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«Du allein wirst Sterne haben, die lachen können»

Hebamme Nina Marchion aus Landquart hat im Dezember mit ein paar Trauerbegleiterinnen den Verein  Fachstelle für Krisen- und Trauerbegleitung OST gegründet.
Hebamme Nina Marchion aus Landquart hat im Dezember mit ein paar Trauerbegleiterinnen den Verein Fachstelle für Krisen- und Trauerbegleitung OST gegründet. Bild: L. Steinmann
Dass in Chur vor einiger Zeit ein Sternenkindergrab eingeweiht wurde und dass Hebamme Nina Marchion aus Landquart dessen Initiantin ist, war dieses Jahr bereits mehrmals in den Medien zu lesen und zu hören. Bei einem Besuch in ihrer Praxis hat sie P&H erzählt, warum ihr das Thema Sternenkinder, und dass darüber gesprochen wird, so sehr am Herzen liegt.

Obwohl mir der Friedhof Daleu in Chur nicht unbekannt ist, stehe ich dort vor einem mir noch unbekannten Ort, dem Kindergrabfeld. Dieses ist vor rund einem Jahr komplett umgestaltet worden. Seitdem befindet sich dort neu auch ein Gemeinschaftsgrab für Sternenkinder. «Das ist das erste Sternenkindergrab in Graubünden, das dem Bedürfnis einer Ruhestätte für Sternenkinder – Kinder, die vor, während oder bald nach der Geburt verstorben sind – nachkommt», erzählte mir Hebamme Nina Marchion, als ich sie Mitte letzter Woche zum Gespräch rund ums Thema Sternenkinder getroffen habe.
Die Fachfrau Kindsverlust lebt mit ihrem Ehemann und ihren zwei Kindern in einem Haus in Landquart, wo sie auch eine Praxis führt. Sie ist eine von wenigen Hebammen in Graubünden und in der Schweiz überhaupt, die Frauen auf Wunsch bei Kindsverlust professionell betreut und durch die Trauer begleitet. Zudem bietet sie rund um das Thema auch Kurse an, in denen die betroffenen Frauen bei der Bewältigung dieses traumatischen Erlebnisses Verständnis, Unterstützung und Hilfe finden.

Keine Worte finden

«In meiner Ausbildung zur Hebamme haben wir das Thema ‹Kindsverlust oder früher Tod eines Kindes›, was das für die Eltern bedeutet und wie wir sie begleiten können, nur gestreift», erinnerte sich Nina Marchion. Nach der Ausbildung zur Pflegefachfrau hat sie 2005 ihre Ausbildung zur Hebamme begonnen und drei Jahre später abgeschlossen. «Auch im Spital wurden wir, das heisst Hebammen in Ausbildung, bei Fehl- oder Todgeburten nicht so richtig hinzugezogen.» Sei es, weil man junge Frauen mit diesem Thema nicht zu sehr habe belasten wollen oder weil die Ausbildnerinnen und Ausbildner beim Eintreten einer solchen Situation selbst schon überfordert gewesen seien und selbst keine Worte dafür gefunden hätten.

Blick auf das Kindergrabfeld des Churer Friedhofs Daleu, in dem auch ein Gemeinschaftsgrab für Sternenkinder vorgesehen ist. Bild: L. Steinmann

Alles darf, nichts muss

«Heute ist die Gesellschaft gegenüber diesem Thema offener als noch vor zehn Jahren», sagte die Frau, die vor einigen Jahren die Weiterbildung «Professionelles Begleiten beim frühen Tod eines Kindes» von der Fachstelle kinds verlust.ch mit Sitz in Bern besucht und bis zum heutigen Tag zahlreiche Frauen nach ihrem Kindsverlust begleitet hat. Sie weiss aus Erfahrung, dass die Trauer um Sternenkinder viele Gesichter hat. «Deshalb ist es von immenser Wichtigkeit, dass Eltern, Geschwister und auch Grosseltern die Möglichkeit haben, sich von dem verstorbenen Kind zu verabschieden und um es zu trauern.» Wie lange und wie intensiv getrauert werde, liege ganz im Bedürfnis des Trauernden. «Dabei bin ich klar der Ansicht: Alles darf, nichts muss».

Fachstelle gegründet

Kindstod-Betroffene durch ihre Trauer zu helfen, sei eine sehr erfüllende Aufgabe – aber auch eine kräftezehrende, gestand die Fachfrau Kindsverlust im Verlauf unseres Gesprächs. «Da ist es unglaublich wichtig, sich mit anderen Fachleuten austauschen zu können und, wenn nötig, auch Rat oder Unterstützung zu holen.» Dazu habe sie erschrocken feststellen müssen, dass es in der Schweiz dafür keine Plattform gebe. Daher sei die Anfrage zur Mitarbeit bei der Gründung einer Fachstelle genau zur richtigen Zeit gekommen. So habe sie sich mit ein paar Trauerbegleiterinnen aus Graubünden zusammengeschlossen und im Dezember letzten Jahres den Verein Fachstelle für Krisen- und Trauerbegleitung OST ins Leben gerufen. Die neugegründete Fachstelle umfasst laut Nina Marchion das Gebiet der Schweizer Ostkantone Graubünden, Glarus, St. Gallen, Appenzell Ausser- und Innerrhoden sowie das Liechtenstein. «Unser Ziel ist es, Betroffenen in jeglichen Krisensituationen die passende Begleitung zu vermitteln und Fachleute und Institutionen zu beraten, zu fördern und zu vernetzen.» Zurzeit sei das Gründerteam mit dem Aufbau der Fachstelle, Öffentlichkeitsarbeit und Akquise von neuen Mitgliedern beschäftigt, zählte sie stolz auf.

Frauenfigur am Rande des Kindergrabfelds. Bild: L. Steinmann

Würdvoller Abschied

Auf die Frage, wie es dazu gekommen sei, dass es in Chur auf ihre Initiative ein Sternenkindergrab auf dem Friedhof Daleu unterhalb des Churer Bahnhofs gibt, antwortet sie: «Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort.» Viele Eltern hätten in den Gesprächen geäussert, dass sie sich einen schönen Ort wünschten, an dem sie ihre verstorbenen Kinder zur letzten Ruhe betten und würdevoll von ihnen Abschiednehmen könnten. «Da es in Graubünden noch kein einziges Grabfeld speziell für Sternenkinder gab, wandte ich mich an die Stadt Chur.» Als sie mit dem Stadtgärtner Urs Tischhauser über die Bedürfnisse der trauernden Familien gesprochen und ihm von ihrer Sternenkindergrab-Idee erzählt habe, habe sich schnell herausgestellt, dass sie bei ihm offene Türen einrenne.

«Heute sind wir mit der Gemeinde Ilanz über ein Sternenkindergrab im Gespräch, und soviel ich weiss, wird im November in Valendas eines eingeweiht», erzählte Nina Marchion weiter und führte lächelnd hinzu: «In den letzten Jahren haben sich viele Gemeinden gegenüber den Bedürfnissen von Sternenkinder-Eltern geöffnet und ermöglichen, eine würdevolle Bestattung der Kinder auch ohne rechtliche Grundlage.» Die Gemeinde Landquart als Beispiel zeige sich sehr offen und habe in diesem Zusammenhang sogar die Friedhofsordnung angepasst.

Wie zu Beginn erwähnt, stehe ich vor dem Kindergrabfeld. Als ich etwas melancholisch meinen Blick über die Wiese mit dem Brunnen, den kleinen Holzkreuzen, den Windrädchen, Vögelchen und Engelchen schweifen lasse, entdecke ich eine Grabplatte. Bei näherer Betrachtung erkenne ich auf dieser eine Zeichnung aus der Erzählung «Der kleine Prinz» des französischen Autors Antoine de Saint-Exupéry. Und dann höre ich, wie der kleine Prinz kurz vor seinem Tod zum Piloten in der Wüste sagt: «Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es dir sein, als lachten alle Sterne, weil ich auf einem von ihnen wohne, weil ich auf einem von ihnen lache. Du allein wirst Sterne haben, die lachen können.»

Weitere Informationen zu Kursen und Treffs zum Thema Kindsverlust gibt’s unter www.hebamme-nina.ch oder www.trauerkraft.ch. Falls Sie mehr über die neugegründete Fachstelle für Krisen- und Trauerbegleitung OST erfahren möchten, informieren Sie sich unter www.fkt-ost.ch.

L. Steinmann