Wagnerschen Walküren durch die Gehörgänge reiten, sich mein All-Time-Favorite Elvis Costello in Bluesklängen verliert, oder Michael Bublé den weiblichen Ohren schmeichelt, die Fahrgastzelle wird zum komfortablen Konzertsaal.

Das Gute, Edle und Schöne

Wie immer durfte auch mein Rotschopf das Steuer übernehmen. Ihre Meinung ist mir wichtig. Wie jedem geeichten Ehegatten die Ansichten seiner Frau wichtig sein sollten. Denn die Weiblichkeit verfügt über Sensoren und Aufmerksamkeiten, die uns Männern in unseren Steinzeiten als Jäger und Beschaffer abhanden gekommen sind. Das Gefühl für das Gute, Edle und Schöne. Und was darf ich sagen, auch die mir seit Jahrzehnten Angetraute war begeistert. Von der Mühelosigkeit des Gleitens, vom gediegenen und kaum hörbaren Brummelns des 3,0 Liter Reihensechszylinders mit Turboaufladung und dem stromgespeisten EQ-Boost, der für eine ansatzlose Beschleunigung sorgt. Begeistert auch vom geschmackvollen Interieur, in unserem Testfahrzeug mit technoid und dennoch gemütlich wirkenden Karbonapplikationen, die eine wundervolle Ergänzung zum grossflächig vernähten Leder bilden.

Berückende Schlichtheit

Bemerkenswert harmonisch und geradezu von berückender Schlichtheit und Schönheit ist die Heckansicht der neuen CLS-Modellserie. Und das ist gut so, denn meistens werden ihn die anderen Verkehrsteilnehmer nur von hinten zu sehen bekommen.

 

ZAHLEN UND FAKTEN:

 

Mercedes GLS 53 AMG

Preis: ab CHF 127´200 inkl. MwSt., Listenpreis des Testmodells CHF 145´370

Motor, Antrieb: Benzin R6 2999 ccm mit EQ Boost, AMG Speedshift TCT 9G-Tronic, Allrad

Leistung: 320 + 16 kW (435 + 22 PS), 0-100 km/h in 4,5 sec

Normverbrauch: 11,6 (Stadt), 7,5 (Land), 9,0 (Gesamt) l/100km; CO2 206 g/km

Dimensionen: Länge 5,00 m, Breite 1,90 m, Höhe 1,44 m, Kofferraumvolumen 520 l, Tankinhalt 80 l.

Der Autor H.M.Fürstenberg lebt im St.Galler Rheintal. Als Connaisseur, Lebemensch und Autotester schreibt er seine Artikel im Stil des unvergessenen Paul Frère und der österreichischen Edelfeder Phil Waldeck.

H.M. Fürstenberg