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Grüsch - Fanas - Valzeina
04.09.2021
05.09.2021 09:58 Uhr

Seit über 30 Jahren im Dienst des Heimatmuseums

Bild: Spielzeugkühe im Lauf der Zeit.
Hansluzi Kessler und Christian Gerber leiten das Prättigauer Heimatmuseum nun seit über zwei Jahrzehnten als Präsident und Vizepräsident. Im folgenden Interview geben Sie einige interessante Einblicke in die Geschichte des Museums und gehen der Frage nach, was ein Heimatmuseum heute ist und wohin es mit dem Prättigauer Heimatmuseum in Zukunft gehen soll.

Der Museumsverein wurde 1968 auf Betreiben des Landammans Bardill gegründet, weshalb gab es damals das Bedürfnis, ein Heimatmuseum zu schaffen?

Christian Gerber: Eines der Hauptmotive war, das man nach dem Krieg merkte, das unglaublich viele Dinge aus dem Tal wegkamen, an Antiquitätenhändler verkauft wurden. Die kamen zum Teil auch in die Dörfer und haben den Leuten Geld geboten für ihren Hausrat und dass hat offenabr gewaltige Ausmasse angenommen. Und da hatte man das Gefühl das müsse man stoppen, das habe keinen Wert, dass man jetzt das Tal ausplündere und dann ist nichts mehr da, was die nächste oder übernächste Generation auch interessieren könnte.

Hansluzi Kessler: Die treibenden Kräfte dahinter, das waren ja fast alles Lehrer, auch Landamman Bardill, der in Pany Primarlehrer gewesen war. Es ging schon darum, das man einen unglaublichen Ausverkauf der Heimat erlebt hat. Wobei man auch sagen muss, dass dadurch die Dinge plötzlich rein materiell einen gewissen Wert bekamen und die Leute merkten, vielleicht sollten wir das nicht wegwerfen, zumindest könnten wir es noch verkaufen. Es kamen sicher viele Objekte weg aus dem Tal, andererseits dürfte es auch dazu geführt haben, das viele Objekte erst gerettet wurden, da sieht man auch die Verbindung zu aktuellen Debatten, wo man da die Grenze zieht zwischen Raubkunst und der Frage, was dadurch erst erhalten blieb.
Und natürlich haben in der Zeit auch das Landesmuseum und viele deutsche Museen den Leuten ganze Einrichtungen abgekauft. Zum Beispiel in Fideris, das lange sehr wohlhabend war. Da hat man den nicht mehr ganz so wohlhabenden Nachfahren zum Teil Ganze Stuben mitsamt Kachelofen und Täfer abgekauft.
Das Stichwort war aber damals schon ‘Ausverkauf der Heimat’ und es gab auch in Schiers Leute, die Brüder Dietsch etwa, die wussten ganz genau, wer was hat und wie man mit den Leuten reden muss, die sind hin und haben gesamt, komm, ich kauf dir einen neuen Stuhl und du gibst mir dafür den alten, den brauchst du doch nicht mehr, auf die Art. Das war die Motivation für den Landamman Bardill, Gleichgesinnte zu suchen.

Bald fand man im Haus Pajola eine Bleibe und konnte erste Ausstellungen ausrichten. Fast ebenso bald wuchs man aber über die Räumlichkeiten hinaus und fand schliesslich im Obergeschoss des Kulturhauses Rosengarten in Grüsch eine neue Heimat. Und 2016 wurde das Heimatmuseum auch offiziell von Museumsverein an die Stiftung Haus Rosengarten übergeben und konnte so seine Zukunft längerfristig sichern.

Und Sie beide, wie sind Sie zum Heimatmuseum gekommen?

CCG: Früh, ich kann aber nicht mehr genau sagen, wann. Aber mir waren diese Dinge antürlich schon immer nahe, wenn man in einem dreihundert Jahre alten Haus aufgewachsen ist, wo noch vieles Vorhanden war, dann hinterlässt das natürlich Spuren.

HLHLK: Ich bin seit ich Seminarist war, Mitglied, war aber lange wenig aktiv, weil ich in der Zeit ja auch in Basel studiert habe. Was natürlich auch etwas ausgemacht hat, ist dass ich schon als Seminarist mit meinem ehemaligen Geschichtslehrer, Herrn Hochueli, der auch der erste Präsident des Museumsvereins war, auf Ausgrabungen war, da mitgearbeitet habe. Und auch weil ich in Basel ein Bisschen mitbekommen habe, wie es im Antiquitarienhandel so läuft.
Und dann kam ich als Lehrer zurück an die Mittelschule, das war 90/91, da hatte ich einen Kollegen, meinen ehemaligen Deutschlehrer, Hans Melchior Ludwig, der hat mich angehauen, man suche noch einen Vorstand für den Museumsverein, nur einen Beisitzer, das gäbe nicht viel zu tun. Das war im Jahr, nachdem man Herrn Gerber und Anne-Rose Ragettli, die sich auch sehr engagierte, für den Vorstand angeheuert hatte.
Und so sind wir drei in den Vorstand gekommen und kaum waren wir da, ist fast der gesamte alte Vorstand zurückgetreten und wir waren mehr oder weniger allein, dass war schon eine grosse Aufgabe, auch all die administrativen Aufgaben.

CG: Aber darum müssen wir uns inzwischen ja nicht mehr sorgen, seit das Museum in die Stiftung Rosengarten eingegliedert wurde.

Momentan sind Besucher ja schon fast eine Rarität, woran liegt das?

HLK: Corona war natürlich ein deutlicher Einschnitt, es wurden aber vorher schon weniger. Das mag auch daran liegen, dass wir beide nicht jünger werden und sicher nicht mehr mit dem gleichen Elan wie früher Wechselausstellungen organisieren können. Das sind auch Gründe dafür, dass wir im digitalen Bereich ausbauen wollen. Wenn die Leute nicht mehr ins Museum kommen, muss man eben das Museum dorthin transportieren, wo die Leute sind. Deshalb gibt es ja bald eine neue Webseite, auf der auch Inhalte aus dem Museum vermitteln werden.

Für was braucht es heute noch ein Heimatmuseum? Was bedeutet der Begriff Heimat heute?

CG: Schwere Frage. Mir geht es vor allem ums Objekt, das ich ansehen, vergleichen, vor allem auch in die Hand nehmen, tasten, fühlen, riechen kann. DA sehe ich einen riesigen Vorteil gegenüber dem Digitalen, in diesen Aspekten.

HLK: Der Begriff Heimatmuseum, die Heimat, das wurde ja auch immer wieder kritisiert, da kann man sicher viel darüber diskutieren. Das war natürlich mal im Zusammenhang mit dem Ausverkauf der Heimat für das Museum wichtig, die Frage ist aber, ob das heute noch so Sinn macht, ob man das beibehalten oder ändern soll. Da stellt sich dann aber die Folgefrage, was die Alternative wäre: wenn man Ortsmuseum sagen würde, würden die Leute sofort denken, dass ist ein Museum nur für Grüsch, wen man sagt Talmuseum, dann stimmt das auch nicht ganz, denn es gibt ja auch andere Museen, die sich mit dem Tal beschäftigen, in Klosters oder St. Antönien etwa, und nur Museum wäre zu wenig spezifisch. Da ist dann doch der Begriff Heimatmuseum, der ja auch aus der Geschichte des Museums Sinn ergibt am griffigsten.

CG: Ich würde auch nicht am Titel herumbasteln, aber das wäre natürlich interessant, im Rahmen einer Ausstellung über diesen Heimatbegriff nachzudenken.

Das Prättigau, ist das denn, im Angesicht der Entwicklung der letzten Jahre überhaupt noch eine in sich geschlossene Gemeinschaft im Sinne einer Heimat? Oder war es das überhaupt je?

HLK: Ha, gute Frage. Wenn es gegen Davos ging, da war das Prättigau natürlich immer eine geschlossene Front, aber wenn dann unter den Dörfern ging, dann war natürlich wieder Schluss mit Einigkeit, aber das ist doch überall so. Aber es ist natürlich schon so, dass die Orte im Prättigau sehr unterschiedlich sind, gerade auch in der Entwicklung, bezüglich der Sektoren Tourismus, Industrie und Landwirtschaft, da gibt es schon sehr unterschiedliche Entwicklungen, Klosters etwa, das schon sehr früh eine Tourismusgemeinde war, oder vor der Klus Landquart, dass noch lange hauptsächlich Industriegemeinde war, da waren die Gemeinden lange in sehr verschiedenen Positionen, wobei sich das in den letzten Jahren auch angeglichen hat.
Und wie weit sich das Tal als Gemeinschaft gefühlt hat, das ist schwierig zu sagen.

CG: Ja stimmt, wobei man bei den grossen Talfesten früher, wo alle Dörfer irgendwie einbezogen waren, schon das Gefühl hatte, das es so etwas wie Gemeinschaft gab, da sind die Leute auch zuhauf hingegangen. Da kann ich mich noch erinnern, als Junge, das hatte schon einen Sog, dass man das Gefühl hatte, ja es gibt einen Zusammenhalt im Tal. Aber heute, da scheint mir das nicht mehr ganz so, da bin ich nicht überzeugt, ob das noch funktioniert, das hat mit der Mobilität und der Motorisierung schon nachgelassen.

HLK: Ja stimmt, das war damals ja auch die Generation, die das Museum gegründet hat.

Wie gestaltet sich das Museum heute?

CG: Wir haben ein Schaudepot eingerichtet, auch weil uns der Platz auf dem Dachboden ausging. Da kann man sich als Besucher auch selbständig umsehen, die Objekte mal in die Hand nehmen. Mit allen Sinnen erfassen. Die haben wir einigermassen thematisch aufgebaut, wobei das natürlich das Problem mit sich bringt, dass wir nur wenig Platz für Sonderausstellungen haben momentan. Der Vorteil ist, dass man sofort sieht, wo es Lücken in der Sammlung gibt und wo man gut aufgestellt ist, zum Beispiel bei den Spinnrädern, da sind wir ausgestattet. Und die Besucher, die vor Corona gekommen sind, die haben das auch geschätzt, da hatte ich nur positive Rückmeldungen.

HLK: Es war aber schon auch so, dass wir sagen mussten, regelmässig eine Sonderausstellung, das ist ein ziemlicher Aufwand, und wir beide werden ja auch nicht jünger und Nachwuchs war auch keiner in Sicht. Da hat Herr Gerber dann früh die Idee des Schaudepots ins Spiel gebracht. Und es ist bei den meisten Objekten ja nicht so, dass es ein unwiederbringlicher Verlust wäre, wenn mal etwas kaputt geht, gerade bei den Werkzeugen, da wurde ja oft jahrzehntelang damit gearbeitet. Schön wäre, man könnte die Leute heute noch damit arbeiten lassen könnte, aber das ist natürlich eine Versicherungsfrage, wenn sich dann ein Kind in den Finger schneidet.
Deshalb haben wir ja auch die Tischvitrinen, da haben wir Objekte, bei denen man nicht will, dass sie angefasst werden, die Rasiermesser etwa, oder bei denen es Schade wäre, wenn sie wegkämen, wie die Schlüsselsammlung oder die Tapferkeitsmedaille, die es für die Soldaten, die beim Tuileriensturm kämpften, gab. Und wenn man mit den Leuten zusammen da ist, da kann man auch mal die Vitrinen öffnen und die Objekte mit den Gästen zusammen betrachten.

In welche Richtung könnte sich das Museum heute bewegen? Wo sehen Sie da spannende Entwicklungen?

CG: Ein Punkt wären sicher die Firmen hier im Tal, da könnte man ansetzten, sehen was sich da entwickelt hat, wo da Geschichte entsteht, wo man spannende Geschichten erzählen könnte.

HLK: Für mich gibt es da zwei Dinge, die mich spannende dünken. Das eine sind Entwicklungsreihen, etwa die Spielsachen von den alten Bainächüä bis zu den heutigen Plastikkühen, oder etwa die Wäscheklammern. Das zweite wären Schlüsselobjekte, da ist der Pflug, der unten steht, für mich eines, zum einen für die Industrialisierung der Landwirtschaft, aber auch für die Anbauschlacht Wahlen im zweiten Weltkrieg, da hat man ja auch noch eine Urkunde dazu. Das wäre für mich ein Schlüsselobjekt. Oder der Stammtisch-Aschenbecher aus dem Restaurant Krone. Da ist die Frage natürlich, warum ist der heute hier im Museum und nicht mehr im Restaurant, da ist der ein Schlüsselobjekt für das Rauchverbot. In der Hinsicht gibt es immer neue Objekte, die Geschichten erzählen.
Und dass man sich überlegt, was wird heute gedankenlos weggeworfen, denn das wird in fünfzig Jahren selten sein. Und man müsste auch schauen, wo haben wir Dinge, die noch dieselbe Funktion erfüllen, aber anders aussehen, aus anderen Materialien sind, vielleicht auch gar nicht als Fortsetzung wahrgenommen werden, aber sich doch in eine Entwicklung einreihen.

Sie haben ja schon erwähnt, dass Sie nicht jünger werden, da könnte Nachwuchs sicherlich nicht schaden?

HLK: Es wäre natürlich schön, wenn man jemanden jüngeres hätte, der sich engagiert, da würde das Museum schon davon profitieren. Ich habe ja auch selbst schon Leute gesucht und auch gefunden, nur jünger waren sie nicht [lacht]. Aber das ist heute halt schwierig.

CG: Ja, das ist heute schon so, wenn es um etwas bestimmtes geht, da findet man die Leute, aber wenn es etwas offenes, längerfristiges ist, das gestaltet sich schwierig.

Das Engagement für das Museum, was hat das Ihnen zurückgegeben?

CG: Der Umgang mit den Objekten aber natürlich auch der Kontakt mit den Leuten, das war sehr spannend und dann sah man auch, man machts nicht für nicht, das waren gut investierte Stunden, gerade die Gespräche würde ich sehr vermissen.

HLK: Gerade die Gruppen, das ergab immer interessante Gespräche. Einmal war auch die Kantonspolizei Graubünden da, für eine Übung. Das war noch witzig.

CG: Ja, da war ich auch dabei.

HLK: Da mussten wir eine Führung für einen Diplomaten und seine Frau geben und die Polzei hatte einen Überwachungsauftrag, Posten platzieren, sicher, das kein Attentat stattfindet. Das waren natürlich Laienschauspieler, ein Arzt aus Chur, aber für die Polizei war es ernst.

CG: Da wurde zuerst jedes Zimmer kontrolliert, und man konnte sich kaum drehen, da stand schon ein Polizist. Und natürlich musste man zu den berühmten Persönlichkeiten gebührend Abstand halten. Und vorgefahren sind sie mit drei Autos, auch da wurde von allen Seiten gesichert. Das war eine spannende und lustige Erfahrung.

Und wenn Sie jemanden überzeugen müssten, sich für das Museum zu engagieren, was würden dem- oder derjenigen sagen wollen?

CG: Man kommt in Kontakt mit einer Zeit, die vielleicht nicht mehr unsere Zeit ist, aber sicher eine wichtige Zeit war, man kommt in Kontakt mit den Materialien und man kommt in Kontakt mit den Menschen.

HLK: Ja, die spannenden Kontakte mit den Leuten, die kommen, mit dem was sie selbst erzählen, man kann auch Kontakte mit anderen Museen finden, auch an Kursen teilnehmen, die von den Museen Graubünden organisiert werden, so lernt man auch den Kanton und seine Museen noch mal ganz anders kennen. Und auch die Zusammenarbeit mit den Kollegen, die sehr bereichernd ist. Es ist auf jeden Fall sehr bereichernd.

Und wenn jemand Lust zum Mitmachen haben sollte, kann Hansluzi Kessler unter museum@kulturhaus-rosengarten.ch erreicht werden.

Als Student an der Fachhochschule Graubünden absolviert Jahn Sievers ein Praktikum im Kulturhaus Rosengarten. Sein Interesse galt dabei dem Heimatmuseum und seine Aufgabe war es, einen ansprechenden Internetauftritt für diese Institution zu gestalten. In diesem Rahmen entstand auch das vorliegende Interview.

pd