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Gesundheit
15.03.2021

Auswirkungen von Corona auf Suchtprobleme

Drei Fachstellen für Sucht erklären, wie und wieso sich das Suchtverhalten der Menschen während dem Corona-Jahr verändert hat.
Drei Fachstellen für Sucht erklären, wie und wieso sich das Suchtverhalten der Menschen während dem Corona-Jahr verändert hat. Bild: Linth24
Die Corona-Pandemie macht sich auch beim Suchtverhalten der Menschen bemerkbar. Linth24 hat nachgeforscht in der Region: Vor allem der Alkohol- und Tabakkonsum erhöht sich aus verschiedenen Gründen.

Drei von fünf regionalen – und auch eine nationale – Suchtstellen geben an, dass sich das Suchtverhalten während der Pandemie zu anderen Jahren ziemlich bis sehr stark unterscheidet. Regine Rust von der Stiftung Suchthilfe St.Gallen sagt: «Vor allem merkt man einen höheren Konsum von Alkohol, Nikotin und digitalen Medien wie Geldspiel, Gaming oder Shoppen.» Gleichgeblieben hingegen sei der Konsum von illegalen Substanzen wie Kokain oder Ecstasy.

Vitus Hug vom Blauen Kreuz St.Gallen bestätigt einen Unterschied in punkto Alkohol: «Nach meiner Einschätzung hat der Alkoholkonsum als Ganzes wohl abgenommen, was mit den fehlenden Ausgangs- und Eventmöglichkeiten zu tun hat. Sicherlich gibt es aber Personen, die zu Hause mehr Alkohol konsumieren.»

Genaue Daten zum Alkoholkonsumverhalten während des Lockdowns gibt es nicht, jedoch aber solche zum Tabakkonsum. Monique Portner-Helfer von Sucht Schweiz erklärt: «Die Daten zeigen, dass Menschen, denen es psychisch schlechter ging – aus sozialen oder wirtschaftlichen Gründen – ein grösseres Risiko hatten, mehr zu rauchen. Mehr Stress heisst häufig auch mehr Konsum.» Unter den täglich Rauchenden gaben gut 15% an, während dem Lockdown den Konsum erhöht zu haben.

Neue Beweggründe durch die Pandemie

Wieso das Suchtverhalten gerade während der Pandemie gestiegen ist, erklärt Monique Portner-Helfer folgendermassen: «Die Pandemie begünstigt Motive wie die Flucht vor Alltagssorgen oder Stress. Das sind Beweggründe, welche die Entwicklung einer Abhängigkeit oder eines problematischen Substanzkonsums fördern.» Zudem schaffe die Gesundheitskrise neue Risikogruppen in Bezug auf die Sucht: Personal im Gesundheitssektor oder im Verkauf und Transportbereich, Angehörige von Erkrankten oder Personen, welche die wirtschaftlichen Folgen tragen müssen, führt Monique Portner-Helfer auf. Besonders gefährdet seien jene, die schon vor der Pandemie Mühe hatten, ihren Substanzkonsum oder ihr Geldspiel zu kontrollieren.

«Auslöser sind vermutlich psychische Belastung, Einsamkeit, Perspektivenlosigkeit, Trauern und finanzielle Probleme»
Regine Rust, Stiftung Suchthilfe

Langfristiger Konsumanstieg

Im Hinblick auf die momentane Anzahl der Menschen mit einem Suchtproblem sagt Vitus Hug, dass die Fachstelle Blaues Kreuz ein Rekordjahr von KlientInnen und Anzahl Gesprächen hinter sich habe: Die Neuanmeldungen nahmen im vergangenen Jahr um 22 auf 98 zu. 1162 Beratungsgespräche wurden geführt (Vorjahr: 1085). Es sei jedoch schwierig abzuschätzen, wie weit dies mit Corona zu tun habe, da die Steigerung schon seit Herbst 2019 sichtbar wurde, so Hug.

Monique Portner-Helfer sagt, die eigentlich grösste und besorgniserregendste Frage sei, was passieren werde, wenn es weiter so bleibe und die ökonomischen Einbussen etc. zunehmen werden. Sucht Schweiz geht langfristig von einem Konsumanstieg beispielsweise beim Alkohol aus, insbesondere in sozial und ökonomisch benachteiligten Gruppen. «Frühere Studien zum Konsum in Krisensituationen zeigen, dass es sowohl kurzfristig zu einem Rückgang in der Gesamtbevölkerung als auch zu Anstiegen in Teilgruppen kam – also eine Verschlimmerung des Alkoholkonsums vor allem bei Personen mit bereits vorherigem problematischem Konsum», so Portner-Helfer.

«Besonders gefährdet sind die Gruppen, die bereits vor Covid ein starkes Konsumverhalten aufzeigten und Personen, die Alkohol zur Selbstmedikation bzw. Stressregulierung gebrauchten»
Monique Portner-Helfer, Sucht Schweiz

Alkohol: 1'150 Todesfälle, Tabak: 9'500

Eines der momentan häufigsten und auch eines der schlimmsten Suchtproblemen sei der Tabak. Die geschätzte Anzahl alkoholabhängiger Menschen in der Schweiz belaufe sich auf 250'000, informiert Monique Portner-Helfer und ergängzt, dass jedes Jahr rund 1'550 Personen an Folgen ihres Alkoholkonsums sterben – etwa 8% aller Todesfälle in der Altersgruppe der 15- bis 74-Jährigen seien alkoholbedingt.

Am besorgniserregendsten aber seien die Mortalitätszahlen beim Tabak: 9'500 Todesfälle pro Jahr seien auf das Rauchen zurückzuführen, also jede Stunde ein Todesfall, hauptsächlich wegen Krebsarten, Herzkreislauferkrankungen sowie die chronisch obstruktive Lungenkrankheit (COPD). «Nikotin ist einer der am schnellsten abhängig machenden Stoffe», sagt Monique Portner-Helfer. 

Internetkonsum hat während Corona stark zugenommen

Während der Pandemie hat sich aber auch der Onlinekonsum bemerkbar erhöht. Vor allem bei den jüngeren Altersgruppen wurde eine erhöhte Nutzung von Social Media, Netflix, Online-Shopping-Portalen oder ein erhöhter Gaming-Konsum festgestellt. Eine grosse Suchtfalle bildeten schon früher und auch jetzt während der Pandemie die Online-Geldspiele.

«Das Jahr 2020 brachte ideale Voraussetzungen für den Markt der Online-Geldspiele. Sorgen und Belastungen aufgrund der Gesundheitskrise können das problematische Spiel fördern. Schon vor Corona hatte fast jede zehnte Person, die online um Geld spielt, deswegen Probleme. Im Zuge der Pandemie werden mehr Menschen mit Werbung zum Spiel verleitet und sie riskieren, die Kontrolle zu verlieren. Auch hier ist wieder klar, dass Menschen, die schon zuvor Mühe hatten, den Konsum zu kontrollieren, während der Krise einmal mehr gefährdet sind», erläutert Monique Portner-Helfer.

«In dem Corona-Jahr hat wohl der Internet- und Handykonsum zugenommen, woraus ein Teil der Konsumenten dann Suchtprobleme entwickelten»
Vitus Hug, Blaues Kreuz St. Gallen
Vilan24 / Linda Barberi, Linth24