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23.01.2021

Verschwörungstheorien von damals

Die Spanische Grippe wütete anfangs des vorletzten Jahrhunderts. Bild: zVg
Die aktuelle Corona-Pandemie erinnert an die Spanische Grippe von 1918/19.

Die aktuelle Corona-Pandemie, die uns heute Tag und Nacht beschäftigt – mündlich und schriftlich –, erinnert an die Spanische Grippe, die 1918/19 die Schweiz und viele Länder der Erde heimgesucht hat. Sie forderte mehr Todesopfer, als der 1. Weltkrieg, der von 1914 bis 1918 in Europa ein Blutbad angerichtet hatte. In der Schweiz, die aus «neutralitätspolitischen» Gründen vom Krieg verschont geblieben war, erlagen dieser Krankheit rund 25 000 Personen. Eingeschleppt wurde sie von amerikanischen Soldaten, die anfänglich in Spanien stationiert waren. Deshalb die «Spanische Grippe». Die Rede ist heute von 25 bis 50 Millionen Toten.

Als dann 1918 die Spanische Grippe in der Schweiz, insbesondere in der Armee ausbrach, war man sprachlos. Im Fokus stand aber nicht die Grippe, sondern der Generalstreik, der den öffentlichen Verkehr lahmlegte. Bund und Kantone waren im Gegensatz zu heute auf die Bekämpfung dieser Krankheit nicht vorbereitet. Zur Bekämpfung des Generalstreiks wurden wieder Truppen aufgeboten. Weil die sozialen Unruhen in den Städten – ein Paradebespiel ist Zürich – aus dem Ruder zu laufen drohten, wurden Truppen aus den Land- und Bergregionen aufgeboten. Man kann sich bis heute noch nicht genau erklären, weshalb vor allem Menschen (Soldaten) zwischen 20 und 40 aus diesen Gebieten am meisten von der Spanischen Grippe betroffen wurden. Die Sterberegister dieser Regionen – nicht zuletzt im Prättigau und in der Bündner Herrschaft, um nur zwei Beispiele zu erwähnen – belegen diese Tatsache. Da es sich bei diesen Grippeopfern in unseren Regionen auch um Älpler handelte, kann man (als Laie) annehmen, dass diese vorher mit keiner Infektion in Kontakt gekommen waren.

Die Spanische Grippe war für die Generation meiner Eltern und Grosseltern kein Thema wie das Coronavirus heute. Das Thema war der von den «Linken» inszenierte Generalstreik mit dem Ziel, die Regierung, das heisst den Bundesrat zu stürzen. Die Grippe war eine Nebenerscheinung... Hinter vorgehaltener Hand erklärte man uns später, diese Krankheit sei von den «Linken» bewusst und gezielt eingeschleppt worden. Aber Verschwörungstheorien und Theoretiker hat es schon hundert Jahre vor Donald Trump gegeben.

Machen wir uns aber heute nichts vor: Auch wenn uns heute die Corona-Pandemie Tag und Nacht beschäftigt, geht es uns Schweizerinnen und Schweizern bedeutend besser als der Generation unserer Eltern und Grosseltern damals. Abgesehen davon, dass die Medizin im Verlaufe eines Jahrhunderts «Quantensprünge» zu verzeichnen hat, sind die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse unvergleichlich: War vor hundert Jahren der Hunger (landauf, landab) eine Bedrohung, so bedroht die Corona-Pandemie heute den politischen und wirtschaftlichen Zusammenhalt der Gemeinden und Kantone. Maskenpflicht in den Schulen und an den Universitäten? Unsere Altvordern würden lediglich den Kopf schütteln...

ew