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Schiers
14.03.2021
12.03.2021 15:27 Uhr

Nicht die Kelten, sondern die Studenten

Der «Runen-Stein», der vor 40 Jahren die Bündner Geschichte hätte neu schreiben sollen, steht nun beim Pfadiheim Schiers. Bild: Marco Schnell
Ein mysteriöser Stein mit mutmasslich keltischen oder germanischen Runen hatte in Schiers und beim archäologischen Dienst Graubünden vor rund 40 Jahren für Aufruhr gesorgt. Von der «bedeutendsten Entdeckung» im Kanton wurde gesprochen.

Die einheimischen Jäger kannten ihn bestens: Jenen mysteriö-
sen Stein, welcher westlich der «Spitzlirüfi» und unterhalb des Maiensässes «Pilidetta» mitten im Wald stand. «Bim Denkmal», habe man diesen Ort genannt, erinnert sich der Schierser Peg Hartmann gegenüber dem P&H. Keiner habe gewusst, was dieser Stein mit den komischen Inschriften zu bedeuten habe und wie er dorthin gelangt sei.

Absolute Schweigepflicht

Auch Leonard Truog kannte diesen Stein. In seiner Funktion als ehemaliger Gemeinderat von Schiers wies er Anfang der Achtzigerjahre den damaligen Gemeindepräsidenten Klaus Huber sowie den Bürgerratspräsidenten Jakob Casal auf das «Denkmal» mit den Inschriften hin. Nach einer gemeinsamen Begehung und der fotografischen Dokumentation des Steins, meldete sich Casal beim archäologischen Dienst Graubünden. «Dieser legte ihm eine absolute Schweigepflicht nahe, weil durch den mutmasslichen Sensationsfund allenfalls die Bündner Geschichte hätte neu geschrieben werden müssen», schmunzelt Huber heute zurückblickend.

Aufwändige Bergungsaktion

Nach einem eigenen Augenschein ortete der Archäologische Dienst im Fund in einer ersten Einschätzung ein Grab-Mahl eines germanischen Mannes oder Kriegers. «Der Runen-Stein ist die bedeutendste Entdeckung, welche der Archäologische Dienst Graubünden je gemacht hat», lassen die damaligen Kantonsvertreter in einem Dokumentarfilm zuversichtlich verlauten. In der Folge wurde der Fundort mittels Theodolits exakt vermessen und kartiert und der Stein von rund einem Dutzend Leute ausgegraben, gesichert und für den Abtransport mit dem Helikopter vorbereitet. Am Folgetag flog die Air Grischa den rund 400 Kilogramm schweren Brocken nach Schiers, von wo aus er mit einem Tschudy-Lastwagen nach Chur überführt und von Archäologen und Behörden bereits mit Hochspannung erwartet wurde.

Stein der Weisen?

Von Jakob Casal

Da fand man jüngst ob Pusserein
In Waldestiefe einen Stein.
Geheimnisvolle, alte Zeichen,
Die unsrer Schrift bibitz nicht gleichen,
Erweckten alsbald Interessen.
(Der Schuss ging hinten aus, indessen)
Die Wissenschafter vom Kanton
War'n gleich zur Stelle und auch schon
Entführten sie den Stein nach Chur,
Zu rasch – dieweil man bald erfuhr,
Dass Schüler und nicht Allemannen
Die Runenschrift dort einst ersannen.
Passiert im Augschtä: Narräsachä,
Und d'Schierser hend äswas zum Lache!

 

45-jährig statt 1500-jährig

Während den nachfolgenden Untersuchungen durch Archäologen, Historiker, Germanisten und andere Fachleute stellte sich bald he-
raus, dass es sich bei den Inschriften auf dem Stein nicht um keltische oder germanische Runen handelt. «Die Zeichen und Schriften passten offenbar nicht zueinander oder zur angenommenen Zeit und hatten keine zuordbare Bedeutung. Bald stellte sich heraus, dass der Stein vor rund 45 Jahren von Schülerinnen und Schülern der Evangelischen Mittelschule Schiers und von Pfadfindern bekritzelt worden war, was dem damaligen Lehrer Senn von Anfang an bekannt gewesen wäre, wenn ihn jemand danach gefragt hätte», weiss Huber weiter zu erzählen.

Letzte Ruhestätte

Unsere Geschichtsbücher konnten somit unüberarbeitet belassen und der Runen-Stein zurück ins Prättigau transportiert werden. Dort hat er beim Pfadiheim Schiers nun seine letzte Ruhestätte gefunden und ist inmitten wuchernder Stauden und mit Moos bewachsen kaum mehr zu erkennen. Das ist vielleicht auch besser so – nicht, dass er von unseren Urenkeln einst wiederentdeckt, abermals als Sensationsfund taxiert und die Bündner Geschichte versehentlich doch noch neu geschrieben wird …

  • Klaus Huber, der damalige Gemeindepräsident von Schiers, begutachtet den Stein Bild: zVg
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  • Der Stein wird mit grossem Aufwand für den Abtransport mit dem Heli verladen. Bild: zVg
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