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Klosters - Saas i.P. - Serneus
07.04.2021
08.04.2021 10:17 Uhr

Dieter Walser: «Wir sind näher zusammengerückt.»

Bild: zVg.
Die Musikschule Prättigau hat vor wenigen Tagen ein neues Musikvideo zum Lied «Vario 21» online gestellt. Zu sehen ist dabei eine Auswahl der Musiklehrerinnen und Musiklehrer, wie sie zusammen online musizieren. In der Beschreibung wird erwähnt, dass es für die Lehrkörper wichtig sei, immer wieder zusammenzuspielen. So seien sie auch in unterschiedlichen Formationen aktiv, sei es als Orchester/Band mit Unterstützung von fortgeschrittenen Musikschülern, sei es als Ensembleformationen oder gar als Rockband (ms factory group GmbH) aktiv. Welche Wirkung so ein Musikvideo auf die Jugendlichen hat, wie es ist seit Corona zu unterrichten und warum sie keine Genregrenzen kennen, lest ihr hier im Interview mit dem Schulleiter der Musikschule Dieter Walser.

Welchen Einfluss hatte die Corona-Pandemie auf den Unterricht der Musikschule?
Natürlich wussten wir, dass wir den Unterricht komplett umstellen müssen. Organisatorische, rechtliche und finanzielle Abklärungen und Umstellungen waren kurzfristig erforderlich, was rasch gelang. Mehr Kopfzerbrechen bereiteten uns aber grundlegendere Fragen: Wie können wir die bisherigen Musikschüler trotz erschwerten Bedingungen bei «der Stange» halten? Und: Wie können wir – gerade während des eben begonnen Anmeldezyklus - neue Musikschüler dazugewinnen, wenn wir sie und ihre Eltern nicht im gewohnten Rahmen informieren, beraten und bei der Entscheidungsfindung begleiten dürfen? Hierbei ging es um existenzielle und wirtschaftliche Fragen. Oberstes Ziel war es darum, mit den Schülern resp. Eltern stets im direkten Kontakt zu bleiben sowie das jahrelang erarbeitete Vertrauen noch zu stärken.

War es für euch einfach den Unterricht ins Internet zu verlegen?
Wie in der Volksschule auch, hatten wir rund 10 Tage Zeit, um uns auf das Homeschooling vorzubereiten – nur mit dem Nachteil, dass die Digitalisierung im Musikunterricht noch kaum Einzug gehalten hat. Geeignete Programme zu evaluieren, die vor allem dem akustischen Anspruch genügen, die Lehrpersonen darin zu schulen und schlussendlich auch die Schüler zu Hause zu instruieren – dies in Absprache mit den Bedürfnissen der Volksschule -, das war eine riesige Herausforderung. Auch darum, weil unsere Lektionen inhaltlich angepasst werden mussten. Für den Vorkursunterricht, der ja im Klassenverband stattfindet, produzierten wir anstelle des Homeschoolings wöchentlich einen Unterrichtsfilm, der unseren Schülern sehr viel Spass bereitete.
Grundsätzlich sahen wir aber den Lockdown als Chance, unseren Musikunterricht zu «modernisieren». Die entsprechenden Erfahrungen werden wir künftig in neuen Unterrichtsangeboten einfliessen lassen.

Wie ist die Umstellung bei den Schülern angekommen?
Wir haben festgestellt, dass die gewichtigen Umstellungen im Unterricht sowie die Absprachen unter den Beteiligten die Beziehung zwischen Musikschule, Lehrpersonen, Schülern und Eltern gestärkt hat. Wir sind näher zusammengerückt. Zudem hat der Musikunterricht an Bedeutung hinzugewonnen, weil wir seit Monaten praktisch das einzige Freizeitangebot sind, das neben der Volksschule möglich ist. Unsere Schülerinnen und Schüler sind viel stärker fokussiert und machen grössere Fortschritte, weil sie im Freizeitbereich viel weniger verzettelt sind. Das kommt uns zugute!

Findet der Unterricht inzwischen wieder regulär statt?
Seit dem Ende des Lockdowns unterrichten wir wieder ganz regulär, jedoch mit den entsprechen-den Hygiene- und Schutzmassnahmen. Einzig die beiden Erwachsenenballettlektionen sind derzeit noch nicht möglich. Unsere Ballettlehrerin bedient ihre Erwachsenenschülerinnen aber regelmässig mit entsprechenden Trainingsvideos, damit diese nicht zu sehr ausser Form geraten. Leider nach wie vor stillgelegt ist der Projektchor. Die rund 85 Sängerinnen und Sänger warten seit über einem Jahr sehnlichst auf die Wiederaufnahme der Chorproben und damit auf die Fortsetzung des begonnenen Projektes.


Seit ein paar Monaten veröffentlicht die Musikschule regelmässig Musikvideos bei denen Schüler mit Lehrpersonen oder auch Lehrpersonen miteinander musizieren. Wie ist es dazu gekommen?
Wir sind eine Schule, in welcher der persönliche Kontakt unter allen Stufen sehr wichtig ist – dies auch im Sinne des eigentlichen Musizierens. Wir sind ein Team, verbringen gemeinsam Zeit und halten zusammen. Projekte sind für uns das geeignete Mittel, um diesen Austausch zu realisieren. Dabei stellt sich auch immer wieder die Frage, wie wir neue Musikschüler für unsere Sache begeistern können. In Zeiten, wo der persönliche Kontakt sehr eingeschränkt ist, geht es darum, andere Wege zu finden. Wir haben uns dafür entschieden, den digitalen Weg einzuschlagen. Unsere Homepage ist zu einer riesigen, interaktiven Plattform geworden, auf welcher wir breite Information und Fachwissen mit Persönlichkeiten und Projekten kombinieren und so Schülerinnen und Schüler für unserer Sache begeistern wollen. Das ist uns bisher nicht schlecht gelungen, konnten wir doch im vergangenen August mit rund 50 Schülern mehr ins neue Schuljahr starten.

In den Videos kommen neben der Rockmusik auch volkstümliche Klänge zum Zug. Wie wichtig ist euch als Musikschule die Vielfältigkeit?
Unser Leitspruch heisst «international, innovativ». Neben den Herkunftsländern, den Tätigkeits- und Erfahrungsbereichen unserer Lehrpersonen sowie der Zusammenarbeit mit ausländischen Partnerschulen steht das Motto auch für die den Unterricht beeinflussenden Stilrichtungen.  Volksmusik geniesst dabei einen sehr hohen Stellenwert. Im letzten Herbst haben wir in Zusammenarbeit mit dem Bündner Volksmusikverband eine Volksmusikinitiative lanciert und neben Klarinette, Schwyzerörgeli und Akkordeon mit Jodeln und Kontrabass zwei neue Fächer aufgenommen. Dafür wurden neue Lehrpersonen angestellt.

Kann man bei der Musikschule Prättigau grundsätzlich jedes Genre erlernen?
Wir sind eine Musikschule, die sich sehr stark auf die Bedürfnisse und Wünsche der «Kundschaft» ausrichtet. Wir sind offen für alles, legen aber grossen Wert darauf, ausgebildetes und motiviertes Lehrpersonal mit entsprechender, eigener Erfahrung sowie Vorbildfunktion einzusetzen. Nur so können wir unserer Verantwortung und unserem Anspruch an einen fundierten, professionellen Unterricht gerecht werden.

Im Video wird auch getanzt. Wie populär ist das von euch angebotene Ballett?
Seit über 20 Jahren führen wir mit der Musikschule Landquart und Umgebung zusammen erfolgreich eine gemeinsame Ausbildung, die von rund 90 Schülerinnen und Schülern in verschiedenen Levelstufen und Altersklassen besucht wird. Mit Robina Steyer steht dieser Ausbildung seit letztem Sommer eine Lehrperson vor, die als Solotänzerin in verschiedenen europäischen Theaterhäusern, als Dozentin sowie als Choreografin mit internationaler Erfahrung eine hohe Attraktivität und Qualität garantiert. Sie ist im klassischen Ballett ebenso versiert wie im Modern Dance. So erwarten wir auch in diesem Bereich eine Zunahme der Schülerzahlen.

Ein wichtiger Teil des jährlichen Programms sind bei Musikschulen die Konzerte. Wie bitter ist es für euch, dass diese nun schon zum zweiten Mal nicht stattfinden können?
Wir bedauern es natürlich sehr, dass wir derzeit keine Livekonzerte durchführen können. Mit unserer Clipbörse haben wir aber eine Plattform gefunden, wo unsere Schülerinnen und Schüler trotzdem ihr Können unter Beweis stellen können. Für eine Musikschule, die sich aber seit dreissig Jahren den Projekten verschrieben hat, damit den Schülern eine mittel- bis langfristige Perspektive anbietet und die Musizierenden aller Altersgruppen v.a. auf diese Art und Weise zusammenbringt, ist die derzeitige Situation schon sehr bitter. Trotz der momentanen Tatenlosigkeit sind wir aber am Planen neuer Projekte (Chorprojekt, Musical), so dass wir dann loslegen können, wenn es die Situation wieder erlaubt.

Sind Streamingkonzerte, wie sie die Tastentage in Klosters praktizieren, für euch eine Alternative?
Wir verfolgen die Situation betr. Schüler- resp. Streamingkonzerte an anderen Musikschulen sehr genau und tauschen uns innerhalb des Lehrkörpers immer wieder über neue Präsentationsformen aus. Dabei ziehen wir auch die Ideen, Wünsche und Bedürfnisse unserer Schülerinnen und Schüler mit ein. Mit unseren Film- und Clipprojekten haben wir für unsere Musikschüler eine Präsentationsvariante gefunden, die unseren Ansprüchen und Möglichkeiten eher entspricht und die wir gezielt und auch über längere Zeit im Anmeldezyklus nutzen können.

Als abschliessende Frage: Wann gibt's neue Videos?
Wir produzieren und laden laufend neue Videos auf unsere Homepage. Derzeit stellen wir gerade Instrumentendemoclips her. Ein Lehrerbandprojekt wie der eben fertiggestellte Song «Vario 21» ist ein Grossprojekt und benötigt vom Arrangement bis zur Fertigstellung des Films rund eineinhalb Monate Zeit. Trotzdem werden wir aber vor den Sommerferien mit unseren Kleinsten in allen Vorkursgruppen nochmals einen gemeinsamen Song einspielen. Der Erfolg des letztjährigen Songs «Mini Farb und Dini» hat uns dazu motiviert. Und zeitgleich sind wir daran, die Projekte der vergangenen 30 Jahre filmisch aufzuarbeiten und in einem Archiv verfügbar zu machen.

Christian Imhof